FC Thun: Einmal Hölle und zurück

Der FC Thun liegt zur Pause gegen Spartak 0:2 hinten, gleicht dann aus und verliert unglücklich 2:3. Die Partie gibt den Oberländern Hoffnung fürs Rückspiel in sechs Tagen in Moskau.

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Dominic Wuillemin

Es ist eine Wendung wie diese, die den Sport so unterhaltsam und begeisternd machen können. Aus Verlierern werden innert Sekunden Gewinner, aus Helden Versager.

Thuns Torhüter Guillaume Faivre, der mit einem Fehlpass vor dem 0:1 seine Mannschaft beinahe aus dem Spiel genommen hat, ist plötzlich der gefeierte Mann. In der Stockhorn-Arena ist beim Hinspiel der Qualifikation zur Europa League gegen Spartak Moskau eine gute Stunde absolviert, als sich die Zuschauer zu Ovationen erheben. Das Heimteam hat aus einem 0:2 zur Pause ein 2:2 gemacht.

Und Faivre, über weite Strecken ein Unsicherheitsfaktor, hat soeben einen Penalty des eingewechselten deutschen Weltmeisters André Schürrle abgewehrt. Er wird nun gefeiert. Und nach dem Spiel von einem Wechselbad der Gefühle sprechen. «Der Match ist für mich nicht optimal verlaufen. Und doch sind wir zurückgekommen. Diese Emotionen zu erleben, war einfach schön.»

Pech und Pannen

Das 2:3 wäre nach starker, leidenschaftlicher Aufholjagd einem herben Dämpfer gleichgekommen, so aber geht noch einmal ein Ruck durch das Thuner Team. Es ist jetzt eine attraktive Partie, befeuert durch Fehler hüben wie drüben.

Doch, es ist wie nicht zum ersten Mal in dieser noch jungen Saison: Den Thunern ist das Glück nicht hold. Linksverteidiger Sven Joss wird in der 73. Minute bei einem Gegenstoss foulwürdig vom Ball getrennt, Spartak schaltet schnell um, Schürrle trifft diesmal den richtigen Entscheid, lanciert Zelimkhan Bakaev, der mit seinem zweiten Tor die erneute Führung für die Gäste aus Moskau erzielt. Der mühsam erkämpfte Aufschwung ist auf einen Schlag verloren.

Das muss verdaut werden. Es ist Spartak, das in der Schlussphase einem vierten Tor näher ist. Aber es fällt nicht. Und so wissen die Thuner nach Spielende nicht genau, was sie nun mit diesem Resultat anfangen sollen. «Es wäre mehr dringelegen», sagt Nias Hefti. «Wir haben auf den Rückstand gut reagiert», meint Nikki Havenaar.

Trainer Marc Schneider bringt die gemischte Gefühlslage am deutlichsten zum Ausdruck, als er sagt: «Ich bin enttäuscht. Gleichzeitig hat mir der Auftritt meiner Mannschaft sehr viel Freude bereitet.»

«Ich bin enttäuscht. Gleichzeitig hat mir der Auftritt meiner Mannschaft sehr viel Freude bereitet.»Thun-Trainer Marc Schneider

Es ist ein insgesamt versöhnliches Ende eines Spiels, dass Schneider im Vorfeld als Partie des Jahres bezeichnete. Natürlich, das Votum mag ein klein wenig übertrieben gewesen sein, hatte er ja mit seinem Team im Cupfinal gegen den FC Basel gestanden.

Aber seine Worte zeigten, wie die Thuner die Qualifikation zur Europa League angingen. Sie sahen sie nicht als leidige Pflichtaufgabe, wie das schon andere Schweizer Vertreter getan hatten. Sportchef Andres Gerber etwa sprach von einem Abenteuer, das gerade die jungen Spieler weiterbringen könne.

Licht und Schatten

Was Gerber meinte, wird am Donnerstagabend ersichtlich. Da ist Havenaar, der den Penalty verursacht und Fehler begeht, die ihm wohl eher nicht mehr unterlaufen werden. Oder Basil Stillhart, der beim 0:2 des überragenden Bakaev erfuhr, dass solche Kontrahenten keine Nachlässigkeiten erlauben.

In der Super League mag es mal drinliegen, dem Gegner am Strafraum etwas Zeit und Raum zu gewähren, gegen Spartak nicht. Da ist auch der 19-jährige Hefti, wie Havenaar aus Wil und der Challenge League gekommen, der nach auffälligem Auftritt und herrlichem Tor zum 1:2 nun ganz bestimmt die Gewissheit hat, auf diesem Niveau bestehen zu können.

Oder Miguel Castroman, der schon als Kind im YB-Nachwuchs als grosses Talent gegolten hatte, nun, nach Lehrjahren in Wohlen und Schaffhausen, mit seinem Auftritt sein Potenzial auf grosser Bühne andeutete. Er orchestrierte die Aufholjagd, assistiert von Hefti und dem eingewechselten Matteo Tosetti, der das 2:2 durch Rapp vorbereitete.

Und da ist Schneider, der die Bestätigung erhalten hat, dass seine Mannschaft anfällig ist, aber trotz neun verletzten Spielern eine Wucht entwickeln kann, die einen Gegner wie Spartak in Bedrängnis bringt.

Als Schneider gefragt wird, wie er die Chancen fürs Rückspiel in sechs Tagen in Moskau beurteile, sagt er: «Uns und Spartak trennen keine Welten. Ich bin überzeugt, dass ein Weiterkommen drinliegt.»

Thun - Spartak Moskau 2:3 (0:2) 6150 Zuschauer. - SR Peljto (BIH). Tore: 21. Ponce 0:1. 29. Bakajew 0:2. 52. Hefti (Stillhart) 1:2. 59. Rapp (Tosetti) 2:2. 73. Bakajew (Schürrle) 2:3. Thun: Faivre; Glarner, Havenaar, Rodrigues, Joss (77. Salanovic); Castroman, Gelmi, Stillhart, Hefti; Munsy (46. Tosetti), Rapp. Spartak Moskau: Maksimenko; Rasskasow, Gigot, Dschikija, De Medeiros; Ananidse (60. Schürrle), Guliew, Sobnin; Bakajew (87. Melgarejo), Ponce, Mirzow (72. Taschajew). Bemerkungen: Thun ohne Hediger, Ziswiler, Karlen, Chihadeh, Bigler, Sutter, Fatkic (alle verletzt), Righetti und Wanner (beide krank); Spartak Moskau noch ohne Neuverpflichtung Til (erst 1 Training). - 66. Schürrle scheitert mit Foulelfmeter an Faivre. Verwarnungen: 7. Stillhart (Foul), 50. Havenaar (Foul); 58. Maksimenko (Spielverzögerung), 93. Gigot (Foul).

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