Der Wahnsinn von Dortmund

Nach einer Woche voller Schlagzeilen ringt Dortmund die Bayern in einem fantastischen Bundesligaspiel 3:2 nieder. Der BVB liegt nun sieben Punkte vor den Münchnern.

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Ueli Kägi@ukaegi

Als ob das noch nötig wäre! Aber Marco Reus will wirklich mehr. Mehr Unterstützung. Mehr Lärm. Er wirbelt mit den Armen ins Publikum. Und tatsächlich. Er bekommt mehr. Es wird unfassbar laut.

3:2 führt Dortmund gegen die Bayern, 85. Minute. Und Reus ist nicht nur Antreiber. Er ist der grosse Mann des Abends. Zumindest, wenn nichts mehr passiert. Er hat für den BVB das 1:1 erzielt. Und das 2:2. Und jetzt läuft und läuft und läuft er noch immer. Grätscht hinten Bälle weg. Und setzt vorne zu einem letzten Volleyschuss an.

Fünf Minuten Nachspielzeit. Das sorgt für Aufregung bei Schwarz-Gelb. Dann noch drei Minuten, Dortmunds Trainer Lucien Favre zeigt es mit den Fingern an. Noch zwei, noch eine. Und dann liegt der Ball im Tor des BVB. Die ganze Bayern-Bank stürmt den Rasen. 3:3 in der 95. Minute. Ja, es wäre das 3:3. Es wäre das dritte Tor von Robert Lewandowski. Wenn an der Seitenlinie nicht der Assistent die Fahne heben würde. Offside. Kurz darauf ist alles vorbei. Was für ein Wahnsinnsspiel. Passt bestens zu dieser Woche.

Der FC HollywoodWiedergeburt mit Hoeness

Es ist am vergangenen Dienstag, als die «Süddeutsche Zeitung» die Bayern zum Tagesthema macht. Seite 3, «Der Verein von Lieschen Müller.» Böser Titel. 6559 böse Buchstaben folgen.

Am 19. Oktober haben die Bayern-Chefs Uli Hoeness und Karl-Heinz Rummenigge an einer inzwischen berühmt gewordenen Medienkonferenz Journalisten die Leviten gelesen, sie wollen sich die «hämische und polemische» Berichterstattung nicht mehr gefallen lassen. Allen Ernstes verweisen sie dabei auf Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes: «Die Würde des Menschen ist unantastbar.» Ein paar Minuten später zieht Hoeness über den ehemaligen Bayern-Spieler Bernat her. Was der in der Champions League einmal für einen «Scheissdreck» gespielt habe.


Video: Die Tirade der Bayern-Bosse

Hoeness, Rumenigge und Salihamidzic halten sich nicht zurück. Video: Youtube / FC Bayern München


Dieser Auftritt ist so etwas wie die Wiedergeburt des FC Hollywood. Dazu passt die Episode von Lieschen Müller, die eigentlich Lisa Müller heisst und am vergangenen Wochenende auf Instagram postet: «Mehr als 70 Min bis der mal nen Geistesblitz hat.» Auf dem Bild dazu ist ihr Ehemann Thomas mit Trainer Niko Kovac zu sehen, unmittelbar vor der Einwechslung beim 1:1 gegen Freiburg. Müller sagt nach dem Spiel: «Ich finde das jetzt auch nicht unbedingt super. Aber sie liebt mich halt, was soll ich machen?»

Der FC Bayern vermeldet später auf der Website, Lisa Müller habe sich entschuldigt, und Trainer Kovac habe die Entschuldigung angenommen. Die «Süddeutsche» stichelt: «Das ist die Macht, die dieser Club im Moment ausstrahlt: die Macht, eine zickige Winzigkeit mittels eines offiziellen Communiqués in den Rang einer Staatsaffäre zu heben.»

Die MüllersWas tun Thomas und Lisa?

Dieses Mal spielt Müller von Anfang an. Er läuft in die Tiefe. Er schreit. Er winkt mit den Armen. Sein Problem in der ersten Halbzeit: Wenn der Ball dort ist, ist er meistens da. Und wenn der Ball da ist, ist er meistens dort. In der zweiten Halbzeit hat er einen wichtigen Ballkontakt, das ist in der 52. Minute. Ein paar Sekunden später erzielt Lewandowski sein zweites Tor. Die Bayern führen wieder. Doch als die Bayern dann 2:3 zurückliegen und unbedingt ein Tor bräuchten, muss Müller in der 82. Minute vom Feld. Was wohl Frau Müller dazu verbreitet? Nichts. Zumindest nicht auf Instagram. Da streckt sie einem jetzt nur die Zunge entgegen. Es ist ein Beitrag von vor dem Spiel.

