«Wir haben den grössten Absturz erlebt»

Für Hans-Joachim Watzke und Borussia Dortmund geht mit dem Rückrundenstart in der Bundesliga der Abstiegskampf weiter. Dem Geschäftsführer setzt die Not zu, vom Trainer ist er noch immer überzeugt.

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Denken Sie manchmal an das ­Undenkbare?
(lacht) Ja, natürlich, das ist doch klar.

Das Undenkbare ist . . .
. . . ich weiss schon, was Sie damit meinen. Wenn eine Mannschaft nach 17 Runden da steht, wo wir stehen, nämlich an 17. Stelle, wäre es fahrlässig, würden wir uns nicht mit dem Abstieg beschäftigen. Nach 17 Spielen gibt es keinen Zufall mehr. Aber natürlich sind wir sehr zuversichtlich, den Klassenerhalt zu schaffen.

Was beschäftigt Sie vor allem, wenn Sie an die schwierige Lage des Clubs denken?
Die Situation als Ganzes beschäftigt mich. Und sie nimmt mir durchaus ein Stück Lebensqualität.

Das Verrückte ist doch: Dortmund könnte am Saisonende auf einem Abstiegsplatz stehen, aber die ­Qualität könnte auch reichen, um sich auf einen Champions-League-Platz vorzuarbeiten.
Wir können am Saisonende auf keinem Champions-League-Platz sein, das ist völlig unrealistisch. Also sollten wir uns mit dieser Thematik auch nicht beschäftigen. Abgesehen von den beiden Cup-Wett­bewerben geht es für uns ausschliesslich darum, den Ligaerhalt zu schaffen.

Ist es mit dieser individuellen Klasse nicht denkbar, dass Dortmund einmal neun, zehn, elf Spiele in Serie gewinnt?
Wenn ein Club von 17 Partien nur 4 ­gewonnen hat, dann sollte er demütig sein. Es nützt nichts, wenn wir uns ­aufplustern. Dennoch sind wir opti­mistisch, dass wir unser Problem ­lösen können.

Ist das jetzt nicht gar viel Understatement?
Nein. Wir haben gegenüber dem Tabellenletzten keinen Punkt Vorsprung (Freiburg liegt mit 15 Punkten gleichauf mit Dortmund). Auf Rang 4 (Gladbach) sind es zwölf Punkte Rückstand, auf einen ­Europa-League-Platz ebenfalls zwölf. Deshalb sind Gedanken über den europäischen Wettbewerb absoluter Quatsch.

Beschäftigt Sie die prekäre Situation gelegentlich auch nachts?
Dass ich derzeit nicht so gut schlafe wie sonst, ist doch ganz normal. Es ist für uns eine ganz harte Zeit. Überhaupt niemand in Europa hat vorausgesagt, was mit uns passiert. Wir haben den denkbar grössten Absturz erlebt. Unser Problem ist, dass wir nicht einmal im Ansatz mit einer solchen ersten Saisonhälfte rechnen mussten und es auch keine Königserklärung dafür gibt. Dazu haben verschiedene Gründe beigetragen.

Welche?
Erstens hatten wir unglaubliches Verletzungspech. Spieler wie Blaszczykowski, Subotic oder Sahin sind monatelang ausgefallen. Marco Reus verletzte sich im letzten Länderspiel vor der WM und fiel bis Mitte August aus, er erlitt Anfang September im nächsten Länderspiel zum zweiten Mal eine schwere Blessur, Mats Hummels war wochenlang nicht dabei. Und schliesslich folgte bei Reus der dritte, schwere Rückschlag in Paderborn. Durch die Rekonvaleszenten und ständigen Verletzungen hatten wir schon in der Vorbereitung nie ein ­körperlich 100 Prozent intaktes Kader. Das wiederum erhöhte die Belastung der ­gesunden Spieler und verhinderte ein gemeinsames Einspielen.

Der zweite Grund?
Die Weltmeisterschaft, von der wir ­erheblich betroffen waren. Nicht, weil unsere Spieler sehr viel gespielt hätten, aber weil sie doch dabei und die hauptsächlich jungen Leute von den Eindrücken komplett überwältigt waren. Damit ist der eine oder andere zu Beginn der Saison nicht optimal umgegangen. Und als dann die Verletzten allmählich zurückkehrten, war das Selbstvertrauen verloren gegangen – damit sind wir beim dritten, ganz entscheidenden Grund: Als Verein, der von ganz oben gekommen ist, verfügen wir auch über keine Automatismen für den Abstiegskampf. Wir brauchten deshalb die Winterpause dringend und hatten nun fast vier ­Wochen Vorbereitungszeit. In der Rückrunde werden wir mit Sicherheit eine andere Borussia sehen.

Brauchen die Spieler psychologische Hilfe, um im Abstiegskampf dem Druck standzuhalten?
Psychologische Hilfestellung gab es bei uns immer, selbst in den erfolgreichen Jahren. Wir arbeiten in diesem Bereich schon seit mehreren Jahren mit einem Experten zusammen, der früher an der Ruhr-Universität Bochum gelehrt hat.

Wie erklären Sie sich die riesigen Leistungsunterschiede von der Bundesliga zur Champions League mit vier Siegen und einem Unentschieden in sechs Partien gegen Arsenal, Galatasaray und Anderlecht?
In der Champions League hatten wir in den ersten vier gewonnenen Spielen stets die günstige Konstellation mit einem ­relativ frühen Führungstor. Nach dem 1:0 war auch das Selbstvertrauen da. Ausserdem hatten wir es in der Champions League meist auch mit Teams zu tun, die mit­zuspielen versuchten und sich nicht wie die meisten unserer Bundesliga-­Gegner auf die Defensive beschränkten.

