Der Grosswildjäger

Mit seinen rassistischen Ausfälligkeiten hat Clemens Tönnies, der Präsident von Schalke 04, dem Club einen Bärendienst erwiesen.

Glaubt sich in Afrika wegen seiner Jagdausflüge auszukennen: Clemens Tönnies, Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04. Foto: Rolf Vennenbernd (Keystone)

Glaubt sich in Afrika wegen seiner Jagdausflüge auszukennen: Clemens Tönnies, Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04. Foto: Rolf Vennenbernd (Keystone)

Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Er hat alles schon erlegt, Wild und Marderhunde im eigenen, 1000 Hektaren grossen Revier in Mecklenburg-Vorpommern, Rothuhn in Spanien, Fasane in Schottland. «Aber», hat er in einem Porträt für die «Deutsche Jagdzeitung» einmal erzählt, «auch in Afrika habe ich so ziemlich die gesamte Palette bejagt.» Zu diesem Interview vor sieben Jahren gab es das Bild seiner Trophäensammlung dazu, inklusive Zebra und Gepard.

Clemens Tönnies ist ein Metzgersohn aus Rheda-Wiedenbrück, einer Kleinstadt in Ostwestfalen. Vom Vater hat er das Schlachten gelernt, sieben Schweine kamen in der Woche unter dessen Messer. Heute hat er seinen eigenen Schlachthof, die Tönnies Lebensmittel GmbH. Da werden pro Tag rund 30'000 Tiere verarbeitet. Damit ist er «schweinereich» geworden, schreibt die «Zeit». Sein Vermögen wird auf 1,4 Milliarden Euro geschätzt.

Tönnies ist wer in Deutschland. Die Öffentlichkeit kennt ihn nicht zuletzt als Aufsichtsratsvorsitzenden des FC Schalke 04 in Gelsenkirchen. Der Club steht für die Traditionen und Kohlezechen des Ruhrpotts, auch für den einen oder anderen Skandal und für ganz viel Leidenschaft. In seinem Leitbild heisst es unter anderem: «Wir zeigen Rassismus die Rote Karte und setzen uns aktiv für Toleranz und Fairness ein.»

Als wäre nichts gewesen

Vergangenen Donnerstag hielt Tönnies bei der Festveranstaltung zum «Tag des Handwerks» im erzkatholischen Paderborn eine Rede. Sein Thema: «Unternehmertum mit Verantwortung – Wege in die Zukunft der Lebens­mittelerzeugung». Er sagte, statt im Kampf gegen den Klimawandel die Steuern zu erhöhen, solle man lieber jährlich zwanzig Kraftwerke in Afrika finanzieren. Und weil er sich in Afrika wegen seiner Jagdausflüge auszukennen glaubt, fügte er bei: «Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn es dunkel ist, Kinder zu produzieren.» Für seine Rede gab es Applaus.

Es ist nicht nur bemerkenswert, wie der Ehrenrat es schafft, zwischen Rassismus und Diskriminierung zu unterscheiden. Es ist unerträglich.

Tönnies entschuldigte sich wohl umgehend für seine Äusserungen, als er merkte, welchen Sturm er damit landesweit ausgelöst hatte. «Ich bin über mich selbst bestürzt», sagte er, «es war schlicht töricht.» Er selbst wird wissen, wie ernst es ihm damit war. Der fünfköpfige Ehrenrat seines Vereins, besetzt unter anderem mit drei Richtern und einem ehemaligen evangelischen Pfarrer, lud ihn am Dienstag vor, um sich zu erklären. Nach vier Stunden befand der Rat: Der Vorwurf des Rassismus sei unbegründet, allerdings habe Tönnies gegen das Diskriminierungsverbot verstossen. Tönnies erklärte, er lasse seine Ämter für drei Monate ruhen. Dann will der 64-Jährige zurückkommen. Als wäre nichts gewesen? Als würde er nicht wie ein Kolonialherr denken, sondern nur wie ein Dummschwätzer?

Schalke 04 hat Glaubwürdigkeit verloren

Es ist nicht nur bemerkenswert, wie der Ehrenrat es schafft, zwischen Rassismus und Diskriminierung zu unterscheiden. Es ist unerträglich.

Schalke hat 150'000 Mitglieder, es ist ein wirtschaftlicher Faktor in einer Stadt, in der es ausser geschlossenen Zechen und Fussball nicht viel gibt. Der Ehrenrat und der Grosswildjäger haben diesem Club nun einen Bärendienst erwiesen. Wie will der es künftig noch schaffen, glaubwürdig Rassismus zu begegnen und bekämpfen?

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