Die GeschichtsstundeKovac, Cäsar und Troja

Es ist in dieser Woche vor dem Match auch sonst kein Tag ohne grössere Geschichte rund um die Bayern vergangen. Hoeness bereitet seinen Abgang vor. Nationalspieler Kimmich fordert wie einst Oli Kahn «Eier». Sorgen um Robben! Hoeness fände es nicht so schlimm, wenn der FC Bayern für einmal nicht Meister würde. James provoziert Kovac! Hoeness bettelt bei ausgetretenen Bayern-Mitgliedern um die Rückkehr. Und immer wieder die Trainerfrage. Ein Maulwurf hat sich in die Bayern-Kabine gebuddelt und versorgt die «Bild» mit Interna und kritischen Spielersätzen über Kovac. Der Trainer wittert Verrat: «In der Geschichte gab es genug Beispiele, ob es Troja war, ob es Cäsar war.» Bei den Bayern muss es halt immer etwas grösser sein.

Der VerletzteHitz statt Bürki im Tor

In 204 Länder wird der Match übertragen. Zum 99. Mal Dortmund - Bayern oder Bayern - Dortmund. 81 365 Zuschauer. 24 454 Menschen stehen auf der Südtribüne. Gelbe Wand. Grösste Stehplatzrampe Europas. Es kribbelt schon weit, weit vor Spielbeginn.

Dortmund muss ohne Roman Bürki spielen, statistisch der beste Goalie dieser Bundesliga-Saison. Eine Prellung verhindert den Einsatz des Schweizers auch nächste Woche in der Nationalmannschaft. Für Bürki rückt der nächste Schweizer des BVB nach: Marwin Hitz.

Das GenerationenduellJunger BVB, alter FCB

Es ist ein Match wie von zwei Fussballer-Generationen. Da die Dortmunder mit dem Winterthurer Akanji (23) sowie Zagadou (Frankreich, 19) und Hakimi (Marokko, 20) in der Abwehr. Und mit diesen Wilden im Sturm: Dem 18-jährigen Engländer Sancho und dem 20-jährigen Dänen Bruun Larsen. Dazu sitzen Dahoud (22) und Pulisic (20) auf der Bank. Etwas überraschend gilt das auch für Paco Alcacer. Auch er ist erst 25. Bis vor dem gestrigen Spiel hat der Spanier in 126 Einsatzminuten sieben Bundesliga-Treffer erzielt. Macht ein Tor alle 18 Minuten. Aber wahrscheinlich weiss sein Trainer Lucien Favre einfach, dass Alcacer am besten ist, wenn er von der Bank kommt. Der Stürmer wird seinen Auftritt an diesem Abend noch bekommen.

Als tragende Figuren bei den Bayern sind vor der Saison Neuer (32), Hummels (29), Boateng (29), Martinez (30), Ribéry (35), Robben (34), Müller (29) und Lewandowski (30) vorgesehen gewesen. Jetzt fehlt Robben verletzt. Und andere brachten zuletzt ihre Leistung nicht. Es war auch die «Süddeutsche Zeitung», die neulich gefragt hat: «Ist es unter der Würde, wenn man manche Aktionen der Verteidiger Hummels und Boateng freundlich als dem Senioren- oder sagen wir Schwebefussball nicht ganz unähnlich bezeichnen würde? Oder ist das schon Scheissdreck, was da manche spielen?»

Es sieht zumindest gar nicht gekonnt aus, als Hummels in der 10. Minute als letzter Bayern-Spieler den Ball an Reus verliert und der Dortmunder Captain loszieht, vor sich nur noch Bayern-Goalie Manuel Neuer, aber dann zu schwach abschliesst für ein Tor. Oder als Hummels in der zweiten Hälfte wieder vertändelt und es die Dortmunder nicht schaffen, den Ball aus nächster Nähe ins Tor zu bugsieren. Später wird Hummels sagen, er sei halb krank ins Spiel gegangen, stark erkältet. Der Einsatz war mit Kovac abgesprochen. Hummels lässt sich nach seinem zweiten groben Patzer auswechseln. «Es war alles etwas dumpf und verschwommen im Kopf.»

