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Die Fans sollen über die Stränge schlagen können, aber...

Der Dialog quer durch den Verein ist das A und O guter Fankultur, schreibt Andreas Mösli, der Geschäftsführer des FC Winterthur.

Andreas Mösli hat auf der Schützenwiese des FC Winterthur schon früh die Bekanntschaft mit Stefan N. geschlossen.
Andreas Mösli hat auf der Schützenwiese des FC Winterthur schon früh die Bekanntschaft mit Stefan N. geschlossen.
Reto Oeschger

Als ich 2002 beim FC Winterthur Geschäftsführer wurde, ging es ihm nicht gut. Da waren durchschnittlich 500 Zuschauer bei den Spielen, ein paar Junge in der Bierkurve, ein paar Ältere auf der Tribüne. Fankultur gab es keine.

Eines Tages tauchte einer auf, der schon damals als Nazi-Hooligan bekannt war. Ich musste ihm erklären: «Das passt nicht zusammen, der FCW und du.» Er ging wieder. 2007, als er trotz Stadionverbot zum Cup-Spiel von GC auf die Schützenwiese kam, zeigten wir ihn wegen Hausfriedensbruch an. Die Schweiz hat ihn vor zwei Wochen kennengelernt: diesen Stefan N., der mit anderen Fans von GC den Spielabbruch in Luzern provozierte. Die Zeitungen schrieben von Mob, von Chaoten, von Hooligans, aber für mich ist auch N. ein Fan. Einer von GC. Ich stosse mit dieser Ansicht auf Widerstand. Aber N. definiert für sich, was ein Fan ist.

Das Wort Fan stammt vom Lateinischen Fanaticus ab – von der Gottheit ergriffen, in rasende Begeisterung versetzt. Ein Fan schwärmt für etwas, eine Person, eine Sache, das kann so weit gehen, dass er sich rücksichtslos dafür einsetzt. Fan heisst nicht, dass einer ein guter Mensch ist, es gibt auch Typen wie N., die nicht hehren Wertvorstellungen entsprechen.

«Mich ärgert die Arroganz in der Kurve und auf der Tribüne, wenn jeder sagen will, was ein Fan ist»

Vor einem Jahr wurde nach dem Spiel in Schaffhausen in unserem Fanzug die Notbremse gezogen. N. und ein paar andere Typen waren dafür verantwortlich, sie sassen auf einmal in diesem Zug. Von unseren Fans schritt niemand ein, weil sich keiner mit denen anlegen wollte. Gewalt ist in unserer Fanszene traditionell kein Mittel. Bei GC dagegen scheint die Kultur so, dass es möglich ist, eines toten Nazis aus Chemnitz zu gedenken. GC bestätigt mir mit seiner Fanpolitik, dass wir in Winterthur auf dem richtigen Weg sind.

Natürlich habe ich schon gehört: «Ihr könnt nur ein Experimentierfeld sein, weil ihr klein seid. Wartet nur, bis die Bösen kommen.» Wir können uns nicht mit Basel oder dem FCZ vergleichen. Aber wir schaffen es, neue Leute in der Fankurve aufzunehmen, ohne dass sich die Kultur verändert. Der Dialog quer durch den Verein ist dabei das A und O. Nur dadurch gibt es einen Konsens. Die Fans sollen über die Stränge schlagen können, auch bei uns. Denn was ist, wenn kein Fussball mehr gespielt wird, wenn an einem Wochenende keines von 10 000 Spielen mehr ausgetragen wird? Wo gehen die Leute dann mit ihren Emotionen hin? Wo können sie noch folgenlos pöbeln, nicht nur in der Kurve, sondern auch auf VIP-Sitzen? Die Gesellschaft braucht ein Ventil. Ein Fussballstadion bietet das. Wichtig ist immer nur eines: Man muss die Grenzen erkennen. Die Fans müssen einsehen: Wenn sie sich komplett daneben benehmen, machen sie kaputt, was sie selber schätzen.

Bei uns reguliert sich alles früher oder später. Die Fans wissen, welche Werte der Verein vertritt, sie unterstützen Spendenaktionen für Flüchtlinge oder den Klimaschutz. Wir wollen sauberes Wasser für alle, propagieren den Verkauf von Kaffee aus fairem Handel und sprechen uns gegen Familienarmut aus. Rassismus und Diskriminierung haben keine Stimme. Wir sind für Toleranz, Respekt und Weltoffenheit. Ein Verein muss sich eine Identität schaffen. Und die darf nicht auf Abgrenzung beruhen! Die Schützenwiese soll eine Heimat sein für alle, die diese Werte leben wollen.

Eines gibt es, das mich grausam ärgert: Das ist die Arroganz in den Kurven und auf den Tribünen, wenn sie sich gegenseitig vorschreiben wollen, was ein Fan ist. Der Fan steht nicht nur in der Kurve, eingepfercht hinter Gittern. Es ist nicht nur der eine Fan, der von den Marketingabteilungen der Vereine dazu gemacht wird und ihre Artikel kritiklos kauft. Oder der hinter Glas sitzt und im VIP-Raum sein Glas Wein trinkt. Das sind einfach verschiedene Welten, die sich in einem Stadion auftun und vereinen. Die Distanz ist riesig. Genau darum braucht es den Austausch. Damit in der Kurve oder in der Loge keiner denkt: Der andere ist gar kein Fan.

Das Fan-Sein ist sehr subjektiv und individuell. Jeder muss selber bestimmen können, wie er das auslebt. Wer an einem Abend im November zu einem Fussballspiel geht, wenn es kalt ist und regnet, der ist für mich ein Fan.

Ein Thema würde ich gerne einmal breiter diskutieren: Das sind die Pyros. Sie sind ein Teil der Fankultur, das ist ein Fakt. Sie sind per Gesetz verboten, ich weiss. Aber die Gesellschaft hat sich verändert, sie ist nicht mehr so, dass sich einfach alles untersagen lässt.

Pragmatismus ist bei diesem Thema gefragt. Wir müssen uns den Fragen stellen: Was kann die Lösung sein? Wieso wollen junge Männer Pyros abbrennen? Weil für sie der Reiz im Verbotenen liegt? Wieso denken sie, dass das zur Fankultur gehört? Es ist gefährlich, ja, aber wie kann man die Gefahr begrenzen? Die Antworten will keiner suchen. Stattdessen heisst es sofort: Wir müssen uns ans Gesetz halten. Ich sage: Reden wir darüber, statt 16-Jährige zu kriminalisieren, weil sie einmal ein Pyro zünden, und dafür gewalttätige Fans davonkommen zu lassen.

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