«Was sind das für Menschen, die einem den Tod wünschen?»

Der Spitzenschiedsrichter Alain Bieri erhielt in diesem Frühjahr eine Morddrohung – im Interview erklärt er, wie er damit umgeht. Und ob er solche Nachrichten überhaupt liest.

«Ich muss alle zehn Sekunden einen Entscheid fällen. Das macht pro Spiel über 500 Entscheide. Ich kann unmöglich alles genau sehen»: Alain Bieri. Foto: Keystone

«Ich muss alle zehn Sekunden einen Entscheid fällen. Das macht pro Spiel über 500 Entscheide. Ich kann unmöglich alles genau sehen»: Alain Bieri. Foto: Keystone

Peter M. Birrer@tagesanzeiger
Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Sind Sie ein guter Schiedsrichter?
Wenn ich das Gefühl hätte, dass ich nicht gut bin, könnte ich wahrscheinlich keine Spiele auf diesem Niveau leiten. Aber ich glaube, dass ich das zu Recht darf – auch wenn ich nicht behaupte, dass ich ein überragender Schiedsrichter bin.

Wieso nicht überragend?
Das wäre ich wohl erst, wenn ich international mehr Erfolg hätte.

Wann haben Sie das letzte Mal etwas Positives über sich gehört oder gelesen?
Ich bemühe mich aus Selbstschutz, möglichst wenig über mich zu lesen, ob positive Dinge oder negative. Und es liegt in der Natur unseres Jobs: Wenn wir gute Arbeit abgeliefert haben, liest man darüber selten etwas. Aber ich habe auch gar nicht die Erwartung, viel ­Gutes über mich zu lesen.

Anfang März ging nach einem Match ein Schreiben bei Ihnen ein, das Sie als Morddrohung verstanden. Was machte das mit Ihnen?
Ich fragte mich: Muss ich das ernst nehmen? Wer ist das? Was sind das für Menschen, die einem den Tod wünschen? Wo leben wir da? ­Solche Gedanken begleiteten mich tagelang, und sie sind auch jetzt noch präsent. Ich reichte Strafanzeige ein, weil die Person, die so etwas macht, wissen muss, dass nichts eine solche Aktion legitimiert.

Was ist mit dieser Person passiert?
Das Verfahren läuft noch. Es ist nicht das erste Mal, dass ich so etwas erlebe. Vor ein paar Jahren drohte mir jemand, wenn ich das nächste Mal nach St. Gallen käme, würde mir etwas passieren… Ich ging zur Polizei, der Täter wurde eruiert. Er entschuldigte sich, ich stellte die Bedingung, dass all ­seine Einträge in den Foren gegen mich gelöscht werden und er 200 Franken einer gemeinnützigen Institution spenden muss. Dann zog ich die Anzeige zurück. Die Person muss lernen, dass eine solche Attacke nicht zu dulden ist. Viele der Mails, die wir bekommen, beinhalten irgendwelche Beleidigungen. Diese Post wird schnell entsorgt.

Lesen Sie alles?
Gezwungenermassen. Was im Maileingang auftaucht, lese ich.

Wie viele Mails erhalten Sie nach einem Match?
Manchmal keine, manchmal zehn.

Und dann lesen Sie zehnmal, dass Sie nichts können…
...das wäre noch eine harmlose Form. Aber diese Menschen wissen nicht nur, was der Schiedsrichter verkehrt gemacht hat, sie wissen auch, welche Spieler der ­Trainer aufstellen muss, welches System das richtige ist – sie wissen alles. Für mich sind das Wutbürger, die grundsätzlich Frust ­haben. Und einer muss dafür den Kopf hinhalten.

Zwischen dem 17. Februar und dem 10. März leiteten Sie vier Spiele, in Basel, Lugano, Aarau und Thun, und nach jedem gab es Diskussionen wegen strittiger Entscheide. Schlugen Sie da erst recht keine Zeitung auf?
Ich lese grundsätzlich keine Berichte von Partien, die ich leitete.

Die Fernsehzusammenfassungen werden Sie geschaut haben…
...ja…

...und da kamen Sie nicht speziell gut weg.
Die Berichterstattung im Fernsehen empfinde ich als relativ neutral, sie ist kaum einmal sehr kritisch. Es werden Dinge infrage gestellt, aber ich muss ja auch sagen: In den Partien, die Sie ansprechen, gab es Szenen, die man kritisch ­beleuchten darf.

Im welschen Fernsehen fiel in einer Sendung der Satz: «Bieri pfeift manchmal falsch und oft für die Gleichen.» Das heisst zugespitzt: Sie leisten sich Fehler – und sind parteiisch.
Wenn man mir Absicht unterstellt, entbehrt das jeder Grundlage. Derartige Kommentare sind völlig unfair und so abstrus, dass ich mir solche Beiträge nicht anschaue.

