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Die Lokomotiven aus Tiflis

Für die Schweiz beginnt die EM-Qualifikation 2020 in Georgien – wo ehemalige Profis Politik machen oder den Verband führen.

Leere: Dinamo Tiflis spielt – ein Grüppchen Fans steht in der Kurve des Stadions, in dem die Schweiz am 23. März auf Georgien trifft.
Leere: Dinamo Tiflis spielt – ein Grüppchen Fans steht in der Kurve des Stadions, in dem die Schweiz am 23. März auf Georgien trifft.
Reto Oeschger
Gegensätze: Schnittiger Luxuswagen ...
Gegensätze: Schnittiger Luxuswagen ...
Reto Oeschger
Spieltag: Die Schiedsrichter warten vor einem Ligaspiel von Lokomotive Tiflis auf die Spieler.
Spieltag: Die Schiedsrichter warten vor einem Ligaspiel von Lokomotive Tiflis auf die Spieler.
Reto Oeschger
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Das Grüppchen hat eine überschaubare Grösse und ist doch unüberhörbar. Seinen Stammplatz hat es in der Kurve, weit weg vom Spielfeldrand zwar, aber das stört die rund 40 Fans so wenig wie die Kälte. Sie sind der Farbtupfer in trister Ambiance. Höchstens 400 Zuschauer sind insgesamt da, als Dinamo Tiflis die neue Saison eröffnet. In seiner Arena, einer Schüssel mit 54'000 Plätzen.

Wenigstens haben sie ihren Spass, weil der Gegner aus Satschchere nur bescheidenen Widerstand leistet. 1:0, 2:0, Start gelungen – die besonders Hartgesottenen blenden die Temperaturen aus, sie tanzen und klatschen mit nacktem Oberkörper, als sich die Spieler bei ihnen für die Unterstützung bedanken.

Drinnen erzählen Bilder in Schwarzweiss Episoden von Zeiten, in denen Georgien noch Teil der Sowjetunion und Dinamo Tiflis eine europäische Grösse war. Sie erinnern an 1981, an den triumphalen Gewinn des Europacups der Cupsieger gegen Carl-Zeiss Jena. Sie zeigen Alexandre Tschiwadse, den ewigen Dinamo-Verteidiger und -Helden, wie er sich mit dem Brasilianer Zico duelliert. Die Schnappschüsse nehmen den Besucher mit auf eine Reise in die Vergangenheit, und sie entlassen ihn danach mit Wehmut wieder in die Gegenwart.

Der Präsident verspricht: «Das Stadion wird ziemlich voll sein»

Immerhin gibt es sie wieder, diese Tage, die Emotionen wecken und an denen sich Massen mobilisieren lassen. Der Clubfussball tut sich zwar schwer, Publikum anzulocken, dafür gewinnt die Nationalmannschaft laufend an Bedeutung. Am 23. März hat sie ihren nächsten Auftritt, die Schweiz ist der erste Gegner in der EM-Qualifikation. Und Lewan Kobiaschwili verspricht: «Das Stadion wird ziemlich voll sein.» Stimmung statt Trostlosigkeit.

Kobiaschwili ist der Präsident des georgischen Fussballverbandes, er geniesst breite Anerkennung, weil er als Spieler 15 Jahre in der Bundesliga bei Freiburg, Schalke und Hertha Berlin verbracht hat. Der 41-Jährige hätte sich ein lockeres Leben einrichten können, «aber wissen Sie», sagt er, «wenn ich mich vor jeder Herausforderung gescheut hätte, wäre ich im Ausland gescheitert. Am Morgen aufstehen, Kaffee trinken, keinen Druck haben und ein bisschen überlegen, was ich machen könnte, das ist nicht mein Ding.»

Sein Ding ist: Gutes tun für den Fussball in Georgien. Sein Traum ist: Teilnahme an einem grossen Turnier.

Es ist ein Samstagmittag, als Kobiaschwili in einer Brasserie im Zentrum von Tiflis sitzt, er hat Alexander Iaschwili mitgebracht, einen seiner vier Vizepräsidenten. Die beiden Freunde verbindet viel, gemeinsame Jugendjahre, ein gemeinsamer Abschnitt als Profis in Deutschland, gemeinsame Länderspiele und nun die Aufgabe im Verband. Seit Oktober 2015 ist Kobiaschwili im Amt, Iaschwili holte er ein Jahr später dazu. Neulich sind sie für weitere vier Jahre gewählt worden. Sie sagen: «Es gibt nie ein Ende unserer Arbeit.»

