Das Protzen der Premier League

Die englische Liga dominiert die Champions League, Dortmund blamiert sich, Basel etabliert sich – eine Bilanz zum Abschluss der Gruppenphase.

Reichlich Grund für Freudentänze: Gleich zweimal gewann Liverpool in den Gruppenspielen 7:0.

Reichlich Grund für Freudentänze: Gleich zweimal gewann Liverpool in den Gruppenspielen 7:0.

(Bild: Keystone)

Die Engländer

Der eingekaufte Erfolg

Vor viereinhalb Jahren rief Arsène Wenger den Notstand aus. Das sei «ein massiver Weckruf» für den englischen Fussball, sagte Arsenals Trainer, nachdem alle englischen Teams schon im Achtelfinal der Champions League ausgeschieden waren.

Jetzt strotzt die Premier League vor Kraft: Alle fünf Vertreter in der Königsklasse haben die K.-o.-Phase erreicht, die beiden Manchester-Grössen, Liverpool und Tottenham als Gruppenerste, Chelsea als Gruppenzweiter. So etwas hat es im europäischen Fussball noch nie gegeben. «Das spricht für die Klasse der Liga», sagt nun Jürgen Klopp, Trainer jenes FC Liverpool, der gleich zwei seiner Gruppenspiele 7:0 gewann – in Maribor und gegen Spartak Moskau. Und er sagt auch: «Die englischen Topklubs haben eine enorme Qualität.»

Der «Daily Telegraph» schreibt aufgeregt von den «Fantastic Five». England ist wieder da, wo es schon zwischen 1977 und 1984 als Seriensieger des Meistercups war oder zwischen 2007 und 2009, als es dreimal drei Halbfinalisten in der Champions League stellte. Jetzt ist der Erfolg zusammengekauft, dank des Fernsehens, von dem pro Jahr 3,64 Milliarden Franken kommen, und schwerreicher Klubbesitzer aus Russland, Abu Dhabi oder den USA. Und er ist eingekauft, weil die Mannschaften von Gastarbeitern leben und den einheimischen Spielern abgesehen von wenigen Ausnahmen nur eine marginale Rolle bleibt. Das Trainerwissen ist aus Spanien (Guardiola), Portugal (Mourinho), Deutschland (Klopp), Italien (Conte) und Argentinien (Pochettino) importiert.

«Ich bin gespannt, wo das hinführt», sagt Klopp auch. Ja, wohin? Die Antwort ist zumindest in Manchester für Pep Guardiola und José Mourinho klar: zum Sieg im Final vom 26. Mai 2018.

Die Blamage

Dortmunds Problem mit Bosz

Eines muss man Peter Bosz in Dortmund lassen: Bei aller Kritik, die sich seit Wochen über ihn ergiesst, hat er nie die Fassung verloren. Er ist nie laut geworden, nie ausfallend. Die Frage, ob er Angst vor der Entlassung habe, nimmt er jedes Mal offensichtlich als das, was sie ist: als Frage, die zu seinem Jobprofil gehört.

Am Mittwoch ist er das für einmal nicht gefragt worden, obschon es wieder eine Niederlage gab. Aber weil sie bei Real Madrid mit 2:3 gnädig ausfiel, wurde schon die Hoffnung laut, die Borussia werde gestärkt aus ihrer Krise hervorgehen. Und sie ist in einer Krise, seit sie Mitte Oktober daheim gegen Leipzig verlor. Von zwölf Spielen gewann sie seither noch eines, im Cup beim Drittligisten Magdeburg. In der Bundesliga holte sie in acht Runden drei Punkte. Und in der Champions League brachte sie gegen Apoel Nikosia zwei 1:1 zusammen. Dass diese zwei Punkte genügen, um wenigstens die Sechzehntelfinals der Europa League bestreiten zu dürfen, macht die Blamage nicht kleiner. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sagt denn auch: «Das ist schlicht und ergreifend nicht zu ertragen.»

«Die englischen Topklubs haben eine enorme Qualität.»Jürgen Klopp, Trainer FC Liverpool

Bosz hat ein Handicap: Er ist stur und mag von seinem Offensivfussball nicht abweichen, sondern überlässt die Abwehr lieber ihrem Schicksal. Roman Bürki gehört als Torhüter zu den Notleidenden dieses Konzepts. Für Bosz aber ist nicht das System das Problem, für ihn sind es die individuellen Fehler.

Morgen spielt die Borussia gegen Werder Bremen. Sie braucht dringend einen Sieg. Sonst heisst es wieder: Wie lange noch, Herr Bosz?

Die Wende

Der 12-Sekunden-Sprint

Natürlich, da ist dieses 1:0 von Michael Lang, das dem FC Basel den Triumph gegen Manchester United ermöglichte.