Sie werden sicher darüber informiert. Gehen solche Spitzen spurlos an Ihnen vorbei?
Nein, weil mich ein Gefühl von Ungerechtigkeit befällt. Ich behaupte ja nicht, fehlerfrei zu sein, um Gottes willen, ich hatte zwei, drei Entscheide, die ich mithilfe des Video Assistant Referees (VAR) anders gefällt hätte. Aber noch gibt es den nicht, noch muss ich innert kürzester Zeit entscheiden. Wenn man kritisiert, dass ich in einer Situation falsch gelegen habe, ist das kein Problem.


Video: Sandro Schärer und Alain Bieri testen in Thun den Videobeweis

Die ersten Eindrücke sind gut. Video: Marcel Rohner


Haben Sie ein Beispiel?
Bei Thun - Zürich verzichtete ich nach einer Intervention von Goalie Guillaume Faivre gegen Benjamin Kololli auf einen Penaltypfiff – unter dem Strich ist es ein Foul. Ich muss danach keine Ausrede ­suchen. Fehler, Punkt!

Wenn Sie in der ersten Halbzeit eine strittige Aktion hatten, schauen Sie in der Pause die Bilder an?
Das kommt vor.

Blockiert es Sie nicht, wenn Sie wissen, dass Sie allenfalls einen gravierenden Fehler gemacht haben?
Mir ist es wohler, wenn ich sofort Bescheid weiss. Sonst studiere ich möglicherweise länger darüber nach, ob ich hätte pfeifen müssen oder nicht. Manchmal versuchen Trainer oder Spieler in der Pause weiszumachen: klarer Fall, wir haben eben die Bilder gesehen. Dann schaue ich mir die besagte Sequenz selber an und komme zum Schluss: Klar ist hier gar nichts.

Wenn Zürichs Präsident Ancillo Canepa auf der Tribüne von Skandal redet, dass Sie Faivres Foul an Kololli nicht erkannten, wenn Trainer Ludovic Magnin bemerkt, er sehe das aus 500 Metern Entfernung: Was geht Ihnen da durch den Kopf?
Das ist Polemik. Die Herren haben doch keine Erfahrung als Schiedsrichter, sie wissen nicht, wie das ist, einen solchen Entscheid mit ganz neutraler Optik zu treffen. Aber vielleicht meinen sie, es gehöre zur Unterhaltung in diesem Geschäft.

Können Sie darüber lachen?
Nein. Eigentlich ist es ein Zeichen von mangelndem Respekt unserer Arbeit gegenüber. Selber noch kein Spiel gepfiffen und dann behaupten, man sehe etwas aus 500 Metern Distanz… Das ist dasselbe, wie wenn ich mir erlauben würde, nach einem haltbaren Treffer zu sagen: Diesen Ball hätte sogar ich abgewehrt – obwohl ich noch nie in meinem Leben Goalie war. Ich masse es mir nicht an, die Arbeit eines Präsidenten, eines Trainers, eines Sportchefs, eines Spielers zu beurteilen. Gleichzeitig ist das Umgekehrte normal.

Offenbar wird das toleriert.
Ich kenne es nicht anders. Ein Trainer sagte mir einmal: «Ich darf reklamieren.» Ich sagte: «Nein, Sie gehen von falschen Voraussetzungen aus.» Wenn mir jemand sagen will, ich hätte einen Fehler gemacht, geht das auch sachlich, unpolemisch und abseits der Öffentlichkeit. Ich finde, wir Player in diesem Business sollten uns mehr als Partner sehen, weniger als Gegner. Sehr oft ist es ein Ablenken von den eigenen Problemen, wenn man auf den Schiedsrichter losgeht. Schade.

Als Sie in Basel einen Penalty gegen Sion pfiffen, hat Ihnen der Walliser Präsident Christian Constantin ins Gesicht gesagt, Sie seien ein Betrüger…
...hat er, ja...

...und er erhält dafür 500 Franken Busse. Ist das eine angemessene Sanktion?
Es ist nicht mein Job, das zu beurteilen. Wie viel 500 Franken für Herrn Constantin sind, will ich nicht weiter kommentieren. Es gibt Dinge, die gehören sich einfach nicht für einen Präsidenten.

Was geht in Ihnen vor, wenn sich Constantin vor Ihnen aufbaut?
Es beeindruckt mich nicht besonders. Auch deshalb, weil mir bewusst war, dass Herr Constantin die Szene nicht völlig neutral angeschaut hat. (Sion-Goalie Fickentscher hatte zuerst den Ball gespielt, aber danach deutlich Bua getroffen.) Er sagte mir auch noch, der FC Sion würde nicht mehr zur zweiten Halbzeit antreten und heimfahren.

Ja?
Ich nahm es zur Kenntnis. Es half sicher, dass ich ein relativ ruhiger Mensch bin. Ich darf mich nicht einschüchtern lassen. Obwohl: Was danach medial passierte, war schon massiv. Aus diesem Penaltypfiff einen Skandal zu machen, das ist unverständlich. Die Journalisten, die solche Schlagzeilen ­machen, müssen sich bewusst sein, was sie damit auslösen.

Nämlich?
Dass sie die Stimmung unnötig aufheizen. Vielleicht verkaufen sie ein paar Zeitungen mehr, ist ja schön für sie. Aber sie tragen auch noch eine andere Verantwortung.

Wenn Sie in einem Stadion verhöhnt und beleidigt werden…
...prallt das an mir ab.

Früher riefen die Zuschauer noch, wenn sie unzufrieden waren: «Schiedsrichter ans Telefon!» Irgendwann hiess es: «Hängt sie auf, die schwarze Sau!»
Die Sprache ist rauer geworden, aber das ist ein gesellschaftliches Phänomen. Und die sozialen ­Medien, die Möglichkeit, Kommentare abzugeben und anonym zu bleiben – das alles kommt ­erschwerend hinzu.

Kamen Sie – gerade in diesem Frühjahr – nie an den Punkt, an dem Sie dachten: Schluss, ich habe genug?
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte mir nie Gedanken darüber gemacht. Will und brauche ich das noch?

Was hat Sie motiviert, nicht aufzuhören?
Ich will den Leuten, die mich angreifen und verunglimpfen, nicht Recht geben. Ich lasse mich nicht zum Rücktritt drängen.

Woher nehmen Sie die mentale Stärke?
Ich bin seit 25 Jahren Schiedsrichter, und wenn man einen 5.-Liga-Match an einem Sonntagmorgen leitet, gehts manchmal noch anders zu und her. Nur kann man am Montag über seine Leistung nichts lesen. Man lernt in dieser Funktion, man sammelt Erfahrungen Und ich habe ein gutes Umfeld, Freunde, die mich unterstützen, die sagen: «Du hast 180 Partien in der Super League geleitet. Du kannst unmöglich eine Pfeife sein, sonst hätten sie dich längst aus dem Verkehr gezogen.»

Wieso sind Sie gerne Schiedsrichter?
Weil trotz allem bis 80 Prozent der Spiele ohne grössere Probleme über die Bühne gehen. Und weil man dafür viel Anerkennung bekommt. Vielleicht nicht von der Fankurve, aber das erwarte ich auch nicht, weil die Wahrnehmung der Fans von ihren Emotionen geprägt ist. Aber viele Leute, die das neutral und gelassen anschauen, finden es eine beeindruckende Leistung, ein Spiel zu leiten und dem Druck standzuhalten.

Haben Sie sich schon über die eigene Leistung geärgert?
Es gibt Momente, in denen ich im Nachhinein denke: Gottfriedstutz, wieso habe ich das nicht gesehen? Andererseits muss ich alle zehn ­Sekunden einen Entscheid fällen. Das macht pro Spiel über 500 Entscheide. Ich kann unmöglich alles genau sehen. Vieles hat mit Erfahrung, mit Bauchgefühl zu tun, auf das ich mich auch einmal verlassen kann. Aber wenn es dann eine Häufung von Spielen mit kniffligen Entscheiden gibt, fängt man an zu zweifeln: Kann ich mich noch auf mein Gefühl verlassen? Diese Verunsicherung, die ärgert mich.

Welche Spieler sind für Sie im Umgang schwierig?
Tendenziell sind es eher die Älteren, jene mit ausgeprägter Persönlichkeit, die gerne kommunizieren und die jeder Trainer gerne in seiner Mannschaft hat. Die Jungen, die aus den Academys kommen, halten sich mehrheitlich zurück.

Georges Bregy soll früher manchmal schon nach 30 Sekunden zum Schiedsrichter gesagt haben: «Du pfeifst heute wieder einen Mist zusammen.»
(lacht) Und dann gibt es jene, die im zweiten Meisterschaftsspiel ­sagen: «Die ganze Saison schon immer gegen uns...» Das sind Standardsprüche, über die man schmunzeln kann und soll.

Ist es eine Kunst, weghören zu können?
Ja.

Gibt es nie einen Konter von Ihnen?
Doch. Als Schiedsrichter dürfen wir nicht zu dünnhäutig sein. Es wird verlangt, dass wir einstecken können, das ist auch okay. Aber dann sollten wir auch einmal reagieren dürfen. Früher machte ich das nie, heute kommt es zwischendurch vor.

In welcher Form?
Als einmal ein Ersatzspieler eingewechselt wurde und nach einer Minute schon reklamierte, sagte ich ihm: «Du darfst das nächste Mal etwas sagen, wenn du von ­Anfang an spielst.» Das ist ja nicht unanständig.

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