Im Spätherbst wirkte irgendwann auch der sonst rhetorisch so begabte Trainer Jürgen Klopp ratlos. Haben Sie das auch so wahrgenommen?
Nein. Dass ein Trainer nach Niederlagen einmal niedergeschlagen ist, finde ich normal und authentisch. Es wäre schlimm, wenn er das überspielen müsste. Ich habe Jürgen Klopp als sehr echt erlebt. Wir sind nach dem letzten Spiel vor der Winterpause acht Stunden zusammen­gesessen und haben die Vorrunde intensiv diskutiert und analysiert. Ich glaube, dass wir mit ihm gut aufgestellt sind.

Hatten Sie nie den leisesten Zweifel, ob Klopp noch der richtige Trainer für Dortmund ist?
Nein, überhaupt nicht.

Weshalb nicht?
Weil Sportdirektor Michael Zorc und ich gut beurteilen können, wie Klopp arbeitet. Ein Trainer kann ganz grundsätzlich schleichend etwas verlieren. Was aber nicht möglich ist: dass im Sommer noch alles golden ist, nachdem vorher überhaupt während Jahren alles perfekt war, und dann plötzlich von heute auf morgen nichts mehr geht. Das kann nicht sein. Klopp ist noch genauso engagiert, motiviert und innovativ wie eh und je. Wir sind zu 100 Prozent überzeugt von ihm.

Sie haben wiederholt gesagt, Jürgen Klopp sei unentlassbar.
Das bleibt auch so. Und ich weiss auch genau: Wenn es irgendwann einmal nicht mehr gehen würde, wäre Klopp der Erste, der zu mir käme.

Das heisst: Der Trainer würde sich in Dortmund selbst entlassen?
Er würde zumindest darüber sprechen wollen. Aber dass wir diesen Trainer in die Geschäftsstelle zitieren, um ihn herauszuschmeissen, ist völlig undenkbar.

Es ist auch schön, dass Sie als ­Verantwortlicher des Vereins so reden können.
Ja, klar. Dieses gegenseitige Vertrauen hat bei uns in der Vergangenheit auch diese Leistungen ermöglicht. Trotzdem muss man stets bedenken, dass wir in unseren ersten Erfolgsjahren immer am äussersten, wirklich am äussersten ­Limit unserer Möglichkeiten spielten. Es ist für uns auch schwieriger als für Bayern München oder Real Madrid, auf Dauer in diesem Spitzenbereich des europäischen Fussballs zu bleiben.

Ist die Abnützung bei Klopp, der sehr viel Energie in seine Arbeit investiert, kein Thema?
Nein. Erstens ist seit unserem ersten ­Titelgewinn 2011 die halbe Mannschaft schon wieder weg. Zweitens ist der Trainer noch so jung, in diesem Alter gibt er noch nicht ab (Klopp ist 47).

Den jüngsten Misserfolgen zum Trotz: Der Rückhalt in Dortmund bröckelt nicht, alle zwei Wochen kommen über 80'000 Zuschauer zu den Heimspielen.
Nicht nur das. Die Dortmunder fühlen sich dem Ganzen sehr verbunden, das ist einfach so. Das Gefühl, Fan von Borussia Dortmund zu sein, ist ein anderes Gefühl, als es die meisten Clubs bieten können. Die Menschen hier haben eine ganz andere Verbindung zu ihrem ­Verein als anderswo. Borussia Dortmund ist ein Stück Lebensgefühl.

Aus München gab es zuletzt Mitleid. Thomas Müller sagte, er wünsche dem BVB jeden Punkt. Tut es schon fast weh, wenn der Erzrivale einem plötzlich alles Gute wünscht?
Das tut weder weh noch tut es gut, das gehört einfach dazu. Die Bayern merken auch, dass sie überhaupt niemanden ­haben, der sie fordern kann, wenn wir nicht da sind. Das kann ja für den deutschen Fussball auch nicht gut sein. Ich mache mir über die Sätze aus München keine Gedanken.

Das heisst, Sie registrieren sie . . .
. . . ich lese sie teilweise gar nicht. Und wenn Sie jetzt nichts gesagt hätten . . .

. . . üblich ist ja, dass die beiden Vereine giftige Pfeile hin- und herschicken.
Aber nicht, wenn der eine auf Platz 1 und der andere auf Platz 17 liegt.

Was braucht Dortmund für die Wende?
Eine fitte Mannschaft, die richtige Einstellung, dass sich alle komplett auf den Fussball fokussieren, und: Ein bisschen Glück ist im Sport immer vonnöten.

Was würde es finanziell bedeuten, wenn Dortmund in der nächsten Saison nicht in der Champions League mitspielt?
Das würde uns von unserem Wachstumskurs ein Stück weit abbringen, wir haben in diesem Bereich sehr ambitionierte Ziele, es wäre ein entsprechender Einschnitt. Aus finanzieller Sicht würde es uns aber trotzdem nicht einmal im Ansatz umwerfen. Und das ist der vielleicht einzige positive Aspekt der ganzen Geschichte: Es geht dem Club heute so gut, dass die aktuellen sportlichen ­Probleme für unsere wirtschaftliche Lage nicht wirklich entscheidend sind.

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