Auf Planet Schwarz-Gelb

Fantastische Fans, böse Kritik und befreiende Paraden: Wie Goalie Roman Bürki den Fussball in Dortmund lebt.

«Ein entspannter Kerl»: Weltmeister Mats Hummels über Roman Bürki.

«Ein entspannter Kerl»: Weltmeister Mats Hummels über Roman Bürki.

(Bild: Keystone)

Ueli Kägi@ukaegi

Es gibt nur noch sie zwei. Elfmeterkitzel. Nervenduell. Fast wie echt. Roman Bürki im Tor. Shinji Kagawa am Punkt. Rundherum stehen die anderen Spieler der Borussia und Trainer Thomas Tuchel.

Der Wind bläst. Der Trainer trillert. Der Japaner schiesst. Der Schweizer fliegt. Linke Ecke. Hat den Ball. Das ist nicht gut für Kagawa. Die Mitspieler schiessen jetzt mit Bällen nach ihm. Und er spurtet los, wie vom Trainer befohlen. «Wenn du auch den nicht reinmachst», hatte Tuchel nach Kagawas erstem Fehlschuss dieses Spassschiessens gesagt, «sprintest du einmal über den Platz und zurück.»

Berlin ist politisches Zentrum, die Bayern stehen auf Rang 1 der Liga, Dortmund aber ist Deutschlands Fussball-Hauptstadt. So steht das zumindest auf riesigen Bannern rund um die Trainingsplätze in Dortmund-Brackel, im Osten der Stadt, wo Einfamilienhäuser aus dem Boden schiessen.

Roman Bürki gehört seit vergangenem Sommer in diese Welt, in diese Stadt, in der nichts grösser ist als die Liebe zu Schwarz-Gelb. Es ist im schönsten Fall Fussball-Traumland. Kann aber auch andere Kräfte entwickeln. Das hat der Berner erlebt. Er sagt: «Als ich gekommen bin, dachte ich: So viel anders als bisher kann es nicht sein. Die Mitspieler sind besser, es ist alles ein Stück grösser, das schon. Aber die Gegner sind die gleichen.» Er hat bald feststellen müssen: «Es ist um einiges schwieriger, als ich es mir vorgestellt habe.»

Als Bürki gegen die Bayern plötzlich der Gürki war

Aus dem gemütlichen Freiburg war er gekommen. Beim Sportclub ist er mit Schüssen nur so eingedeckt worden. Bürki flog und hielt, und wenn er in seiner deutschen Debütsaison doch einmal einen Fehler beging, «dann ist dieser Fehler untergegangen, weil hinterher alle erzählten, wie viele Bälle ich daneben doch abgewehrt habe».

Freiburg stieg ab. Bürki stieg auf. Hoch auf. Nach Dortmund, wo er Roman Weidenfeller (35) verdrängte, Clubikone, 13 Jahre BVB, zweimal Meister, einmal Pokalsieger, Weltmeister.

Bürkis erste Spiele waren gut. Er meinte schon, den Sprung recht problemlos geschafft zu haben. Es war anders. Plötzlich hatte er ein paar weniger gute Momente. Und dann vor allem diesen Spitzenkampf bei den Bayern, in dem er mit dem Team unterging. 1:5, zwei Fehler. Bürki war jetzt der «Gürki» («Bild»). Und der «Hampelmann» («Süddeutsche»).

Dortmund will Ballbesitz. Dortmund lässt normalerweise wenig zu. Und bietet dem eigenen Goalie nicht viele Gelegenheiten für Paraden. Dortmund ist schon deshalb für Bürki «eine andere Welt» als Freiburg. Vor allem aber hat der 25-Jährige lernen müssen, wie es ist, bei einem Grossclub zu sein, auf exponierter Position, im Scheinwerferlicht und unter ständiger medialer Beobachtung.

Bürki ist überzeugt, dass er beim BVB nicht weniger gut arbeitet als in Freiburg. Er hatte aussergewöhnliche Paraden, er kann das Spiel mit beiden Füssen ungewöhnlich gut eröffnen für einen Goalie. Aber: «Dass ich mich weniger auszeichnen konnte, hat die Waage ins Ungleichgewicht gebracht.»

Er fand die Kritik nach Fehlern gerechtfertigt, aber nicht den Ton, den fand er «in manchen Medien komplett daneben». Es hat ihm in den schwierigeren Tagen des Herbsts geholfen, wenn er mit seinen Eltern telefonieren konnte. Oder mit Bruder Marco, der bei Thun verteidigt. Sie haben dann über alles gesprochen, aber nicht unbedingt über Fussball. Und es hat Bürki auch gutgetan, wie Tuchel immer hinter ihm gestanden und ihn öffentlich gestützt hat.

