Der Teamgeist entscheidet

Wie es die Italiener immer wieder schaffen, die Fussballwelt zu erstaunen. Und warum sie das 0:4 gegen Spanien mit Fassung tragen werden.

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Der Brauch, an internationalen Fussballspielen die Nationalhymnen zu spielen, mag überholt sein, chauvinistischer Kitsch. Aber: Kein Team hat die Hymne inbrünstiger gesungen als die Italiener. Vielleicht sagt das nichts aus. Vielleicht ist das aber ein Zeichen, dass es den Italienern wie keiner anderen Nation immer wieder gelingt, ein Team zu bilden, ein verschworenes, in dem jeder für jeden einsteht.

Ich schaue grosse Fussballspiele seit über 50 Jahren an, als 1954 Helmut Rahn aus spitzem Winkel die Deutschen gegen Ungarn zum WM-Titel schoss. In späteren Jahren hatte meine Sympathie für die Italiener immer auch damit zu tun, dass diese ungeachtet aller Querelen (Wett- und andere Skandale, politische Wirren etc.) stets ein funktionierendes Team zu bilden vermochten, unabhängig der Trainer, die mal dieses, mal jenes fussballerische Konzept verkündeten (meist ein auf Defensive ausgerichtetes).

Teamgeist hat die Italiener wie schon oft auch an dieser Europameisterschaft wieder weit gebracht – und alle verblüfft. Sie waren im Halbfinal gegen Deutschland nicht die bessere Mannschaft (sieht man vom Ausnahmespieler Mario Balotelli ab); sie waren vor allem beherzter, entschlossener, kämpferischer.

Dass es auch in Zeiten des Fussballbetriebs, in dem die Spieler völlig unsinnig vergoldet werden, auf so etwas Altmodisches wie Teamgeist ankommt, zeigt sich dort, wo dieser fehlt: etwa bei den hochgelobten Holländern, die bei allen Stars jämmerlich versagten, oder bei den Franzosen, die es nicht einmal schafften, ihren Garderobenknatsch für sich zu behalten. Selbst die Deutschen, die sich an dieser EM wie so oft überheblich überschätzt haben, bildeten kein kohärentes Team.

Gegen die Spanier hat Italiens Herz nicht gereicht. Doch die Italiener werden die Niederlage mit Fassung tragen: Sie wissen, dass sie gegen die derzeit weltbeste Mannschaft verloren haben. Auch die Spanier haben ein harmonisches Team – und einen wunderbar unaufgeregten und unbeirrbaren Coach. Ausserdem haben sie den Fussball gleichsam neu erfunden. Die zehn Feldspieler sind auf jeder Position einsetzbar: Jeder kann angreifen und verteidigen – eine wunderbare Neuinterpretation des Fussballs. Deshalb war die da und dort geäusserte Kritik an den Spaniern, sie würden ohne nominellen Stürmer spielen und sich den Ball endlos hin- und herschieben, ungerechtfertigt. Es war schon fast ein regelrechtes Spanien-Bashing, das von galoppierender fussballerischer Inkompetenz zeugt.

Im spanischen Team kann jeder alles; es braucht letztlich keine Stürmer, Mittelfeldspieler oder Verteidiger mehr; es braucht nur gute Fussballer. Spanien hat die besten. Sie zelebrieren einen wunderbaren, ziemlich perfekten Fussball.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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