Gestartet sind sie «bei null», so sagt das Iaschwili. Die Infrastruktur war veraltet, die Ausbildung ungenügend, die Glaubwürdigkeit weg. Auf Kosten des Fussballs gewannen Rugby und Basketball an Popularität. Als der Staat im Südkaukasus noch Teil der Sowjetunion war, identifizierten sich die Leute mit Dinamo Tiflis so sehr, dass es Kobiaschwili vorkam «wie ein eigenes Nationalteam». Nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991 vertrieb die schwere Wirtschaftskrise viele, auch sehr gut gebildete Menschen ins Ausland. Auch die Fussballer zog es fort, die Besten von ihnen kamen in zahlungskräftigen Vereinen in Westeuropa unter. Die Einwohnerzahl sank um mehr als 1 Million auf noch 3,7 Millionen.

Kobiaschwili hofft, dass Georgien bald fit für die EU ist

Konstant blieben die Probleme: grosse Arbeitslosigkeit, Korruption, politische Unruhen, der Krieg gegen Russland um das abtrünnige Südossetien 2008. «Dieser Konflikt warf uns zurück», sagt Kobiaschwili, «aber wir haben die Rückschläge weggesteckt.» Er hat die Hoffnung, dass sich Georgien bald in EU-tauglicher Verfassung präsentiert, und preist bei dieser Gelegenheit die Vorzüge seiner Heimat an: «Strände, Berge, Skigebiete, schöne Natur und Städte – wir haben einiges zu bieten.» Als Beleg für den Aufschwung dient ihm eine Zahl: «8 Millionen Touristen waren im letzten Jahr bei uns.»

Das beliebteste Ziel ist die Hauptstadt, in der rund ein Drittel aller Georgier leben und die voller Gegensätze ist. «Postsowjetische Tristesse trifft auf rasante Hipsterkultur», schrieb die «Welt» einmal. Am Rustaweli-Boulevard, der mehrspurigen Hauptverkehrsader, finden sich Theater und Museen, eine moderne Mall und vornehme Geschäfte, erstklassige Hotels wie jenes mit der gläsernen Fassade, das mit Geld aus den Emiraten hochgezogen worden ist.

Wer die Strassenseite wechseln will, muss eine der Unterführungen passieren, in denen sich kleine Läden eingenistet haben, die allerlei im Angebot haben, Handyzubehör, Textilien oder Khachapuri, überbackenes Käsebrot. An den Aufgängen strecken Bettler die Arme entgegen, auf dem Boulevard sind nicht nur Gebrauchtwagen, sondern auch teure Autos mit abgedunkelten Scheiben unterwegs.

Wenn Kobiaschwili nicht gerade als Fussballfunktionär zu tun hat, beschäftigt er sich mit Politik. Er ist Abgeordneter des Parteienbündnisses Georgian Dream, im Parlament begegnet er oft Michail Kawelaschwili, auch er ein ehemaliger Nationalspieler, auch er Mitglied des Georgian Dream. Kawelaschwili, 47, hat Spuren in der Schweiz hinterlassen, von 1997 bis 2006 stand er bei sechs Clubs unter Vertrag, unter anderem bei GC, dem FCZ und Basel. Jetzt ist er Vorsitzender des Departements Sport und Jugend und betont immer wieder die Wichtigkeit des Sports für Kinder. Und dass es dabei nie ums Geld gehen darf.

Kawelaschwili hält es wie Kobiaschwili oder Kacha Kaladse, der fast ein Jahrzehnt bei Milan verteidigte und seit Herbst 2017 Bürgermeister von Tiflis ist: «Wir haben unserer Heimat viel zu verdanken und sind es ihr schuldig, dass wir etwas zurückgeben.» Hunderttausende Georgier hätten Existenzprobleme: «Ihnen müssen wir helfen.» Und darum braucht das Land Lokomotiven wie die einstigen Fussballprofis.

Im Fussballverband ist Kobiaschwili vom antiquierten Führungssystem weggekommen. Er pflegt keinen autoritären Führungsstil, er versteht sich nicht als allein herrschende Institution auf dem Chefsessel. Er hat den Vorstand aufgestockt und ist empfänglich für Ideen: «Jeder hat die Möglichkeit, sich einzubringen.»

Die Chefs kicken in der Provinz und geben sich volksnah

Die neue Führung hat die Ligen neu organisiert, die erste und die zweite Spielklasse von 16 auf 10 Clubs reduziert und einen geordneten Betrieb auf Amateurstufe eingeführt. Die Anzahl der Lizenzierten stieg um 10'000 auf 25'000. Kobiaschwili und Iaschwili kicken manchmal mit einem Team des Verbandes auch in der Provinz. Sie helfen mit, das Spielfeld herzurichten, und diese Volksnähe kommt an. Das Duo wirbelt und wirbt für den Aufschwung des georgischen Fussballs, wo es nur kann.