Überhaupt, der Zusammenhalt in Dortmund ist für ihn aussergewöhnlich: «Sehr nette, sehr offene Typen, alle sehr hilfsbereit. Egal, was sie schon gewonnen haben. Egal, welchen Nachnamen sie tragen. Egal, was für ein Auto sie fahren.» Sein Verhältnis zu Weidenfeller ist unbelastet. Die beiden haben im vergangenen Sommer intensiv ihre Situation diskutiert und ausdiskutiert – nachdem sich Tuchel entschieden hatte, den Schweizer in Liga und Pokal und Weidenfeller nur in der Europa League spielen zu lassen. Bürki kann sagen: «Wir zwei funktionieren super miteinander. Weidenfeller akzeptiert seine Rolle, wenn ich spiele. Und ich akzeptiere meine Rolle, wenn er spielt.» Weltmeister Hummels über Bürki: «Ein entspannter Kerl»

Wie Bürki über die anderen spricht, so sprechen die anderen über ihn. Er sei «ein sehr entspannter Kerl», erzählt Mats Hummels. Es gefällt ihm auch, wie der Goalie den Strafraum beherrscht. Und er wünscht sich, dass Bürki einer bleibt, der mit den Füssen mitspielt und auch einmal einen riskanteren Pass versucht. Hummels sagt: «Fehler passieren einfach, weil Bürki Fussball spielen will und nicht immer auf Nummer sicher geht. Wir nehmen das in Kauf, die Vorteile überwiegen deutlich.»

Bei GC haben die Mitspieler Bürki, 1,87 m lang, Muskelberge, «Sexy» gerufen. Der Spitzname hat bis zum SC Freiburg überlebt. Aber er ist nicht in Dortmund angekommen. Bisher jedenfalls nicht. «Sexy?», fragt Mittelfeldspieler Sven Bender zurück, muss schmunzeln und sagt, «gut zu wissen.»

Bürki hat die Winterpause genutzt, um seinen Kopf freizubekommen. Er spielt jetzt wieder so, wie er es erwartet. Es war für ihn besonders wichtig, zu Hause gegen die Bayern mit aussergewöhnlichen Paraden das 0:0 zu retten.

Die Dortmunder spielen eine hervorragende Saison, das wird schnell übersehen, weil die Bayern wieder einmal Über-Bayern sind. Der BVB steht in der Bundesliga auf Rang 2, im DFB-Pokal im Halbfinal gegen die Hertha, und in der Europa League fährt er mit einem 1:1 zum Viertelfinal-Rückspiel nach Liverpool an die Anfield Road.

81'359 Zuschauer fasst der Signal-Iduna-Park in der Bundesliga. Die Heimspiele sind für Bürki «jedes Mal ein aussergewöhnliches Erlebnis». Hinter dem einen Tor die gelbe Wand, Südtribüne, 25 000 Leute stehen da. Wahnsinnig laut kann es werden, dann schiesst das Adrenalin in die Körper der Spieler und steigt die Euphorie ins Hirn, «die Kulisse regt dich dermassen an, du musst fast bremsen», sagt Bürki.

Es geht ihm gut. Er lebt auch gut in der 600'000-Einwohner-Stadt. Südöstlich des Zentrums, schicke Häuser, künstlicher See, am Wochenende bei gutem Wetter voller Ausflügler. «Ein schöner Fleck», findet er. Einst stand da das mächtige Stahlwerk Phoenix Ost. Das haben sie zerlegt, nach China verschifft und wieder in Betrieb genommen. Bürki ist gern daheim. Er liegt dann auf dem Sofa, schaut fern, telefoniert, schläft, kocht.

Ein Schuss an den Kopf? Gerne, wenn es dafür Lob gibt

In Dortmund fragen ihn die Mitspieler manchmal, wie er sich in Schüsse werfen kann, die aus drei, vier Metern mit voller Wucht abgegeben werden. Ob er nicht vielleicht doch ein wenig verrückt sei. «Wenn ich mal einen Schuss an den Kopf bekomme, dann ist es halt so», findet Bürki, «wenigstens ist der Ball dann nicht im Tor und ich helfe dem Team.»

Es muss ihn nicht gleich am Kopf erwischen. Aber Anerkennung soll es wieder geben. Bayern, Liverpool, Pokal-Halbfinale – im Prinzip fast nur Pipifax. Der BVB tritt heute auf Schalke an. Es ist das Duell ums Revier. Trainer Tuchel hat den Spielern gesagt, sie sollen mit einem Lächeln auf den Rasen. Bürki will es so machen. Er hat auch Grund dazu. Er sagt: «Ich bin der Goalie des BVB. Das hört sich nicht so schlecht an.»

SonntagsZeitung

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