Diese Regeländerung kann Leben retten

Offenbar ist die Einführung einer neuen Regel nur noch Formsache. Dadurch soll die Gesundheit der Fussballer geschützt werden.

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Er hätte nie zum Matchwinner werden dürfen. 2:0 gewinnt die Schweiz am 23. März das EM-Qualifikationsspiel gegen Georgien, Fabian Schär leitet beide Tore ein. Einen Tag später sagt er dem «Blick»: «Mein Schädel brummt noch, zudem habe ich Nackenschmerzen. Aber es hat sich gelohnt.» Folgen einer Szene in der 24. Minute. Bei einem Luftduell prallen die Köpfe von Schär und Jemal Tabidze zusammen, beide bleiben benommen liegen. Jano Ananidze reagiert gedankenschnell, nimmt dem Schweizer Innenverteidiger die Zunge aus der Kehle. Schär sagt zum Unfall: «Ich kann mich an gar nichts erinnern.» Er war für einige Sekunden bewusstlos. Dennoch spielt er weiter, verhilft den Schweizern zum Sieg.


Video: Schär verletzt sich am Kopf

Nach einem Zusammenprall bleibt der Innenverteidiger benommen liegen. Video: SRF


Doch waren die drei Punkte das Risiko wirklich wert? In der Schweiz entstand eine Debatte, gegenüber thunertagblatt.ch/Newsnetz warnte Dr. Gery Büsser davor, dass der Sport «in die Hirnerschütterungs-Steinzeit» zurückfällt. Büsser ist bei Hirnerschütterungen eine Schweizer Koryphäe, sitzt auch in der Kommission des Eishockey-Verbandes, ist Chefarzt bei der Schulthess-Klinik, Teamarzt vom ZSC und Leiter des Swiss Olympic Medical Center. Und beim Schweizerischen Fussballverband? Da trat als Konsequenz nach dem Vorfall mit Schär Teamarzt Damian Meli zurück.

Am 23. Oktober werden die Regelhüter des Fussballs (Ifab) über eine Regeländerung zu diesem Thema abstimmen. Denn Hirnerschütterungen werden im Fussball nach wie vor unterschätzt. Da ist Schär nur eines von zahlreichen Beispielen.

Die temporäre Auswechslung

Gemäss dem Magazin «The Athletic» sollen Trainer künftig die Gelegenheit haben, einen Spieler für 10 Minuten auszuwechseln, wenn ein Verdacht auf Gehirnerschütterung besteht. Die Ärzte sollen den «Sport Concussion Assessment Tool, Auflage 5» (SCAT5) genannten Test durchführen, der mindestens 10 Minuten benötigt, das Team des Verletzten muss während dieser Zeit allerdings nicht in Unterzahl agieren. Sollte es medizinisch vertretbar sein, darf dieser Wechsel nach der Untersuchung wieder rückgängig gemacht werden. Das SCAT5 ist eigentlich bereits ein Fifa-Standard, wird aber in der Praxis kaum genutzt.

Diese Regel soll Druck von Medizinern und Coaches nehmen und verhindern, dass Fussballer mit Hirnerschütterungen weiterspielen. Sportwissenschaftler Ross Tucker erklärt «The Athletic» einen weiteren Vorteil: «Einen bereits ausgewechselten Spieler draussen zu behalten ist viel einfacher, als nach der Behandlung zu entscheiden, ihn rauszunehmen.» Der frühere Fussballprofi und heutige Medizinwissenschaftler Vincent Gouttebarge ergänzt: «Wir arbeiten seit 2014 daran, das Hirnerschütterungs-Protokoll im Fussball zu überarbeiten. Es braucht ein Regelwerk, das Fussballern mit Hirnerschütterungen untersagt, zu früh auf den Platz zurückzukehren.» Eine solche Verletzung brauche mindestens sechs Tage, um zu verheilen.

Angst vor Missbrauch

Und weil im Milliarden-Business Fussball das mit der Ehrlichkeit so eine Sache ist, findet Gouttebarge: «Ein neutraler Arzt sollte mithelfen, eine korrekte Diagnose zu stellen.» Nicht zuletzt mit diesem Argument sollen nun auch die hohen Fifa-Funktionäre überzeugt werden. Denn vor fünf Jahren wurde bereits über eine solche Regeländerung diskutiert und, die Idee wurde allerdings wieder verworfen. Sie sorgten sich um Missbrauch. Beispielsweise darum, dass eine Verletzung vorgetäuscht werden könne, um einen Freistoss- oder Penaltyspezialisten (oder -killer?) kurzzeitig einzuwechseln.

Ein weiteres Druckmittel wäre, natürlich, das Geld. Nach zunehmenden Warnungen der Mediziner, wonach nach Hirnerschütterungen die Gefahr von Langzeitschäden oder Todesfälle bestehe, könnte der Fifa im schlimmsten Fall gar Schadenersatzforderungen drohen. Auch deshalb scheint es nur noch Formsache, dass die Regeländerung vom Ifab im Oktober und von der Fifa im März offiziell durchgewinkt und ab kommender Saison eingeführt wird. Für Dr. Damian Meili kommt diese Neuerung zu spät.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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thunertagblatt.ch/Newsnetz

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