Der stete Kampf des Superstars

In Frankreich will die Amerikanerin Alex Morgan den WM-Titel gewinnen – zu Hause wehrt sie sich gegen Diskriminierung.

Morgan und das US-Team feiern einen Kantersieg gegen Thailand.

Morgan und das US-Team feiern einen Kantersieg gegen Thailand.

(Bild: Keystone AP Photo/Francois Mori)

Mit links, mit rechts und mit dem Kopf – Alex Morgan schiesst Tor um Tor. Gleich fünf Mal trifft die Stürmerin im Auftaktspiel gegen Thailand. Das US-Team gewinnt 13:0 - Rekord an einer WM. Ausgelassen feiert Morgan mit ihren Teamkolleginnen bis zuletzt jedes einzelne Tor. Zu ausgelassen? Nein, sagte sie nach dem Spiel: «Von solchen Toren haben wir alle unser ganzes Leben geträumt.» Morgan kämpft nicht nur um die Titelverteidigung an dieser WM. Sie kämpft auch um mehr Anerkennung und gegen Diskriminierung. Die grosse Bühne soll ihr dabei helfen.

Der FCZ-Spieler Adrian Winter lernte die Kalifornierin bei seinem einjährigen Abstecher in die USA kennen (2015-2016). Mit Morgans Ehemann, Servando Carrasco, war der Schweizer eng befreundet. Sie spielten zusammen für Orlando City. Morgan wechselte 2016 ebenfalls nach Orlando – ins Frauenteam der Franchise. Winter verbrachte viel Zeit mit dem Fussballerpaar. Zwischen den Trainings surften sie fast täglich auf dem See beim Haus des Ehepaars.

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Wenn er von Morgan spricht, gerät Winter ins Schwärmen, sie sei trotz ihrem Erfolg sehr bodenständig und immer für einen Spass zu haben. Der 32-Jährige traut der Goalgetterin zu, dass sie zum grossen Star dieses Turniers wird. Er sagt: «Alex ist unglaublich, sie trainiert auch an freien Tagen und schiebt Extraschichten mit einem Personal-Coach, immer mit einem klaren Ziel vor Augen - die Beste zu werden. »

Ein gefeierter Superstar ist die gebürtige Kalifornierin in den USA schon längst. In 164 Spielen für die Nationalmannschaft erzielte die 1,70 grosse Linksfüsserin 106 Tore. 2012 gewann Morgan olympisches Gold – 2015 die WM in Kanada. Seit Jahren feiert sie einen Erfolg nach dem anderen.

Morgan das Multitalent

Ihr Name steht auf der «Time» 100-Liste der einflussreichsten Persönlichkeiten. Neben Mohamed Salah, LeBron James oder Mark Zuckerberg. Sie schrieb bereits mehrere Kinderbuch-Bestseller, hat als Produzentin bei der Comedy-Serie The Kicks mitgewirkt und stand als Schauspielerin im Film Alex and Me vor der Kamera. Morgan ziert das Cover der aktuellen Ausgabe des Sports Illustrated Swimsuit Issue. Auf Instagram erreicht sie über sechs Millionen Menschen. Mehr als Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka und Yann Sommer zusammen.

Trotzdem ist ihr Name in der Schweiz noch vielen kein Begriff. Denn der Frauenfussball hat hierzulande, wie in vielen Teilen der Welt, keinen hohen Stellenwert. In den USA sieht das zwar etwas anders aus – der WM-Final der Frauen lockte vor vier Jahren mehr als 25 Millionen Amerikaner vor den Fernseher – doch auch im Land des Weltmeisters ist Diskriminierung ein Thema.

US-Spielerinnen verklagten Verband

Die durchtrainierte Powerfrau ist auch eine Leaderfigur. Nicht nur auf dem Rasen: Im Kampf um Gleichberechtigung ist sie die treibende Kraft. Am 8. März, dem internationalen Frauentag, reichten 28 Spielerinnen der amerikanischen Nationalmannschaft eine Gemeinschaftsklage gegen den Fussballverband U. S. Soccer ein. Die erste in der Liste: Alex Morgan. In der Klageschrift fordern die US-Frauen gleiche Bezahlung wie die Männer, gleiches Marketing, gleicher Staff, gleiche Investitionen und die gleiche Unterstützung.

Der Hintergrund? Obwohl das US-Team der Frauen weitaus erfolgreicher ist, als das der Männer, mehr Zuschauer anzieht und damit dem Verband mehr Geld einbringt, werden die Frauen immer noch schlechter bezahlt und als Team zweiter Klasse behandelt. Für ihren WM-Titel 2015 bekamen die Amerikanerinnen eine Gesamtprämie von 1,725 Millionen Dollar. Die damals noch von Jürgen Klinsmann trainierten Männer strichen allein für das Erreichen des Achtelfinals bei der WM 2014 etwas mehr als das Dreifache (5,375 Millionen Dollar) ein.

Die Grossverdienerin

Auch von der Fifa zeigte sich Morgan immer wieder enttäuscht. Vor vier Jahren fand das Turnier in Kanada auf Kunstrasen statt. Zum ersten Mal in der Geschichte des Sports. Eine Männer-WM auf Plastikunterlage? Undenkbar. Was noch mehr ins Auge fällt: Die Fifa bezahlt dem WM-Gewinner 2019 vier Millionen Dollar. Frankreich bekam im letzten Jahr 38 Millionen für den Sieg.

Eigentlich bräuchte sich Morgan mit solchen Dingen gar nicht auseinanderzusetzen. Sie ist die bestverdienende Fussballerin der Welt – von U.S Soccer bezieht sie ein Jahresgehalt von 450'000 Dollar. Dank ihren zahlreichen Sponsoring-Verträgen verdient Morgan insgesamt über vier Millionen jährlich. Das ist viel Geld. Und ein Vielfaches ihres Ehemannes Verdasco (67'500 Dollar). Damit stellt sie aber eine Ausnahme dar.

Die grosse Bühne der WM

Morgan hat es geschafft die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu ziehen und dadurch an lukrative Deals zu kommen. Sie hofft, dass an der WM auch andere in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Nach dem Spiel gegen Thailand sagte sie: «Die WM ist eine grossartige Gelegenheit für all diese Frauen. Sie können zeigen, für was sie ihr ganzes Leben gearbeitet haben.»

Dass die bekannteste Spielerin der WM auch anderen zu mehr Ruhm verhelfen kann, weiss Adrian Winter. Er erzählt: «Morgan ist ein Star in Amerika. Auch ihr Club Orlando Pride profitierte extrem von ihr. Die Frauenmannschaft war in Orlando zwischenzeitlich gar populärer als unser MLS-Team.»

Am Sonntag spielt Morgan mit dem US-Team gegen Chile auf der grossen Bühne der WM. Dann wird die Freizeit-Surferin erneut alles daran setzen dem Frauenfussball auf eine höhere Erfolgswelle zu verhelfen.

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