Die böse Seite des Fussballs

Viele Spielerberater denken ans eigene Geld. Und viele Eltern haben übertriebene Erwartungen.

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Ueli Kägi@ukaegi

In den schönsten Momenten ist der Fussball immer noch ein unbeschwertes Spiel auf dem Rasen. In den weniger schönen Momenten ist er ein Milliardengeschäft mit Lug und Trug in Hinterzimmern. Diese böse Seite hat längst auch den Kinderfussball erreicht.

Ein Nachwuchstrainer der Grasshoppers liess sich von Eltern bezahlen, um deren Kinder in den Junioren-Spitzenfussball einzuschleusen. Ein anderer war nicht nur Trainer, sondern hat auch noch junge Spieler für einen Spielerberater angeworben.

Schweizer Fussballclubs seien von Spielerberatern unterwandert, sagt Marco Bernet, früher Nachwuchschef beim FCZ. Die Berater wären kein grosses Problem, wenn sie sich tatsächlich zuerst um die Bedürfnisse ihrer Spieler kümmern würden – und nicht um den eigenen Profit. Doch seit die Fifa die Prüfung für Spielerberater abgeschafft und so den Markt komplett dereguliert hat, zieht der Fussball noch mehr zwielichtige Figuren an als früher. Und es werden noch jüngere Talente angegangen.

Psychische Belastung für die Kinder

Unseriöse Spielerberater sind das eine Problem im Spitzen-Jugendfussball. Das andere sind die hysterisch-verbissenen Eltern, die ihren Kindern mit unfairen Mitteln einen Vorteil verschaffen wollen. «Erlebnis vor Ergebnis» heisst ein Slogan des Schweizerischen Fussballverbandes. Wie schnell er bei den Erziehungsberechtigten vergessen geht, ist an jedem E-Junioren-Match irgendwo zwischen Niederweningen und Oberdorf zu sehen.

Trainer zu bestechen, ist verwerflich. Sich als Trainer bestechen zu lassen, ist mies. Dass aber auch im legalen Bereich ein gefülltes Portemonnaie in der Schweiz über Karrieren von Kindern entscheiden kann, ist eine Tatsache, gültig von der Gymiprüfung bis zur Geigenstunde. Wer es sich leisten kann, kauft seinen Kindern mit Privatlektionen oder Akademieplätzen Vorteile. Wer es sich nicht leisten kann, landet auf Rang 2.

Mit dem finanziellen Engagement und dem Erwartungsdruck der Eltern steigt die psychische Belastung für die Kinder. Nicht alle können damit locker umgehen. Psychiatrische Notfallstationen melden massiv steigende Fallzahlen. Gemäss einer jüngeren Untersuchung leidet jedes dritte elfjährige Schweizer Kind an Stresssymptomen.

Getrübter Blick auf die Realität

Der Sport ist Teil dieser Entwicklung mit unterschiedlichen Ausprägungen, gegen oben allerdings ist hier die Skala offen. Je mehr Geld eine Profikarriere verspricht, desto absurdere Züge nehmen die Förderungsmassnahmen an.

Kaum ein Jugendlicher ohne gross­zügige zeitliche und finanzielle Unterstützung wird es in den Ski-Weltcup schaffen. Wer für sein Kind nicht mehrere Zehntausend Franken jährlich zur Verfügung stellen kann, hat eine noch viel kleinere Aussicht auf eine Tenniskarriere. Und im Motorsport sitzen längst nicht mehr nur die besten Piloten in den Cockpits, sondern viele Fahrer nur dank ihrer Millionenmitgift.

Auch im Fussball locken im besten Fall Traumgagen. Doch der Blick auf die Realität geht meist völlig unter: Nicht einmal zwei von 15000 Schweizer Junioren pro Jahrgang werden im Durchschnitt Nationalspieler. Etwa jeder Tausendste schafft es in die Super League – mit teilweise nur bescheidenen Verdienstmöglichkeiten. Alle anderen verschwinden im Erwachsenensport in den Niederungen. Oder hören ganz auf. Manchmal auch desillusioniert. Und im schlimmsten Fall destabilisiert.

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