Vom Maracanã ins Brügglifeld

Sechs Tage nach dem WM-Final beginnt heute die Super League. Der Favorit heisst wie immer Basel.

Auf in die neue Saison: Serienmeister FCB tritt heute in Aarau an. Foto: Freshfocus

Auf in die neue Saison: Serienmeister FCB tritt heute in Aarau an. Foto: Freshfocus

David Wiederkehr@DavidWiederkehr

Noch klingt er im Ohr, der letzte Pfiff im Maracanã von Rio de Janeiro. Und mit ihm der deutsche Jubel und Taumel – so richtig geendet hat er noch nicht. Sechs Tage ist es her, dass Deutschland den vierten WM-Titel errungen hat, und vor vier Tagen ist die Mannschaft von 400'000 Menschen in Berlin empfangen worden. Ein vierter Stern ziert jetzt das Trikot.

Nach dem Schlusspfiff blieb nur wenig fussballlose Zeit: Heute beginnt bereits wieder die neue Saison der Schweizer Super League. Sechs Tage nach dem WM-Ende wird angepfiffen, und der Kontrast könnte kaum grösser sein – vom Maracanã ins Brügglifeld. Dort, in diesem Stadion vergilbter Zeiten, startet heute Titelverteidiger Basel gegen Aarau ins neue Fussballjahr. Er tut das ohne seine Fans: Nach den Ausschreitungen an gleicher Stätte vor gut zwei Monaten bleibt der Gästesektor auf Befehl der Liga geschlossen. Um die Basler Fans vom Stadion (und dem Heimsektor) fernzuhalten, öffnet der FC Aarau die Tageskassen nicht.

Der FCB hat einmal mehr einen Umbruch hinter sich. Vorab auf dem Trainerposten: Auf Murat Yakin folgt Paulo Sousa, einst als Spieler zweifacher Champions-League-Sieger. Und was der Portugiese preis gab in den ersten Wochen seiner Amtszeit, das lässt die Fans im Jahr 1 nach Yakin auf attraktiven Fussball hoffen. «Die Spieler sollen feurig und hungrig sein, und wir wollen die Emotionen auf unsere Fans übertragen», sagt er, und er fügt an: «Ich will mehr als Resultate. Ich will die Siege fühlen.»

Die Millionen ausgegeben

Zu ersetzen waren die Nationalspieler Yann Sommer und Valentin Stocker, deren Transfers dem Club wenigstens einmal mehr schöne Erlöse einbrachten. Und die hat der Club umgehend re­investiert. Für geschätzte 12 Millionen Franken kamen der neue Goalie Tomas Vaclik von Sparta Prag sowie die beiden Stürmer Derlis González (Paraguay) und Yoichiro Kakitani (Japan). Und aus der Schweiz hat er Luca Zuffi von Thun, vor allem aber Shkelzen Gashi von den Grasshoppers verpflichtet. Damit wechselte der Torschützenkönig der vergangenen Saison von der Nummer 2 des Landes zur Nummer 1. Ein eindeutiges Signal.

Die Frage nach dem Favoriten stellt sich deshalb gar nicht erst. Einmal mehr nicht. Der sechste Meistertitel in Serie ist das Ziel. Nie zuvor hat diesen ein einzelner Club so geprägt wie seit nunmehr zwölf Jahren der FC Basel. Ebenso hat nie zuvor ein Schweizer Club so viel Geld verdient. Über 88 Millionen Franken setzte er im Jahr 2013 um und qualifizierte sich obendrein für die Champions League, ohne die Qualifikation bestreiten zu müssen. 88 Millionen sind doppelt so viel wie bei YB und das Siebzehnfache von Aarau. Der Begriff Konkurrenz scheint in der Schweiz kaum noch angebracht.

Die «Basler Zeitung» gibt sich siegessicher und prognostiziert einen Vorsprung von «mindestens zehn Punkten», doch was ist, wenn dem rundum­ erneuerten FCB der Start misslingt? Vielleicht sogar gründlich? Sousa fordert Geduld ein: «Wenn Sie in England Auto fahren wollen, müssen Sie sich an den Linksverkehr gewöhnen. Der eine braucht länger, der andere findet sich schneller zurecht.» Die Frage ist: Ab wann wäre lang zu lang?

Könnte ja nämlich sein, dass irgendeiner der Gegner den längeren Atem hat. Der FC Zürich zum Beispiel steckt sich hohe Ziele, mindestens einen Pokal wolle er am Ende der Saison stemmen, sagt der neue Captain Yassine Chikhaoui. Aber fehlt ihm ohne den schwer verletzten Mario Gavranovic nicht die Durchschlagskraft im Sturm? Die Abwehr scheint zudem leichtgewichtig. Oder GC, das den FCB zweimal fast bis zuletzt hatte fordern können. Trainer Michael Skibbe musste aber hinnehmen, dass ihm schon wieder der beste Spieler weggekauft wurde. Diesmal ausgerechnet von Basel. Ob Alexander Merkel den tor­gefährlichen Gashi ersetzen kann? Oder Yoric Ravet? Oder Mahmoud Kahraba?

Demut bei YB, Zirkus in Sitten

Bei den Young Boys ist Demut zu vernehmen nach dem dritten Platz im Vorjahr. «Wichtig ist, dass wir den Fokus auf die Arbeit legen und nicht auf den Titel», sagt Trainer Uli Forte. Das klang schon anders beim ambitionierten Club, hat aber nie funktioniert. Und trotzdem steht über allem das Versprechen, das Sportchef Fredy Bickel bei seinem Antritt im Spätherbst 2012 gegeben hatte: Innerhalb von drei Jahren werde YB einen Titel gewinnen. Im Tor steht weiterhin der junge Yvon Mvogo, Marco Wölfli ist noch immer nicht einsatzbereit. Und im Stade de Suisse liegt wieder Kunstrasen.

Das Mittelfeld beginnt mit den kauffreudigen St. Gallern und Luzernern, die ihre Kader durchlüfteten, die Ostschweizer konnten immerhin den früheren Nationalspieler Albert Bunjaku zu einer Rückkehr in die Schweiz bewegen. Auch Sion gehört allenfalls zu dieser Gruppe – dann jedenfalls, wenn doch noch ein Trainer gefunden wird, der die Lust verspürt, sich den Zirkus CC anzutun. Wenn aber nun schon die treue Seele Fredy Chassot die Mannschaft in die neue Saison führen muss, spricht das Bände. Und kann sehr wohl schiefgehen.

Bleiben Thun, Aarau und Aufsteiger Vaduz. Für sie zählt Rang 9, der Nichtabstieg. Thun hat finanziell wenig Spielraum und verlor seine besten Spieler an YB und Luzern, hat dafür Trainer Urs Fischer. In Aarau wirkt mit Sven Christ ein neuer Trainer, und die Vertragsverlängerungen mit Sandro Burki und Sven Lüscher sind zukunftsweisend, der Aufstiegsschwung aber ist jetzt in Vaduz. Und an den Liechtensteinern ist es, zu beweisen, dass sie eine Bereicherung sind für die Liga. Mehr als das Vaduz der Saison 2008/09 mit seinen durchschnittlich 2100 Zuschauern, das kaum einer brauchte.

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