Eine Frage des Nationalstolzes

Die Isländer haben trotz bescheidener Ressourcen viel erreicht. Gegen die Schweiz wollen sie heute zeigen, dass ihre Geschichte noch nicht fertig ist.

Die Isländer feiern ihren grössten Erfolg: Sigthorsson (3. von links) hat im EM-Achtelfinal 2016 zum 2:1 gegen England getroffen. Foto: Getty Images

Die Isländer feiern ihren grössten Erfolg: Sigthorsson (3. von links) hat im EM-Achtelfinal 2016 zum 2:1 gegen England getroffen. Foto: Getty Images

Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Mitten im Nordatlantik liegt diese Insel, die Island heisst. Sie war ein Aussenposten der USA während des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs. Hier lieferten sich der Amerikaner Bobby Fischer und der Sowjetrusse Boris Spasski 1972 ein politisch aufgeladenes Duell in der Schach-WM.

Island ist berühmt für seine Geysire und Vulkane, der Ausbruch des Eyjafjallajökull legte einmal den Flugverkehr bis nach Mitteleuropa lahm. 2008 wurde es als erstes Land von der grossen Finanzkrise erschüttert. Das war auch das Jahr, als es im Sport für eine erste Sensation sorgte: Da standen die Handballer im Olympiafinal von Peking. Zwei Jahre danach gewannen sie EM-Bronze.

Das Land ist zweieinhalb Mal so gross wie die Schweiz, hat aber nur so viele Einwohner wie das Wallis, rund 335'000. Es hat Björk, die düsteren Krimis von Arnaldur Indridason und den Walfang. Es hat 26'000 registrierte Fussballer, was eine beachtliche Quote ist, aber zehnmal weniger als in der Schweiz. Der Fussball ist der liebste Sport der Isländer, daran konnte selbst die lange internationale Erfolglosigkeit von Nationalteam und Vereinen nie etwas ändern.

Gut gelaunte Schweizer vor Island-Duell (Video: Fabian Sanginés)

Wie war das bloss möglich?

Sieben Jahre ist es nun her, dass Lars Lagerbäck das Nationalteam übernahm. Die Isländer waren gerade in der Qualifikation für die EM in Polen und Ukraine sang- und klanglos gescheitert. Aber mit dem Coach aus Schweden begann die Geschichte, die 2016 und 2018 für Eruptionen auf der Insel sorgte.

2016 fuhren die Isländer an ihr erstes Turnier, die EM in Frankreich. Sie zogen als Fussballer aus, deren Rolle als Punktelieferant vorgegeben schien. Dann trotzten sie Portugal ein 1:1 ab, Ungarn ebenfalls, und als sie ­Österreich 2:1 besiegt hatten, standen sie im Achtelfinal. Und die Frage war: Wie ist das bloss möglich geworden?

Viel wurde berichtet über das gross angelegte Projekt des isländischen Fussballverbands. Im Jahr 2000 hatte er angefangen, überall im Land Hallen und kleine Kunstrasenplätze zu bauen, damit während des ganzen Jahres Fussball gespielt werden konnte. Trainer wurden intensiv ausgebildet.

mehr als Sport, der zählt

Es gab mythische Verklärungen wie von Björg Kristin Sigthorsdottir: «Wir wohnen auf einem Vulkan. In uns ist diese Kraft, dieser Wille.» Runar Mar Sigurjonsson, heute Captain von GC, sagte es nüchterner als die Schwester von Nationalspieler Kolbeinn Sigthorsson: «Es geht um Einstellung, Leidenschaft, Arbeit. Es geht ums Team.»

Früher hatten die Isländer ab und an gute Fussballer hervorgebracht, keiner war besser als Eidur Gudjohnsen, der mit Chelsea und Barcelona viele Titel gewann. Aber erst mit Lagerbäck wuchs die Einsicht auf der Insel, dass mit der richtigen Organisation und Strategie und dem Glauben an sich selbst jeder Gegner besiegbar ist.

Die Isländer eroberten Frankreich: die Fussballer mit leidenschaftlichem Kampf, die zu Tausenden angereisten Fans mit ­Lebensfreude und Hu!-Jubel. Der Soziologe Vidar Halldorsson schreibt in seinem Buch über den Sport in Island: «Länderspiele sind für Isländer nicht nur sportliche Wettbewerbe, sie sind wichtig für den Nationalstolz und die nationale Identität einer kleinen Bevölkerung.»

Ein Platz in Islands Folklore

Aus den Sons wurden auf einmal Figuren des internationalen Interesses. Hannes Halldorsson, der Goalie und Regisseur, Gylfi Sigurdsson, der Star schlechthin, Johann Gundmundsson, der einmal gegen die Schweiz drei Tore erzielt hatte, Aron Gunarsson, der mit seinem Bart das Bild vom Wikinger verkörperte, oder auch Kolbeinn Sigthorsson.

Eben dieser Sigthorsson hat seinen Platz in Islands Folklore dank seines Beitrags im Achtelfinal gegen England auf sicher. Er erzielte das Siegtor zum 2:1. Darauf twitterte Teamkollege Ari Freyr Skulason: «Was zum Teufel ist passiert?!?!?» Der Traum endete im Viertelfinal gegen Frankreich, die Helden waren müde geworden.

Bis auf den verletzten Gunnarsson sind sie alle dabei, wenn Island heute Abend die Schweiz empfängt; sie alle und noch ein paar mehr, die ihr Land diesen Sommer erstmals an einer WM repräsentierten. Sie taten es auch da ehrenvoll, so beim 1:1 gegen Argentinien. Aber letzten Endes war es in Russland nicht mehr wie in Frankreich, und darum schieden sie nach Niederlagen gegen Nigeria und Kroatien aus.

«Gegen die Schweiz gewinnen»

Lagerbäck schaut inzwischen aus der Ferne zu. Sein Nach­folger Heimir Hallgrimsson trat nach der WM zurück, in der Absicht, wieder als Zahnarzt zu arbeiten. Jetzt trägt Erik Hamren die Verantwortung, nachdem er bis 2016 sieben Jahre lang Schwedens Auswahl betreut hatte.

Die Bilanz in diesem Jahr ist für die Isländer unerfreulich. Sie haben nur einmal gewonnen, gleich am Anfang das 4:1 gegen Indonesien. Nun sind sie seit zehn Spielen ohne Sieg. Hamrens Beitrag dazu sind das 0:6 in der Schweiz, das 0:3 gegen Belgien und das 2:2 letzten Donnerstag in Frankreich.

Hamren sagt: «Es geht um die Disziplin im Spiel, um die Einstellung, um Verantwortung. In der Schweiz waren wir in dieser Beziehung nicht gut, gegen Belgien schon besser und in Frankreich gut. Wenn wir so spielen wie in Frankreich, können wir gegen die Schweiz gewinnen.»

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