Die Realitäten nicht vergessen

Nationalteam Das 4:0 gegen Litauen tat den Schweizern gut, aber die Pflicht ist deshalb längst nicht erfüllt.

Thomas Schifferle@tagesanzeiger

In Deutschland führen sie in diesen Tagen eine bemerkenswerte Diskussion. Sie fragen sich, wie gut ihre Nationalmannschaft derzeit ist. Und sie tun das, weil sie glauben, deren kümmerlicher Auftritt beim 4:0 gegen Gibraltar sei sinnbildlich für das, was sie seit der WM geleistet hat.

Nun denn, warum nicht wieder einmal eine grundsätzliche Diskussion führen? Das mögen die Deutschen im Fussball ganz gerne. Und vergessen wir nicht: Das brillante 7:1 im Halbfinal gegen Brasilien und der Triumph im Final gegen Argentinien liegen ja auch schon fünf Monate zurück. Da ist eine Krise immer einmal möglich.

Die Schweizer haben es ein wenig einfacher. Sie stehen dafür, dass 4:0 nicht immer gleich 4:0 ist. In ihrem Fall ist es eines, das allen guttat – der Mannschaft und dem Trainer, vor allem ihm, Ottmar Hitzfelds Nachfolger Vladimir Petkovic. Die Zuschauer genossen, was die Spieler am Samstag in der EM-Qualifikation gegen Litauen in der zweiten Halbzeit boten, diesen Offensivfussball, der nicht bloss lust-, sondern auch wirkungsvoll war.

0:0 hatte es zur Pause gestanden statt bereits 2:0 oder 3:0. Am Ende war es also ein 4:0, nur ein 4:0. Dabei hatte die Schweiz allein in der zweiten Halbzeit insgesamt zehn gute bis sehr gute Möglichkeiten. Es brauchte ein Eigentor für die Erlösung. Das mag nicht schön gewesen sein, aber Litauens wehrhafter Goalie Giedrius Arlauskis hatte schon über eine Stunde lang derart unter Druck gestanden, dass ihm früher oder später ein Missgeschick unterlaufen musste.

Die Schweizer hatten nie gezweifelt. Sie stürmten immer weiter, auch nach den besten vergebenen Chancen, sie blieben geduldig und beharrlich, und als sie einmal führten, brach der litauische Widerstand schon zusammen. Den Rest des Abends verwandelten sie in eine kleine Jubelfeier.

Kein ernsthafter Gradmesser

Petkovic bekam Fussball, wie er ihn sich vorstellt. So weit ist alles gut. Nur tut es ebenso gut, die Realität nicht auszublenden. Das Spiel gegen Litauen konnte kein ernsthafter Gradmesser sein für die wahre Stärke der Schweiz. Vielmehr war es Erinnerung daran, von welcher Qualität, abgesehen von England, die Gegnerschaft in dieser Qualifikationsgruppe E ist.

San Marino? Zusammen mit Bhutan die schlechteste Mannschaft der Welt (Gibraltar bleibt diese Wertung erspart, weil es nur von der Uefa anerkannt ist, aber nicht von der Fifa). Estland? Wer in San Marino 0:0 spielt, sagt alles über sich selbst. Litauen? Leidenschaftlich kämpfend, aber spielerisch ohne Flair und Klasse. Und Slowenien? Von der Schweiz wurde es phasenweise fast so dominiert wie Litauen, aber es hatte das Glück, nicht in Rückstand zu geraten. Und irgendwie gelang ihm selbst ein Tor, das zum Sieg reichte.

Die Schweizer lernten in Maribor immerhin eines: wie schnell ein ­Unglück passiert ist. Morgen Dienstag endet das Länderspieljahr mit einem Freundschaftsspiel in Polen, das nicht mehr als ein Freundschaftsspiel ist. Die Bilanz von 2014 ist schon gemacht. Sie ist dank des Achtelfinals an der WM ordentlich, aber nicht grossartig, wie es mit einem möglichen Sieg gegen Argentinien der Fall gewesen wäre. Sie findet nun dank des 4:0 von St. Gallen einen versöhnlichen Abschluss und verhindert jedes Krisengerede. Mehr ist aber auch nicht. Die Pflicht bleibt zu erfüllen.

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