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20 Stunden, 2 Gefühlswelten

Nach der 0:1-Heimniederlage gegen den FC Zürich dominiert am Mittwoch Frust beim FC Thun. Einen Tag später schaffen die Oberländer dank Lugano den Klassenerhalt doch noch.

Zwei Kämpfer, ein Sieger: ­Grégory Karlen (links) und Thun dominieren den FCZ und ver­lieren dennoch.
Zwei Kämpfer, ein Sieger: ­Grégory Karlen (links) und Thun dominieren den FCZ und ver­lieren dennoch.
Keystone

Es soll ein grosser Abend für den FC Thun werden, er will endlich einmal tief durchschnaufen, nach Monaten, die viel Kraft gekostet haben, mental wie körperlich. Doch als sich der Mittwoch dem Ende zuneigt, ist in den Gesichtern der Oberländer keine Erleichterung und Freude zu er­kennen, nur Enttäuschung und Frust. Das grosse Ziel, den Klassenerhalt vor eigenem Publikum aus eigener Kraft zu sichern, ist verfehlt.

Dabei hat das Heimteam den FC Zürich vor 6026 Zuschauern in der Stockhorn-Arena neunzig Minuten lang dominiert, es hat sich Chancen erspielt, etliche vor und nach der Pause. Aber entweder war der überragende FCZ-Goalie Yanick Brecher zu Stelle, oder dann standen dem Glück die Latte und das eigene Unvermögen im Weg.

Weil die Gäste aus zwei Chancen ein Tor machten, in der 50. Minute durch Michael Frey – bereits das sechste Tor des Münsingers gegen Thun in dieser Saison –, sind es die Zürcher, die am Ende jubeln.

Magnins Entschuldigung

Sie tun dies zwar provokant ausgiebig, FCZ-Assistenztrainer René van Eck gerät mit einem Zuschauer aneinander, aber nicht ohne zu vergessen, wie der Sieg zustande gekommen ist. Als Trainer Ludovic Magnin seinem Kollegen Marc Schneider vor der Medienkonferenz in den Katakomben begegnet, entschuldigt er sich für den destruktiven Auftritt seines Teams. Später wird er sagen: «Die eine Mannschaft hat Fussball gespielt, die andere gewonnen.»

In der Schlussphase gingen die Wogen an der Seitenlinie mehrmals hoch, den Thunern missfiel, wie die Gäste das Geschehen verzögerten, gleich zwei FCZ-Akteure wurden wegen Zeitspiels verwarnt. Die Spielweise des FCZ habe ihn grausam geärgert, sagt Schneider. «Doch der FCZ hat nur alles dafür getan, die drei Punkte zu holen. Das ist legitim.»

Der 37-Jährige nimmt Magnins Entschuldigung an, am Ende witzeln die beiden schon wieder. Die Jungtrainer halten Ende Mai ­gemeinsam die Abschlusspräsentation im Diplomkurs zur Uefa-Pro-Lizenz. Er solle schon mal mit dem Erstellen der Powerpoint-Präsentation beginnen, ruft Schneider seinem Compagnon zu.

«Das Messer am Hals»

Magnin kann nach dem 1:0 mit der Gelassenheit des Siegers sprechen. Sein Team hat einen riesengrossen Schritt Richtung Europa gemacht, derweil müssen sich die Oberländer am Mittwochabend in der Tabelle nach unten orientieren. Statt der Erleichterung stehen ihnen Stunden des Zitterns bevor.

Bei der Erklärungssuche, warum es so weit gekommen ist, landet Schneider bald einmal bei einem Missstand, der seine Mannschaft schon die ganze Saison lang begleitet. Er sagt: «Erst wenn wir unbedingt müssen, zeigen wir die letzte Entschlossenheit.» Er dachte an etliche Szenen, in denen sich sein Team vorzüglich ins Angriffsdrittel kombinierte, um dann die Aktion nicht konsequent zu Ende zu spielen.

Stürmer Dejan Sorgic etwa passte mit dem Absatz, statt zu schiessen, oder zögerte im Strafraum und verpasste so den Moment des Abschlusses. «Wir haben den Biss vor dem Tor vermissen lassen», sagt Schneider. «Je nachdem, wie der Spieltag verläuft, haben wir das Messer am Hals.»

Anstossen auf das Happy End

Schneider denkt in diesem Moment an Schlusslicht Lausanne, das am Folgetag in Lugano gastieren wird. Mit einem Sieg würden die Romands vor dem Direktduell am Sonntag in Lausanne bis auf vier Punkte herankommen.

Doch die bösen Gedanken dürften sich bei den Oberländern, die das Spiel anschauen, rasch verflüchtigten. Lausanne agiert wie ein Absteiger, gibt sich seinem Schicksal fast kampflos hin. Würde Lugano seine Chancen nutzen, wäre die Partie schon bald einmal entschieden. Vielleicht denken die Thuner an ihren Auftritt am Vortag gegen den FCZ.

Marc Schneider verzichtet darauf, das Spiel im Fernsehen zu verfolgen, mit seiner Familie ist er bei Freunden eingeladen. Doch natürlich bekommt er in Zeiten von Livetickern und Whatsapp mit, dass Lugano in Führung geht.

Und als die Tessiner kurz vor Schluss das 2:0 erzielen, fällt dem Trainer eine riesengrosse Last von den Schultern, wie er sagt. Nicht nur ihm: Kurz darauf steht Sportchef Andres Gerber vor der Tür, gemeinsam stossen sie auf den Ligaerhalt an.

Mit 20 Stunden Verspätung nimmt eine lange und komplizierte Saison für den FC Thun doch noch ein Happy End.

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