Die AnsageNur ein Sieg ist gut genug

«Man muss nicht die Super-Bayern sehen, sondern einfach ein gutes Ergebnis erzielen in Dortmund», hat Weltmeister-Goalie Neuer vorher gesagt und nachgeschoben: «Wir dürfen auf keinen Fall verlieren, wollen unbedingt gewinnen.»

Und die Bayern sind dann so gut wie noch nie in dieser Saison – bis zur Pause. Sie spielen in der ersten Halbzeit teilweise Powerplay-Fussball. Ribéry dribbelt nicht wie mit 35, sondern wie mit 25 Jahren. Lewandowski trifft per Kopf zum 1:0. Ausgerechnet Lewandowski. Der Pole stürmte einst für den BVB. Jetzt trifft er am liebsten gegen den BVB. An diesem Abend gelingen ihm die Tore Nummer 11 und 12 gegen seinen früheren Club.

Doch das reicht nicht. Weil die zweite Halbzeit ganz anders ist als die erste. Weil jetzt Dortmund Tempo und Bayern die Fehler macht. Neuer gibt Reus die Chance, elfmeterreif zu fallen. 1:1. Der BVB lässt sich durch das 1:2 nur drei Minuten danach nicht stoppen. Er vergibt grösste Chancen auf unfassbare Weise. Dann trifft Reus erneut, weil er eine Flanke aus vollem Lauf und mit voller Wucht in die Ecke drischt (67.).

Der Speaker schreit: «Was für ein geiles Tor.» Und es wird für Dortmund noch besser. Ballgewinn Sancho vor dem eigenen Strafraum. Traumpass Witsel. Sprint Alcacer und ein Lupfer über Neuer ins Netz. Reus sagt später: «War echt ein geiles Spiel.» Dortmund ist schon wieder nach Rückstand zurückgekommen. Wie gegen Fürth. Leipzig. Hoffenheim. Leverkusen. Augsburg.

Der CheftüftlerAlles anders mit Favre?

Es ist gut ein Jahr her: Sieben Runden sind in der Bundesliga gespielt, Dortmund steht auf Rang 1, fünf Punkte vor den Bayern. Alle schwärmen vom Offensivfussball unter dem neuen BVB-Trainer Peter Bosz, die Bayern entlassen Carlo Ancelotti. Darauf streichelt Jupp Heynckes noch einmal seinen Schäferhund Cando und tritt in München zum Comeback an. Acht Monate später gibt der 73-Jährige die Mannschaft auf Rang 1 zurück – 29 Punkte vor den viertplatzierten Dortmundern.

Ob es dieses Mal mit dem BVB wieder ähnlich bergab gehen kann wie unter dem Holländer Bosz, der nicht einmal mehr Weihnachten als Dortmunder Trainer erlebte? Nein, glauben alle. Das hat mit dieser jungen Mannschaft zu tun, die erst am Anfang ihrer Entwicklung steht. Und mit ihrem Cheftüftler. Lucien Favre, 61, aus Saint-Barthélemy im Kanton Waadt.

Für Favre ist das 3:2 «nicht unlogisch gekommen» aufgrund der Leistung in der zweiten Halbzeit. Er war sich in der Pause sicher gewesen, dass die Bayern ihr Tempo nicht werden halten können. Sieben Punkte vor den Bayern liegt der BVB jetzt. Natürlich träumen die ersten von der Meisterschaft. Nur Favre nicht. Viele Mannschaften seien stark in der Bundesliga. Und: «Wenn Bayern so spielt wie heute – poh, poh, poh.» Will heissen: Dann traut er ihnen alles zu.

Die TrainerfrageWas ist jetzt mit Kovac?

Die Frage bei den Bayern ist: Was passiert nun mit Kovac? Kann einer seinen Job verlieren nach einem solchen Match? Diese Bayern haben gestern ganz sicher nicht gegen ihren Trainer gespielt. Und wenn es stimmt, was Uli Hoeness gesagt hat, muss der 47-Jährige zumindest vorerst kaum mit der Entlassung rechnen. Hoeness hat vor einiger Zeit verkündet: «Ich werde Kovac verteidigen bis aufs Blut.» Und er hat diese Woche gesagt: «Daran hat sich nichts geändert. Meine Aussagen gelten nicht immer nur für zwei, drei Wochen.»

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