YBs Kinderspiel

Die Young Boys haben gegen überforderte Thuner keine Mühe, gewinnen 4:2 und sind Tabellenführer. Ihr Gegner wirkt ratlos.

  • loading indicator
Dominic Wuillemin

Es ist das Ende eines rundum gelungenen Nachmittags für YB.

Als der dominante, nie ge­fährdete 4:2-Sieg gegen Thun Tatsache ist, begeben sich die Young Boys auf Tuchfühlung mit ihren jüngsten Fans. Diese haben sich am Kids Day im ausver­kauften Stade de Suisse im Sektor B eingefunden. Davor gehen die Spieler nun in einer Reihe, klatschen mit den kleinen Zuschauern ab. Just in dem Moment wird auf dem Stadionbildschirm das Schlussresultat aus Zürich eingeblendet: Der FCZ schlägt Basel 3:2. YB übernimmt die Tabellenführung. Im Stadion brandet noch einmal Jubel auf.

Nach zwölf Runden – einem Drittel der Saison – steht YB mit 28 Punkten also wieder zuoberst. Ganz unten dümpelt der Gegner, 6 Pünktchen hat er nur. Er ist seit acht Ligapartien sieglos, hat währenddessen nur einmal Unentschieden gespielt, vor einem Monat ausgerechnet daheim gegen YB. Es war ein seltener Ausreisser nach oben (Thun) und unten (YB), der nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass die beiden Teams im Herbst 2019 Welten trennen.

90 Minuten Dominanz

Hier die Stadtberner, die im Drei- bis Viertagesrhythmus Siege aneinanderreihen und sich von keiner schlechten Nachricht aus der Personalabteilung aufhalten lassen. Gegen Thun mussten sie auch auf ihren Captain Fabian Lustenberger verzichten. Er ist der siebte Verletzte, fällt nach einem Misstritt im Spiel gegen Feyenoord mit einer Bänderverletzung am Knöchel vier Wochen aus. Ihn ersetzt Gianluca Gaudino. Dieser sieht zwar bei der Thuner Führung nicht gut aus, weil er den Ball gegen Uros Vasic verliert. Er korrigiert seinen Fehler aber sogleich mit der Vorlage zum 1:1 und ist einer der Besten im starken YB-Ensemble.

Da die Oberländer, vorne leicht ausrechenbar, in der Mitte leichtgewichtig, hinten leichtfertig. Sie lassen sich vorführen, ja ihr Defensivverhalten gemahnt an einen Absteiger.

Die ganze Differenz, sie wird in den Worten der Trainer deutlich. Natürlich, Seoane bleibt Seoane, er wird auch nach diesem Sieg nicht euphorisch. Seine Stimmlage ist heruntergedimmt, aber in seinen Worten kommt die Zufriedenheit zum Ausdruck. Er erwähnt den Teamspirit, der es ermögliche, all die Ausfälle zu kompensieren. Er erzählt, wie Lustenberger in den Trainings geholfen habe, Gaudino zu entwickeln, nun könne dieser davon profitieren. Seoane sagt: «Das Derby hat mir richtiggehend Spass gemacht.»

Neben ihm sitzt Marc Schneider. Hat er nicht das Wort, starrt der Thuner Coach nachdenklich ins Leere. Redet er, beschönigt er nicht. Er sagt: «Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt: Wir haben über 90 Minuten nicht stattgefunden.»

82 Sekunden Hoffnung

Dabei hat es der Spielverlauf gut gemeint mit Schneiders Team. Es beginnt unsicher, fehlerhaft und geht trotzdem in Führung. Tosetti ist es, der in der 24. Minute sehenswert von der Strafraumgrenze trifft. Doch das Tor gibt Thun keinen Halt, im Gegenteil: Die Oberländer benötigen 82 Sekunden, ihre lange Mängelliste offenzulegen. Der junge Vasic und Basil Stillhart missverstehen sich bei einem YB-Einwurf, Chris Kablan steht bei Gaudinos Lauf Spalier. Und in der Mitte kann weder Gelmi noch Sutter, Glarner, Fatkic oder Tosetti Nicolas Ngamaleu am Torschuss hindern.

Das 1:1 ist der Anfang vom Thuner Ende: Die Young Boys überrollen ihren Gegner, der Kids Day im Stade de Suisse erinnert nun zeitweise an ein Duell zwischen Kindern und Männer. Nsame erhöht noch vor der Halbzeit, Roger Assalé profitiert nach der Pause zweimal vom desaströsen Abwehrverhalten der Oberländer. Kablans 2:4 nach Penalty kurz vor Schluss ist reine Kosmetik.

Es ist kein gutes Zeichen, redet Nicola Sutter, der in der Thuner Abwehr nie ein Leader ist, danach davon, dass vorn nach dem Abgang von Dejan Sorgic halt ein Stürmer fehle, der die Bälle halten könne. Das Letzte, was die Thuner nun gebrauchen können, ist, sich die Schuld gegenseitig in die Schuhe zu schieben. Schneider bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, in den Zweikämpfen habe die Präsenz gefehlt, am Ball Ruhe und Genauigkeit. «Natürlich hat YB mehr Qualität als wir. Doch wir hielten nicht dagegen. So wird es schwierig. Egal, wer der Gegner ist.» Zur Beruhigung hat nicht beigetragen, gewann Xamax am Samstag gegen Luzern. Die Neuenburger liegen nun schon 5 Punkte voraus, das ebenfalls kriselnde Lugano 4. «Wir müssen endlich mal wieder punkten», sagt Stillhart. Es klingt nicht kämpferisch, eher ratlos.

Ganz anders YB. Es siegt in so grosser Regelmässigkeit, dass es seine Siege routiniert feiert. Die Tabellenführung sei der Lohn für den Aufwand, den man betreibe, sagt Gaudino. «Mehr nicht. Die Saison geht noch lange.»

Im Falle der Thuner ist das die vielleicht einzig gute Nachricht.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt