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Das Duell ihres Lebens

Grégory (FC Thun) und Gaëtan Karlen (Xamax) treffen in Neuenburg erstmals in einer Pflichtpartie aufeinander. Die Brüder spornen sich seit je an.

Leben am Ball: Für Grégory (links) und Gaëtan Karlen war der Weg zum Fussballprofi vorgezeichnet. Bilder: Keystone
Leben am Ball: Für Grégory (links) und Gaëtan Karlen war der Weg zum Fussballprofi vorgezeichnet. Bilder: Keystone

Der eine sagt: «Gegen den kleinen Bruder zu verlieren – das geht nicht.» Der andere: «Ich will immer besser sein als mein Bruder.»

Dieser Wettkampf begleitet Gaëtan und Grégory Karlen, 25- und 23-jährig, seit frühen Kindstagen daheim in Conthey nahe Sitten. «Es ist das Duell unseres Lebens», sagt Grégory. «Weil wir ähnlich alt sind, gab es nie grosse Niveauunterschiede», sagt Gaëtan. Ob beim Kartenspiel, auf dem Tennisplatz oder bei der Fussballpartie im Garten des Elternhauses, «wir messen uns stets», sagt Gaëtan.

So präsentiert sich die Ausgangslage, wenn die Karlens am Samstagabend in Neuenburg beim Spiel von Xamax gegen Thun aufeinandertreffen – zum ersten Mal überhaupt in einer Pflichtpartie. «Natürlich ist es für unsere Familie ein spezielles Spiel», sagt Gaëtan.

Früh im Fokus

Die Partie im Stade de la Mala­dière ist ein weiteres Kapitel in der Familiengeschichte der Karlens. Vater Léonard, Grossvater Bernard und Onkel Bernard haben für den FC Sion gespielt. Léonards Söhne tun es ihnen gleich. Gaëtan ist 8, Grégory 6 Jahre alt, als sie 2001 in die Nachwuchsabteilung des Walliser Traditionsclubs eintreten.

Wegen der bekannten Vorfahren stehen die Brüder von Beginn an im Fokus, rasch haben sie in ihren jeweiligen Teams eine prägende Rolle inne. Sie schiessen Tor um Tor, werden für die Junioren­nationalmannschaften aufgeboten. Die talentierten Brüder sind Gesprächsthema im Wallis. «Aber», sagt Grégory, «Druck spürten wir deshalb nicht. Wir hatten nie das Gefühl, dass es für uns Pflicht ist, auch diesen Weg einzuschlagen.» «Im Gegenteil», meint Gaëtan. «Dass wir eine Ausbildung absolvieren, war unseren Eltern sehr wichtig. Sonst hätten wir nicht weiter Fussball spielen dürfen.»

Gaëtan schliesst die Matura ab, konzentriert sich ein paar Jahre vollumfänglich auf Fussball und merkt, dass es ihm an Beschäftigung fehlt. Als er mit Xamax in der Challenge League agiert, beginnt er an der Universität Neuenburg, die gleich neben der Maladière liegt, Sport, Geografie und Deutsch zu studieren. Zum Bachelor fehlen nicht mehr viele Credits. Allerdings hat der Trainingsaufwand seit dem Aufstieg diesen Sommer zugenommen. Er mache sich keinen Stress, sagt Gaëtan. «Für mich ist das Studium ein Ausgleich zum Fussball.» Ähnlich klingt es beim Bruder, der ein Fernstudium in Wirtschaft absolviert und plant, den Bachelor voraussichtlich nächsten Sommer abzuschliessen.

Familie statt Beratermeetings

Das Studium, es ist nur eine Parallele im Leben der Brüder. Beide müssen ihren Stammclub Sion verlassen, um den nächsten Schritt machen zu können. Gaëtan geht im Januar 2015 zum FC Thun, sein jüngerer Bruder tut es ihm drei Jahre später gleich. Auch auf Anraten Gaëtans, der im Oberland nach vorzüglichem Halbjahr unter Trainer Urs Fischer vom neuen Coach Ciriaco Sforza zwar aussortiert wurde, aber nichts Schlechtes über den Club zu berichten weiss.

Die Karriereplanung ist Familiensache, Gaëtan hat, unüblicherweise für diese Branche, keinen Berater. Grégory lässt sich zwar von einem Agenten unterstützen, die wegweisenden Entscheidungen werden aber daheim bei den Eltern in Conthey gefällt. «Unser Vater kennt das Geschäft. Er kann uns wertvolle Tipps geben», sagt Gaëtan. Auch mit dem Bruder tauscht er sich oft aus. «Thun ist genau der richtige Club für seine Entwicklung». Er findet Xamax und Thun seien sehr ähnliche Vereine.

Constantins Fürsorge

Xamax und Thun, es sind auch Clubs, die besser zu den Karlens passen als Sion. Nicht, dass sie über zu wenig Potenzial verfügen würden, um bei den Wallisern eine Rolle zu spielen. Aber sie sind ruhige, eher zurückhaltende Typen, die das Vertrauen der Verantwortlichen spüren müssen, damit sie ihre Leistungen erbringen können. In einem Club, der immer wieder Trainer und Personal austauscht, ist das schwierig. Die grosse Ungeduld ist die viel beleuchtete Seite des Sion-Präsidenten Christian Constantin. Die andere, jene des fürsorglichen Patrons, kennt Gaëtan Karlen auch. Als im Frühling 2016 sein Arbeitgeber FC Biel Konkurs anmeldet, genügt ein Anruf bei Constantin, damit sich der Offensivakteur in der U-21-Equipe der Walliser fithalten darf.

Die Ungewissheit jener Tage ist längst verflogen, Gaëtan hat in Neuenburg sein Glück gefunden. Auch wenn er seinen Stammplatz in der Sturmspitze zwischenzeitlich an Routinier Raphaël Nuz­zolo verloren hatte, zuletzt nominierte Trainer Michel Decastel die beiden gemeinsam im Angriff. Derweil ist Grégory beim FC Thun unumstritten. «Der Trainer gibt mir viel Vertrauen, ich habe in der Offensive viele Freiheiten. Es macht grossen Spass», sagt er.

Die Voraussetzungen für das erste Bruderduell stimmen also. Wobei: Am Sonntag ist Familienfest. «Für den Verlierer könnte es unangenehm werden», sagt Gaëtan Karlen.

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