Aber es gibt ein zweites Tor, das in Erinnerung bleiben wird, eines, das einen Stammplatz in jedem Jahresrückblick verdient hat. Das Tor ist nicht einfach ein Moment, in dem der Stürmer den Ball über die Linie drückt, nein, es ist ein Werk, zu dem ein famoser 12-Sekunden-Sprint eines jungen Mannes gehört. Dimitri Oberlin heisst er, und an seinem 20. Geburtstag hat er seinen brillanten Auftritt gegen Benfica Lissabon. Das fängt ganz hinten an, als er nach einem Corner der Portugiesen den Ball mit dem Kopf abwehrt, es geht weiter mit einem Spurt über das ganze Feld, bei dem Oberlin eine Spitzengeschwindigkeit von 37 km/h erreicht, und es endet mit dem kühlen Abschluss zum 2:0.

Basel siegt nicht bloss, Basel deklassiert Benfica 5:0. Und Sportdirektor Marco Streller sagt zu Oberlins Tor: «Es symbolisiert die Wende zum Guten.»

Die Tormaschine

Pariser Gefühlswelten

Paris St-Germain hat sich locker und leicht durch die Vorrunde getanzt. Und in sechs Runden so viele Tore erzielt wie die acht Gruppenletzten zusammen: 25. Der beeindruckende Wert passt zu dem, was die Franzosen bislang in der heimischen Liga abgeliefert haben: 16 Spiele, 48 Treffer. Das heisst: Insgesamt hat PSG im Schnitt 3,3 Tore geschossen.

Natürlich ist ein Trio nicht weit, wenn es um Spektakel geht: Neymar, Cavani, Mbappé. Der Uruguayer Cavani steht bei 23 Toren (17 in der Liga und 6 in der Champions League), der Brasilianer Neymar bei 15 (9/6), der Franzose Mbappé bei 9 (5/4). Macht 47 von total 73 Toren.

Bei dieser Bilanz muten Tage wie diese fast an wie eine Krise: Am vergangenen Samstag verlor PSG bei Aufsteiger Strassburg 1:2, dann gab es bei Bayern München die zweite Niederlage der Saison. Solche Resultate erzeugen automatisch Unruhe und verlangen Rechtfertigungen von einem Trainer, dem eine solche Mannschaft zur Verfügung steht.

PSG-Präsident Nasser al-Khelaifi hat seinen Unmut über den Auftritt in München jedenfalls in einer Form kundgetan, die nicht unbedingt dafür spricht, dass er bedingungslos hinter Coach Unai Emery steht: «Das war eine grosse Lektion für uns.» Die Sportzeitung «L’Equipe» spekuliert, dass Emerys Zeit bald ablaufen könnte.

Die Überraschungen

Stilsicher und enttäuschend

Besiktas Istanbul, türkischer Meister der vergangenen zwei Jahre, brachte die Gruppenphase mit erstaunlicher Stilsicherheit hinter sich. Vier Siege und zwei Remis in sechs Spielen trugen der Mannschaft von Trainer Senol Günes den souveränen Gruppensieg ein – vor Porto, Leipzig und Monaco.

Bemerkenswert ist auch der Höhenflug von Schachtar Donezk, dem Klub also, der wegen der Unruhen in der Ostukraine seine Heimspiele im Exil von Charkow austragen muss. Das Team, geprägt von zehn Südamerikanern, schob sich hinter Manchester City und vor Napoli sowie Feyenoord Rotterdam auf Platz 2. Schachtar, das im neuen Jahrtausend zehn Meistertitel holte, fühlt sich in der Fremde offensichtlich wohl. In der heimischen Liga ist es trotz des andauernden Exils wieder führend.

Das Kontrastprogramm zu Besiktas und Schachtar bieten Monaco und Atlético Madrid. Frankreichs Meister der vergangenen Saison gab mit gerade einmal zwei Remis ein klägliches Bild ab und büsste für den Ausverkauf im Sommer: Mbappé zog zu PSG, Benjamin Mendy und Bernardo Silva erlagen der Verlockung Manchester City, Tiemoué Bakayoko bekam einen Vertrag bei Chelsea.

Und Atlético? Die Spanier von Trainer Diego Simeone dürfen, im Gegensatz zu Monaco, immerhin in der Europa League fortfahren. Aber Platz 3 in der Vorrunde entspricht nicht den Ansprüchen einer Mannschaft, die 2014 und 2016 den Final der Champions League erreicht hatte.

Das Trio

151'671 Meter für 18 Tore

Sie heissen Ronaldo, Messi und Neymar und sind das Nonplusultra des Weltfussballs. Sie spielen für Real, Barcelona und Paris, für drei der fünf teuersten Mannschaften überhaupt. Die spanischen Grössen haben zuletzt die Champions League zusammen viermal gewonnen, die Franzosen haben ihr Kader aufgefrischt, um endlich einmal an ihr grosses Ziel zu kommen.

Ronaldo erzielte 9 Treffer, Neymar 6 und Messi 3. Bemerkenswert ist die Laufleistung von Neymar. Er kommt auf 61'041 m in 540 Minuten und Ronaldo in der gleichen Zeit immerhin auf 54'756 m. Messi dagegen fällt ab. Auch wenn er nur 423 Minuten im Einsatz stand, sind seine 35'874 m bescheiden.

pmb/ths

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