Die Antwort des Abgeschriebenen

Der FC Thun macht mit dem 2:1 gegen GC einen grossen Schritt Richtung Klassenerhalt. Der viel gescholtene Stürmer Nicolas Hunziker avanciert zum Matchwinner.

Der Joker sticht: Nach seiner Einwechslung in der 65. Minute kehrt Thuns Stürmer Nicolas Hunziker (r.) innert vier Minuten die Partie gegen GC.

Der Joker sticht: Nach seiner Einwechslung in der 65. Minute kehrt Thuns Stürmer Nicolas Hunziker (r.) innert vier Minuten die Partie gegen GC.

(Bild: Patric Spahni)

Dominic Wuillemin

Als die Partie gegen GC zu Ende ist und Thun 2:1 gewonnen hat, erzählt Andres Gerber eine Geschichte. Tags zuvor sei nach dem Abschlusstraining ein Fan zu ihm gekommen, sagt Thuns Sportchef also. Dieser habe gemeint, Hunziker tauge nichts. Warum er dennoch eingesetzt werde, wollte der Mann von Gerber wissen.

Der Sportchef kann die Anekdote jetzt mit einem Lachen erzählen, sein Stürmer hat die Antwort auf dem Platz gegeben. In der 65. Minute eingewechselt, ist Nicolas Hunziker zum Matchwinner avanciert. Erst verwertete er einen Flankenball Sorgics etwas glücklich – weil abgefälscht – mit dem Kopf. Wenig später traf der 22-Jährige erneut mit dem Kopf, diesmal nach einem Corner Matteo Tosettis. Vom 0:1 zum 2:1 innert vier Minuten, es ist eine erstaunliche Wende mit einem überraschenden Protagonisten.

Hunzikers beschwerlicher Weg

Hunziker blickt auf eine schwierige Zeit zurück, in Thun ist er vor dem gestrigen Tag nie wirklich angekommen. Dabei war er im Sommer mit vielen Vorschuss­lorbeeren vom FC Basel gekommen, für den er bis auf das letztjährige Leihengagement beim gestrigen Gegner GC seit dem ­elften Lebensjahr gespielt hatte. Hunziker begann gut, er galt als einer der Gewinner der Vorbe­reitung und wurde in den ersten Partien Simone Rapp vorgezogen. Doch seine Chancen konnte er nicht nutzen, bald einmal sass er auf der Bank, dann zwang ihn eine Sprunggelenkblessur zum Zusehen. «Ich wurde in den letzten Jahren immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen», sagt Hunziker.

Und als er zu Beginn der Rückrunde wieder fit war und gegen Luzern von Beginn an spielen durfte, vergab er zwei gute Möglichkeiten. Ein mickriges Törchen hatte er vor der gestrigen Partie auf seinem Konto. Die Stempel mit der Aufschrift «Chancentod» und «Fehltransfer» lagen bereit, Hunzikers Zukunft in Thun galt als ungewiss. «Dass ihm nun als Joker zwei Tore zum Sieg gelungen sind, ist eine schöne Geschichte», sagt Gerber. «Ich hoffe, der Knoten ist jetzt geplatzt», meint Hunziker selbst. Und Sturmpartner Dejan Sorgic, der das erste Tor mit einer Flanke aufgelegt hatte, meint, die Treffer seien die Belohnung für dessen harte Arbeit. «Er hat sich im Training nie hängen lassen. Gratulation.»

Zwischen Abstieg und Europa

Hunzikers Toren sei Dank, blicken die Oberländer auf ein rundum gelungenes Wochenende zurück. Mit dem 2:1 gegen die Grasshoppers sind sie auf Rang 6 geklettert. Und weil Lugano, Sion und Lausanne nicht gewannen, ist der Klassenerhalt nun sehr wahrscheinlich. Ein Punkt gegen den FCZ am Mittwoch in der Stockhorn-Arena könnte schon genügen. Mit einem Sieg würde Thun gar den 5. Platz belegen, der, sollte YB den Cupfinal gegen den FCZ gewinnen, für die Europa-League-Qualifikation berechtigt. Vom Tabellenkeller nach Europa, es wäre die Krönung eines spektakulären Aufschwungs.

Denn es ist keine zwei Monate her, da lagen die Thuner am Boden. Nach dem 2:7 in Sitten, der fünften Niederlage in Folge, waren sie auf dem letzten Platz klassiert. Doch statt in Panik zu ver­fallen und den Trainer zu wechseln, wie das ausser ihnen sämtliche Clubs zwischen Rang 3 und 10 getan haben, bekräftigte die Clubführung das Vertrauen in Marc Schneider und wurde dafür belohnt: Seither hat Thun in acht Partien 15 Punkte geholt. Der FCT hat nun nur einen Zähler weniger auf dem Konto als vergangene Saison zum gleichen Zeitpunkt, das letztjährige Punkttotal könnte er noch überschreiten. Derweil liegt Sion, das sich Mitte März nach dem 7:2 auf dem Weg nach oben wähnte, nur noch einen Punkt vom Tabellenende entfernt. «Wie wir uns aus der misslichen Lage gekämpft haben, verdient Anerkennung», sagt Gerber.

Und so nähern sich die Thuner mit grossen Schritten dem Klassenerhalt, gut möglich, können sie ihn schon übermorgen feiern, auch dank Matchwinner Hunziker. «Diese Treffer werden ihm enorm guttun und ihm Respekt von den Zuschauern einbringen», sagt Gerber. Der kritische Fan vom Abschlusstraining jedenfalls dürfte sein Votum mittlerweile bereuen.

Berner Zeitung

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