20 Clubs haben den Profistatus, aber die finanziellen Voraussetzungen sind so bescheiden, dass der Verband hilft. Er übernimmt die Kosten für die Verlegung von Naturrasen, weil er für die Meisterschaft künstliche Unterlagen verboten hat. Er stellt die Technologie zur Verfügung, mit der die Clubs Daten der Spieler erfassen können, er kaufte ihnen Wyscout für Scouting, Match- und Leistungsanalysen. «Früher brachte man es allein mit Talent sehr weit», sagt Iaschwili, «das reicht heute nicht mehr.»

Iaschwili ist auch der Delegierte der Nationalmannschaft, einer Auswahl, deren Spieler alle im Ausland unter Vertrag stehen, in der Ukraine und Russland, in Portugal und Polen, in der spanischen und deutschen Zweitklassigkeit, in Dänemark und Schweden, in Belgien und in der Schweiz: Lewan Charabadse vom FC Zürich und Otar Kakabadse von Luzern stehen im Aufgebot. Als Mann der Zukunft gilt der derzeit angeschlagene Giorgi Tschakwetadse von Gent, der zwar erst 19 ist, aber über Fähigkeiten verfügt, die viele zum Schwärmen bringen. Seit drei Jahren kümmert sich Vladimir Weiss als Coach um die Mannschaft, ein 54-jähriger Slowake. Als es anfänglich nicht lief, riefen entrüstete Beobachter: «Was wollt ihr mit diesem Trainer?» Kobiaschwili sagt mit einem Lächeln: «Die Georgier sind emotionale Menschen, schnell sauer, aber auch schnell wieder zufrieden.»

Die kritischen Stimmen sind verstummt, weil die Mannschaft geliefert hat: In der Nations League hat sie in 6 Spielen gegen Kasachstan, Lettland und Andorra 16 Punkte gesammelt. «Okay», sagt Iaschwili, «das waren vielleicht nicht die namhaftesten Gegner, trotzdem haben wir gezeigt: Wir werden immer stärker. Der Coach macht jeden Spieler besser.» Und: «Wir rechnen damit, dass sich die Investitionen bezahlt machen.»

Investiert wird zum Beispiel in Batumi, der zweitgrössten Stadt. Dort, am Schwarzen Meer, wird gerade ein neues Stadion mit 22'000 Plätzen gebaut. Und in Rustawi, eine halbe Stunde südöstlich von Tiflis, befindet sich die neuste Talentschmiede: die Akademie des Verbandes. Zur grosszügigen Anlage gehören je zwei Natur- und Kunstrasen, ein Wohnhaus, Trainerbüros, Schulzimmer. 70 Junioren der Stufen U-14, U-15 und U-16 besuchen von 9 bis 14 Uhr eine Schule nahe dem Gelände und erhalten nach dem Training am Nachmittag weitere Lektionen.

Maximal zwei Stunden täglich darf das Handy benutzt werden

Wer seinen Platz behalten will, tut gut daran, Regeln einzuhalten und ordentliche Schulnoten zu erreichen. «Die Ausbildung darf nicht vernachlässigt werden», sagt Lewan Kobiaschwili. Die Jungen lernen, was es heisst, sich gesund zu ernähren, sie lernen Disziplin: Der Gebrauch der Handys ist während zweier Stunden am Tag erlaubt. Wer dagegen verstösst, büsst mit einem Trainingsverbot. «Und nichts trifft einen Jungen härter als das», versichert Irakli Liluaschwili, der 34-jährige Leiter der Akademie.

Als die Einheit der U-16 mit einem Circuit beginnt, herrscht Ruhe. Surab Chisanischwili ist der Trainer, der einst in Schottland und England spielte und einen strengen Blick aufsetzen kann. «Er ist ein glaubwürdiger Ausbildner und ein Vorbild, weil er es ins Ausland gebracht hat», sagt Liluaschwili.

Die Nachwuchsspieler schwärmen von Barcelona und Real Madrid, ihre Vorbilder heissen Messi und Ronaldo – sie träumen den Traum wie so viele in ihrem Alter überall auf der Welt. Am 23. März werden sie den Grossen zuschauen, den Nationalspielern. Der Respekt vor der Schweiz ist gross, «das ist ein absolutes Topteam», sagt Alexander Iaschwili. Aber die Georgier haben ja die Sehnsucht, bald an einem grossen Turnier dabei zu sein. 2020 schon an der EM?

Kobiaschwili schaut Iaschwili an. Sie lächeln.

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