Brasiliens Copa-Sieg und ein wütender Held

Gabriel Jesus erzielte beim 3:1-Finalsieg gegen Peru ein Tor, später flog er vom Platz – und randalierte gegen den VAR.

Gabriel Jesus düpiert die gegnerische Abwehr. (Video: Twitter)

Am Vorabend des fünften Jahrestags der katastrophalen 1:7-Niederlage gegen Deutschland bei der Weltmeisterschaft 2014 hat Brasilien seinen ersten Copa-América-Titel seit 2007 eingefahren. Der fünfmalige Weltmeister siegte im Estádio Maracanã von Rio de Janeiro gegen Peru mit 3:1. Die Helden waren Stürmer Éverton von Grêmio Porto Alegre und Manchester Citys Gabriel Jesus.

Éverton erzielte in der 15. Minute das 1:0 und holte den Penalty heraus, den Richarlison in der 90. Minute souverän verwandelte. Jesus hingegen war wie schon im Halbfinal gegen Argentinien in der Offensive ein ständiger Unruheherd, bereitete Évertons 1:0 auf magistrale Art und Weise vor und schoss das 2:1 selber. Später flog der 22-Jährige jedoch vom Platz – beim Gang in die Kabine warf er beinahe den VAR um, in den Katakomben angekommen weinte der 22-Jährige bittere Tränen.

Zwischenzeitlich hatte in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit Gabriel Jesus zum 2:1 getroffen; für einen kurzzeitigen Schimmer der Hoffnung, die sich nicht erfüllte, sorgte der frühere Bundesligaprofi Paolo Guerrero durch einen Elfmeter (44.). An Brasiliens insgesamt neuntem Südamerikatitel konnte nicht einmal etwas ändern, dass Brasilien wegen eines Platzverweises gegen Gabriel Jesús weite Teile der zweiten Halbzeit in Unterzahl bewältigen musste.

Wir sind Meister, skandierte das Stadion in den Schlussminuten: «É campeão!» – «Einen Titel mit der Nationalmannschaft zu gewinnen ist der Traum eines jeden Kindes. Ich sah Ronaldo, Mauro Silva, Roberto Carlos, Cafú... Es waren Siegertypen. Sie holten viele Titel mit der Nationalelf. Für mich waren sie Beispiele, ich bin sehr glücklich», sagte Brasiliens Mittelfeldspieler Casemiro (Real Madrid) danach.???

Maracanã wurde zur Festung

Überraschend war der Triumph der Brasilianer nicht. Allein die Geschichte sprach gegen Peru Sie hatten noch nie gegen Brasilien in Rio gewonnen. Brasilien wiederum hatte seit der traumatischen 1:2-Niederlage gegen Uruguay von 1950, durch die der Weltmeistertitel im eigenen Land verloren ging, nie wieder ein Pflichtspiel im Maracanã verloren. Als Gastgeber hatte Brasilien noch stets die Copa América gewonnen, vor dem Finale vom Sonntag vier Mal. Zudem Peru war in der Vorrunde mit 0:5 gegen Brasilien abgeschossen worden.

Und im Raum standen am Sonntag immer noch die schweren Anwürfe von Argentiniens Superstar Lionel Messi gegen den Südamerikaverband Conmebol: Nach dem Sieg gegen Titelverteidiger Chile im Spiel um Platz 3 hatte Messi die Conmebol der Korruption bezichtigt – und behauptet, dass alles bereitet gewesen war, um den Brasilien zum insgesamt neunten Titel zu verhelfen. Es kam dann so – jedoch ohne grössere Hilfen des Schiedsrichters. Im Gegenteil.

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Unter den Augen der verletzten brasilianischen Ikone Neymar Júnior und dem rechtsextremen Staatspräsidenten Jair Bolsonaro hielt Peru ziemlich genau eine Viertelstunde stand. Ihr argentinischer Trainer Ricardo Gareca hatte den Peruanern mit auf den Weg gegeben, so weit entfernt vom eigenen Tor wie möglich zu verteidigen, keinerlei Komplexe erkennen zu geben, anzugreifen.

