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Er wollte etwas wiedergutmachen – jetzt heisst es: «Forte raus!»

Der GC-Trainer hat seinen Kredit nach nur einem halben Jahr aufgebraucht. Was kann ihn jetzt noch retten?

Viel Gegenwind: Uli Forte muss mit GC wieder Punkte gewinnen.
Viel Gegenwind: Uli Forte muss mit GC wieder Punkte gewinnen.
Melanie Duchene, Keystone

Es war heiss und feucht und das Stadion leer, weil zum Saisonstart am 20. Juli 2019 gegen Stade Lausanne-Ouchy ein Geisterspiel anstand. Die Grasshoppers tauchten nach traumatischen Erlebnissen im zurückliegenden Frühjahr in eine ungewisse Zukunft ein. Nach dem Abstieg in die Challenge League musste die Mannschaft in Eile und Not zusammengeschustert werden. Trainer Uli Forte versprach trotzdem «Powerfussball».

Forte redet gerne in Schlagwörtern. Manchmal wirken sie überzeichnet, manchmal werden sie ihm vorgeworfen, weil er das, was damit verbunden ist, nicht einhalten kann. So ist das jetzt bei diesem GC. «Forte raus!», tönte es darum am vergangenen Freitag wegen des kümmerlichen Auftritts beim 1:2 gegen Vaduz: von der Fankurve, von der Haupttribüne, im VIP-Bereich.

Spätestens mit diesem Abend vor 2650 Zuschauern hat das Endspiel für Forte um seine Zukunft als Trainer bei GC begonnen. Und ist eines klar geworden: Sportliche Fehltritte kann er sich schon keine mehr erlauben. Nur Siege können ihm noch helfen, im Amt zu bleiben.

«Bastard», «charakterloser Lump»

Vor zehn Monaten kam er zu GC, es war eine Rückkehr nach fast sechs Jahren und dem lauten Wechsel zu YB. Als er in einem Saal des Zürcher Hauptbahnhofs als Nachfolger von Tomislav Stipic vorgestellt wurde, sagte er strahlend, er komme zu GC zurück, weil er dem Club und den Fans etwas schulde, «ich will wieder etwas gutmachen», betonte er. Er wusste genau, worauf er sich einliess: nicht nur, weil GC sportlich bereits am Abgrund stand, sondern auch wegen seiner Vergangenheit bei diesem Club.

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Video: Forte bei seiner Präsentation

Er schulde den Fans etwas, darum sei er wieder da: Uli Forte. (Video: Fabian Sangines)

«Ich bin der Hirte, der schaut, dass alle dabeibleiben und keiner verloren geht», hatte er gesagt, bevor im Juni 2013 die Saison zu Ende ging. Es war eine gute Saison gewesen, GC war Zweiter geworden und Cupsieger. Forte versprach Treue, die er aber über Nacht über Bord warf. Die Fans brachen mit ihm und nannten ihn auf Transparenten einen «Bastard» oder einen «charakterlosen Lumpen». Als er im letzten April zurückkam, hatten sie das nicht vergessen und teilten ihm ihre Botschaft vor seiner Haustür auf einem Transparent mit: «Verpiss dich.»

Forte steckte das nach aussen hin gut weg. Sein Abgang damals sei «von der Art und Weise her nicht so glücklich gewesen», gab er zu. Er wollte mit Einsatz und Leidenschaft überzeugen.

Der Lohn des Anstosses

Mit der Verpflichtung Fortes verband der damalige Präsident Stephan Rietiker die Hoffnung, der neue Trainer möge die Mannschaft im letzten Moment noch in der Super League halten oder sonst sofort dahin zurückführen. Forte gewann keines seiner acht Spiele, das konnte ihm keiner krummnehmen, zu desaströs präsentierte sich der Club.

Wenige Tage nach dem Abstieg lief Rietiker davon. Ein Budget von 13,6 Millionen Franken war ihm für die Challenge League zu wenig, er hatte bei den Aktionären dafür 7 Millionen mehr gefordert. Rietiker hatte 40'000 Franken im Monat kassiert, wenigstens blieb er nur sieben Wochen. Die Spieler, zumindest die, die nicht flüchteten, mussten im Schnitt auf rund die Hälfte ihrer Löhne verzichten, nur Forte braucht nicht zu darben: Er wurde von Rietiker mit einem bis 2021 laufenden Vertrag ausgestattet, der ihm unabhängig von der Liga rund 400'000 Franken im Jahr garantiert.

22 Spieler gingen allein im Sommer, Forte stand vor der Herausforderung, eine total neue Mannschaft zu formieren. So etwas braucht Zeit, im Idealfall ein Jahr. Forte hat diese Zeit nicht bekommen. Die Eskalation vom letzten Freitag belegt, dass der Kredit nach nur einer halben Saison trotz Platz 2 hinter Lausanne aufgebraucht ist. Die Vorwürfe heissen pauschal: Er habe die Mannschaft nicht weitergebracht, sei kein Ausbildungstrainer, und überhaupt habe er die falschen Spieler geholt, ganz so, als sei er allein für die Transfers von Veroljub Salatic, Nassim Ben Khalifa, Danijel Subotic, Andreas Wittwer oder Oliver Buff verantwortlich.

Der Captain und sein Vize, der GC im Winter Richtung China verliess: Veroljub Salatic und Marko Basic. (Foto: Keystone/Walter Bieri)
Der Captain und sein Vize, der GC im Winter Richtung China verliess: Veroljub Salatic und Marko Basic. (Foto: Keystone/Walter Bieri)

Die Achse als Problem

Fortes Pech ist, dass die Achse nicht trägt, auf die er für diese Saison so sehr gesetzt hat. Das liegt nicht an Mirko Salvi im Tor, aber an Marko Basic, der als Abwehrchef ein Schweiger war, bevor er jetzt nach China gewechselt hat; an Salatic, der neben dem Platz mehr bewirkt als da, wo es wirklich zählt; und an Ben Khalifa, der bisher auch bei GC nicht belegen kann, warum er einst als Talent galt. Die Siege kamen von Anfang an selten einmal überzeugend zustande, letztmals war das beim 3:0 gegen Wil der Fall. Das war Anfang Oktober, zum Einstand von Fredy Bickel, der als Geschäftsführer zu GC zurückkehrte. Danach ist endgültig der Bruch gekommen.

Bickel hat die Rückkehr zu seinem alten Arbeitgeber als Herzenssache begriffen, und er hat keinen Widerwillen gezeigt, sich wieder auf Forte einzulassen. Das ist deshalb von Bedeutung, weil er es war, der Forte im August 2015 nach gut zwei Jahren bei YB entlassen hatte, und weil Forte darauf ziemlich betupft reagierte.

Zum Wohl von GC haben sich Bickel und Forte zusammengerauft, aber es ist nicht so, dass deshalb ein inniges Verhältnis zwischen ihnen herangewachsen wäre. Sie gehen professionell miteinander um, mehr nicht.

Nicht zum ersten Mal im selben Boot: Uli Forte mit Fredy Bickel, damals noch bei YB. (Foto: Keystone/Peter Schneider)
Nicht zum ersten Mal im selben Boot: Uli Forte mit Fredy Bickel, damals noch bei YB. (Foto: Keystone/Peter Schneider)

András Gurovits ist der Kopf der Führung, er ist ja auch der Letzte, der im Verwaltungsrat verblieben ist. Er wollte zwei neue Kräfte an seine Seite holen, unter ihnen den früheren Spieler Adi Noventa, sie wurden ihm wegen der ungewissen Zukunft nicht bewilligt. Interimspräsident ist sein Titel, und dafür hat er seine Arbeit als Partner einer vornehmen Anwaltskanzlei an der Bahnhofstrasse ausgesetzt. Er setzt sich nicht gratis für GC ein, sondern, heisst es, für 20'000 Franken monatlich. Gurovits, ein passionierter Ruderer, versteht sich als «GCler» durch und durch, er investiert viel Zeit, um den Club wirtschaftlich über die Saison hinaus zu retten und neue Besitzer zu finden.

Zum Start der Vorbereitung auf diese Saison sagte Gurovits noch: «Wir haben die Mission, dass wir über kurz oder lang wieder eine wichtige Rolle im Schweizer Fussball spielen. Auf ein Jahr mehr oder weniger kommt es aber auch nicht an.» Das war als Hinweis darauf zu verstehen, dass der Aufstieg jetzt nicht das ultimative Ziel ist. Gurovits redete von Bescheidenheit und Demut, damit der Club wieder gesunden könne. Platz 2 nach der Vorrunde erfüllte ihn mit Stolz, zumindest sagte er das so in dieser Zeitung.

Der Präsident als Fan

Nach dem 1:1 in Chiasso und dem 1:2 gegen Vaduz zum Start in die Rückrunde ist davon weniger zu spüren. Dann ist auch Gurovits anscheinend nahe dran, so zu denken wie der normale Fan, der sich den Trainer ins Pfefferland wünscht.

Was, wenn Gurovits keine Käufer findet, die im Sommer die Anteile von Stephan Anliker und Peter Stüber übernehmen?

Im Umfeld des Clubs gibt es noch immer genug Leute, die in den alten Zeiten gefangen sind, den grossen Zeiten, als GC nobel und vor allem erfolgreich war. Sie träumen von einem Investor, der so schnell als möglich die Rückkehr an die nationale Spitze ermöglicht. Nur Gurovits weiss, wie fruchtbar seine Gespräche mit angeblichen Interessenten laufen. Aber was, wenn er keine Käufer findet, die im Sommer die Anteile von Stephan Anliker und Peter Stüber übernehmen?

Dann soll der Club trotzdem nicht untergehen, sondern sich selbst finanzieren. Sparpotenzial ist auf dem Campus offenbar weiter vorhanden. Und immerhin soll GC diese Saison nicht gleich wie geplant 6,5 Millionen von seinen Besitzern benötigen, um das Defizit zu decken, sondern «nur» um die 5 Millionen.

Am Freitag starten die Grasshoppers in Nyon zu ihrem ersten Versuch der Wiedergutmachung. Stade Lausanne-Ouchy heisst ihr Gegner, der unangenehm sein kann und daheim schon Lausanne 3:0 besiegte. Uli Forte stellt sich besser nicht vor, was im Fall einer Niederlage los sein wird. Und selbst wenn es einen Sieg gibt, geht der Kampf schon eine Woche später gegen Kriens weiter. Das sichere Saisonende ist für Forte sehr weit weg.

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