Die Weltenwanderer

Die soliden Young Boys bauen ihre beeindruckende Super-League-Bilanz aus –nach dem 3:0 bei den erschreckend schwachen Grasshoppers haben sie in 13 Partien 43 Tore erzielt.

  • loading indicator

Man muss sich ernsthafte Sorgen um dieses GC machen. Erst ein Mal in seiner 132 Jahre langen Vereinsgeschichte stieg der Schweizer Rekordmeister (27 Titel) und Rekordcupsieger (19 Titel) ab, das war 1949 (ältere Leser werden sich erinnern). Damals kehrte GC nach zwei Saisons in die NLA zurück und holte im Jahr darauf gleich das Double.

Derzeit sind die Grasshoppers von Titelgewinnen jedoch ungefähr so weit entfernt wie Zürich davon, eine Fussballstadt zu sein. Die GC-Tristesse ist am Samstagabend im Heimspiel gegen YB allenthalben zu spüren, 5500 Zuschauer verlieren sich im für Fussballanlässe scheusslichen Letzigrund, weit mehr als 1000 sind aus Bern.

Die Szenerie ist irgendwie beklemmend. GC taumelt gerade sehr, unten auf dem Rasen müht sich die Mannschaft ab und hinterlässt einen kläglichen Eindruck. Man hat gar Mitleid mit dem Verein, was wie eine Höchststrafe für diese doch so stolze Institution sein muss.

Im Schongang zum Sieg

0:3 verlieren die erschreckend harmlosen Grasshoppers gegen die Young Boys, die ihre mit Abstand schwächste Saisonleistung zeigen – und dennoch problemlos siegen. «Wir waren teilweise ein wenig lethargisch», sagt YB-Trainer Gerardo Seoane. Es ist eine nette Formulierung für einen fahrigen, fehlerhaften Auftritt seiner Akteure, die im Schongang den bereits elften Sieg im 13. Ligaspiel mitnehmen.

Die Young Boys können sich eine biedere, vor der Pause gar ungenügende Vorstellung locker leisten. Zu Beginn der zweiten Halbzeit verlassen sie immerhin vier Minuten lang den Sparmodus, und das reicht, um durch Guillaume Hoarau und Christian Fassnacht zwei Tore zu erzielen und die triste Veranstaltung zu entscheiden. In der Schlussphase gelingt dem eingewechselten Michel Aebischer nach einer Eckballvariante noch das 3:0, damit hat YB nun sehr beeindruckende 43 Tore in 13 Partien erzielt. Gegen diese verunsicherten Grasshoppers wäre aber auch ein historischer Kantersieg möglich gewesen. «Wir waren viel zu wenig aggressiv», sagt GC-Coach Thorsten Fink. «Das ist sehr enttäuschend, denn ich finde, heute wäre eine Überraschung für uns möglich gewesen.»

Das ist eine eher fantasievolle Einschätzung des Gebotenen. Aber wahrscheinlich dachte Fink bei seiner Aussage vor allem an die genügsamen Young Boys. Sein Team war ohne mehrere verletzte Stammkräfte in Wahrheit chancenlos, hilflos, kraftlos. Es war eine junge, namenlose, unerfahrene Belegschaft, die sich so gut oder eben schlecht wehrte, wie sie in der Lage war. Aber immerhin gibt es in der breiten Nachwuchsbewegung der Grasshoppers wie immer einige Toptalente. Der 20-jährige, schlaksige Franzose Djibril Diani etwa gefiel bei seinem Super-League-Debüt im zentralen Mittelfeld mit Präsenz, Ballsicherheit und Übersicht. Er war ein einsamer Lichtblick in düsteren GC-Zeiten. Das Kader des Zürcher Vereins ist insgesamt enorm wirr und wild zusammengestellt, und so erstaunt es keineswegs, rangiert die Mannschaft nun auf dem letzten Platz – punktgleich mit Aufsteiger Xamax, bei dem die Grass-hoppers in der nächsten Runde antreten müssen.

Auch Valencia kriselt schwer

YB erlebte rund um die Jahrtausendwende ähnlich strube Zeiten wie GC heute. Aktuell ist bei den Bernern aber vieles im Fluss, sie dominieren die Liga wie letzte Saison beinahe nach Belieben. In Zürich traten sie vorgestern mal wieder in personeller Bestbesetzung an und drehten wie regelmässig in den letzten Wochen nach der Pause auf.

Die Young Boys wandern derzeit zwischen zwei total verschiedenen Welten: Gigant in der Heimat, Aussenseiter in Europa. Am Mittwoch in Valencia müssen sie sich bei ihrem vierten Champions-League-Auftritt jedenfalls deutlich steigern, selbst wenn auch der nächste Gegner im Tief ist. Nur eine Begegnung hat Valencia in 14 Pflichtspielen (!) diese Saison gewonnen und dabei erst 8 Treffer erzielt. Am Samstag verlor der spanische Topclub das Heimspiel gegen Girona trotz klarer Überlegenheit 0:1, er hat nach elf Partien erst elf Punkte auf dem Konto. Valencia steckt wie GC überraschend im Abstiegskampf fest. YB trifft in zwei Tagen erneut auf einen angeschlagenen Gegner. .

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt