Gegen Spanien hilft nicht mal beten

Analyse

Bis zum Endspiel langweilten die Spanier, doch im entscheidenden Match begeisterten sie. Die Rivalen haben noch viel zu tun. Inspiration könnten die besten Tennisprofis liefern.

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Alexander Kühn@alexkuehnzh

Im Halbfinal gegen Deutschland wirkten die Italiener dank Mario Balotelli und Antonio Cassano unwiderstehlich, die Mannschaft des Calcio-Reformators Cesare Prandelli schien den entscheidenden Schuss positiven Wahnsinn zu besitzen, um das spanische Fussball-Monster in die Knie zu zwingen. Und trotzdem war die Furia Roja im Endspiel von Kiew zu stark. Zu gut organisiert, zu effizient, zu erfahren. Und mit einem Goalie gesegnet, der – wie schon so oft – in den wichtigen Momenten zur Stelle war: Iker Casillas.

Die Steigerung, die Spanien in den ersten beiden Partien der Knockout-Phase hatte vermissen lassen, erfolgte auf einen Schlag. Genau das macht grosse Champions aus, obwohl Fussball-Europa ein Machtwechsel vielleicht gut getan hätte. Natürlich ist es für die Italiener bitter, dass sie nach Thiago Mottas Verletzung über eine halbe Stunde lang mit zehn Mann auskommen mussten. Doch auch zu elft wäre es wohl ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, den 0:2-Rückstand noch in einen Sieg zu verwandeln. Und so hält Casillas' Serie der Ungeschlagenheit in Knockout-Spielen – seit 990 Minuten ist er ohne Gegentreffer, wenn es darauf ankommt.

Glück aufgebraucht, Turbo gezündet

Offenbar ist der Abgesang auf den spanischen Fussball zu früh gekommen. So langweilig es zum Teil war, wenn die Spieler von Trainer Vicente del Bosque den Ball im Anflug auf den Final in ihren Reihen hin und her schoben, so zielgerichtet und zügig waren ihre Aktionen beim Showdown am Sonntagabend im Olympiastadion von Kiew. Das 4:0 über die bemitleidenswerten Italiener ist das höchste Finalergebnis in der Geschichte der Europameisterschaft. Die Spanier wussten, dass sie das Glück eine Runde zuvor im Penalty-Krimi gegen Portugal aufgebraucht hatten, und so spielten sie auch. Für den dritten Titelgewinn in Folge – auch dies ein Rekord – brauchten sie Fortuna nicht mehr.

Gegen Spanien half an diesem denkwürdigen Fussball-Abend nicht einmal mehr beten. Denn Italiens Trainer Prandelli, der trotz der finalen Niederlage die Entdeckung des Turniers ist, war während des Aufenthalts im wilden Osten zweimal zur Einkehr in ein Kloster gepilgert. Doch wenn die Italiener ihren Weg des positiven und mutigen Fussballs konsequent weitergehen, kann es für sie 2014 in Brasilien ein Happyend geben, und auch für die Deutschen, deren Equipe noch sehr jung ist. Beide werden aber noch wachsen müssen, um einen Pokal zu gewinnen. Möge der aktuelle Dreikampf an der Spitze der Tenniswelt, das gegenseitige Pushen auf ein höheres Level, im Fussball eine Entsprechung finden.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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