Zwei Mal versuchten sie es aus der Distanz, dann aber schlug Brasilien mit der markerschütternden Effektivität zu, die sie durchs Turnier getragen hatte. Gabriel Jesus tanze auf der rechten Seite einen peruanischen Abwehrspieler aus schlug eine Flanke über die versammelte Resthintermannschaft der Peruaner hinweg, weil er dort Éverton erspäht hatte. Dessen Schuss sass – und überforderte das Gemüt der Peruaner in ähnlicher Weise wie der Winterregen der vorangegangenen Tage die Kanalisation von Rio de Janeiro.

Perus Feuerkraft reicht nicht aus

Begeisterung entfachten die Brasilianer freilich nicht. Der neuerlich enttäuschende Coutinho hätte mit dem Aussenrist fast das 2:0 erzielt (24.). Er verfehlte das Ziel wie Firmino zwölf Minuten später per Kopf nur knapp. Der erste erwähnenswerte Angriff der Peruaner nach dem Rückstand schien dann das Spiel neu ordnen zu können.

Denn: Kurz vor der Pause entschied der chilenische Schiedsrichter Roberto Tobar auf Freistoss, nachdem Brasiliens Abwehrchef Thiago Silva einen Pass von Christian Cueva im Strafraum mit der Hand aufgehalten hatte. Auch nach der Überprüfung durch die Videobilder hielt Tobar an seiner Entscheidung fest – zum Ärger von Brasiliens Nationaltrainer Tite. «Das war kein Elfmeter. Der Referee war extrem unter Druck», sagte er in Anspielung auf Messis Äusserungen.

Paolo Guerrero verwandelte den Strafstoss sicher. Doch ihm blieb am Ende nur die Genugtuung, in seiner Karriere 14 Treffer bei der Copa América erzielt – und einen epochalen Lauf von Brasiliens Torwart Allison Becker beendet zu haben, er war 727 Minuten ohne Gegentor geblieben.

Denn ehe sich die Peruaner an den Gedanken gewöhnen konnten, dass man eine Einladung zum Träumen erhalten hatte, schlug Brasilien neuerlich zu: Einen Fehler der Peruaner im Aufbauspiel nutzte Mittelfeldspieler Arthur, um die Innenverteidigung auszuhebeln. Mit einem exzellenten Pass liess er Gabriel Jesus freie Bahn, der Stürmer von Manchester City liess Torwart Pedro Gallese keine Chance (45.+3).

Nach der Pause hätten Coutinho und Firmino die Führung ausbauen können. Je mehr Zeit ins Land ging, desto defensiver agierte Brasilien. Wirkliche Gefahr beschworen die Peruaner aber nicht herauf. Bis die Dynamik der Partie sich durch Jesus' Platzverweis plötzlich doch hätte ändern können.

Ähnlich gewaltig wie der Ausraster des Stürmers war ein Linksschuss von Edison Flores aus mehr als 20 Metern, der nur knapp am Tor vorbeistrich. Das aber war alles, was Peru noch an Feuerkraft parat hatte. Dafür schwang sich Éverton zu einem Solo auf und wurde von Zambrano im Strafraum ohne Not umgerammt – Éverton hätte den Ball nicht mehr erreichen können.

Tobar entschied neuerlich auf Strafstoss, neuerlich sah er sich durch die TV-Bilder bestätigt; Richarlison liess sich die Chance nicht nehmen. Und machten den ersten Titel für den seit 2016 amtierenden Nationaltrainer Tite perfekt. «Er erfüllt mich mit grosser Genugtuung», sagte Tite. «Brasilien hat verdient gewonnen», sagte Perus Trainer Ricardo Gareca. «Wir hatten unsere Momente, aber sie haben ihre Chancen gut genutzt.» Peru blieb immerhin der Trost, im ersten Copa-América-Endspiel seit 44 Jahren ein würdiger und stolzer Finalist gewesen zu sein.

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