Ein wilder Ritt und ein stiller Mann im Glashaus

Thuns Trainer Marc Schneider bleiben nach einem hektischen Auftakt gegen Xamax (2:2) vor allem positive Eindrücke.

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So weit kam es in Thun ja nicht. Aber die markanteste Neuerung im Schweizer Fussball in den letzten Jahren kann skurrile Folgen zeitigen, etwa: Der Mann des Spiels muss gar nicht im Stadion sein. Mann des Spiels am Samstag zwischen Thun und Xamax war vielleicht Raphael Nuzzolo mit seinen zwei Toren für Xamax, vielleicht war es auch Dejan Sorgic mit einem Treffer und viel Offensivdrang, aber es war nicht er: der Video Assistant Referee (VAR) im verglasten Raum in Volketswil bei Zürich. So weit, so gut. Dennoch gibt der VAR zu reden, gerade am Wochenende seiner Instandsetzung in der Super League. Er wird machen können, was er will, Gesprächsthema wird er noch eine Weile blieben.

In Thun tat der VAR das ganze Spiel über: nichts. Und genau das gab zu reden. Etwa wegen der Szene in der 26. Minute. Ein Freistoss für Xamax, Nuzzolo trat an, «ich denke, der Ball wäre ziemlich gefährlich aufs Tor gekommen», sagte der Bieler später lächelnd. Thuns Basil Stillhart sprang in der Mauer mit hoch, die Mauer stand im Strafraum, Stillharts Ellenbogen ging gegen oben.

Ob das geschah, bevor oder nachdem der Ball dort abprallte, liess sich auch nach zwei, drei, vier, fünf Zeitlupen nicht mit Sicherheit sagen, und so riet der VAR dem Schiedsrichter nicht, sich die Szene nochmal anzuschauen, so blieb er für die Zuschauer im Stadion ein schweigender VAR. Was blieb, war der Penaltypfiff und das 1:0 für Xamax durch Nuzzolo.

Keckes Xamax

«Natürlich hat man diese Option in solchen Situationen im Kopf», sagte Thuns Trainer Marc Schneider später, als nach zwischenzeitlichem 0:2 ein 2:2 feststand. «Du hoffst, dass alles auf deine Seite kippt.» Das Spiel kippte gestern tatsächlich, es war im zweiten Durchgang auch höchst unterhaltsam, aber dem VAR geschuldet war das nicht.

Mission erfüllt? «Je länger es auf dem Feld dauert, desto weniger versteht man als Trainer an der Seitenlinie. Insofern war das heute noch gut, weil alles einigermassen zügig erledigt war», sagte Schneider. Und sein Kollege Joel Magnin, nach Jahren im Nachwuchs von YB zum ersten Mal in der höchsten Spielklasse als Trainer an der Linie, sagte lachend: «Ich hatte mir mein erstes Spiel etwas ruhiger vorgestellt.»

Xamax, das gefühlte 9 von 10 Experten zum Saisonauftakt auf den Abstiegsrang getippt haben, überraschte mit keckem, direktem Spiel. Thun hatte mehr Anteile, war im zweiten Durchgang besser, aber was Xamax machte, hatte Hand und Fuss – oder Nuzzolo. 36 Jahre alt ist er schon, er spielte nach einer Sperre aus der letzten Saison nur aufgrund der aufschiebenden Wirkung eines Rekurses, und er narrte in der 52. Minute die gesamte Thuner Abwehr und traf zum 2:0. «Von der Torschützenliste mache ich einen Screenshot und schicke ihn Hoarau», sagte er nach seinem Doppelpack lachend. YB-Stürmer Guillaume Hoarau war dann gestern im Heimspiel gegen Servette im Dienst – der letztjährige Torschützenkönig erzielte beim YB-Auftakt gegen Servette (1:1) keinen Treffer.

«Erste Halbzeit verschlafen»

Würden Fussballspiele gemeinhin zehn Minuten länger dauern, wären Nuzzolo und Xamax wohl mit leeren Händen nach Hause gefahren, hätte Thun die Saison mit einem Sieg eröffnet. Die Oberländer griffen an, auch nach dem schwer verdaulichen 0:2, und auch sie bekamen einen Penalty zugesprochen. Igor Djuric foulte Dejan Sorgic im Strafraum, der Serbe lief gleich selber an und traf. Nun war Feuer im Dach, vor allem auch, weil der Berner Schiedsrichter Alessandro Dudic die Partie mit seinen insgesamt neun Gelben Karten nicht eben zu beruhigen vermochte.

Hart, aber konsequent war, als er Taulant Seferi, die YB-Leihgabe im Xamax-Sturm, nach einem Foul in der Offensive mit Gelb-Rot des Feldes verwies. Ebenso hart, aber konsequent war dann die Gelb-Rote Karte gegen Pietro Di Nardo für ein taktisches Foul. Der VAR griff nicht ein, wahrscheinlich wieder korrekterweise. Doch Xamax war plötzlich arg dezimiert, Thun umso mehr im Aufwind. Simone Rapp traf bei seiner Rückkehr in die Thuner Arena zum 2:2. Und eben, viel länger als diese 96 Minuten hätten die Neuenburger dem Thuner Druck wohl kaum mehr standgehalten.

Thuns Trainer Schneider jedenfalls zeigte sich zufrieden mit dem Auftritt seiner Mannschaft. Auch, weil ihn der letzte Eindruck seines Teams versöhnlich gestimmt haben dürfte. «Die erste Halbzeit haben wir total verschlafen», gibt Schneider zu, «und die Situationen bei den Gegentoren müssen wir besser lösen.»

Und Xamax? Nuzzolo ist mit seiner Erfahrung bei den Neuenburgern und der starken Form am späten Samstagabend fast der gefragtere Gesprächspartner als sein Trainer Joel Magnin. Bezüglich VAR blickt Nuzzolo optimistisch in die Zukunft, «wir alle müssen uns daran gewöhnen».

Vor 18 Jahren hatte er seinen ersten Auftritt als Profi, «und dass sich in dieser langen Zeit auch im Fussball viel ändert, ist doch klar». Auf dem Unterarm des unbekümmerten Kickers prangt eine Tätowierung, «life is a joke» steht da. Nuzzolo geht vieles lockerer an. Vielleicht scheint er deswegen auch in dieser Saison wieder zu treffen, wie es ihm beliebt.

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