Gerechtigkeit statt Romantik

Die Daten sind eindeutig: Der Videobeweis macht den Fussball gerechter. Davon profitiert ab nächstem Sommer auch die höchste Schweizer Liga.

Ein Auge mehr für die Schiedsrichter: Dank der Videotechnik sind über 99 Prozent aller Entscheide korrekt. Foto: Vincent van Doornick (Getty Images)

Ein Auge mehr für die Schiedsrichter: Dank der Videotechnik sind über 99 Prozent aller Entscheide korrekt. Foto: Vincent van Doornick (Getty Images)

Ueli Kägi@ukaegi

Im Fussball gibt es immer mehr Geld, Pay-TV und miese Spielchen. Die Romantik ist ihm längst abhandengekommen.

Jetzt führt die Swiss Football League auf nächste Saison hin auch noch den Videobeweis in der höchsten Schweizer Spielklasse ein. Das mag die Traditionalisten noch weiter beschäftigen, ist aber trotzdem richtig. Während die Augen der Schiedsrichter immer mehr Mühe haben, dem ständig schneller werdenden Spiel zu folgen, liefern die TV-Kameras hochauflösende Bilder aus allen Winkeln. Wieso soll der Schweizer Spitzenfussball die Technik nicht nutzen?

Die höchsten Ligen in Deutschland, Spanien oder Italien haben den Video Assistent Referee (VAR) bereits, in der Champions League könnte er ab den Achtelfinals im nächsten Frühjahr eingesetzt werden, in England startet die Premier League wie die Schweiz im Sommer 2019. Die Kosten sind gut zu finanzieren. Eine Saison mit dem Videobeweis kostet rund 1,5 Millionen Franken. Leistete sich jeder Schweizer Super-League-Club einen Durchschnittskicker weniger, wäre diese Summe schon doppelt eingespart.

Hands oder nicht? Penalty oder Schwalbe? Der Stoff für hitzige Debatten geht nicht verloren.  

Italienische Statistiker haben berechnet, dass in der vergangenen Serie-A-Saison ohne Videobeweis 94,25 Prozent aller Schiedsrichterentscheidungen richtig waren, mit VAR waren es dann 99,11 Prozent. Die Fifa präsentierte nach der Fussball-WM sehr ähnliche Werte.

Das ist mehr als nur Zahlenmarketing. Für den Ausgang eines Spiels mag es im Normalfall unerheblich sein, wenn der Linienrichter seine Fahne zweimal in die falsche Richtung schwenkt. Die dank dem VAR um rund 5 Prozent verbesserte Erfolgsquote aber ist wesentlich, weil es nur um die spielentscheidenden Szenen geht: War der Ball über der Linie? Ging dem Tor ein Foul, ein Offside oder ein anderes Vergehen voran? Ist ein Spieler zu Recht vom Platz gestellt worden, oder wurde er zu Unrecht nicht mit Rot bestraft?

Wird der Videobeweis nach gleichen und nachvollziehbaren Kriterien angewendet, macht er das Spiel und ganze Wettbewerbe gerechter. Die Fifa hat es bei der WM in Russland vorgemacht mit einem zurückhaltenden Einsatz nur bei klaren Fehlurteilen. In der Bundesliga hat sich die Situation nach gröberen Anwendungspannen in der ersten Saison beruhigt. Doch auch die Zahlen aus dem Premierenjahr sprechen für den Videoeinsatz. Er hat zu über 70 korrigierten Schlüsselentscheiden geführt. Zu 26 zusätzlichen und 13 verhinderten Penaltys zum Beispiel. Aber auch zu 23 annullierten Treffern. Ein Profiteur war Borussia Dortmund. Ohne die Korrekturen hätte der Club die vergangene Saison möglicherweise nicht auf Rang 4, sondern auf Platz 5 und damit ausserhalb der Champions-League-Plätze beendet.

Er kann Emotionen töten, wenn nach dem erfolgreichen Torschuss zuerst kontrolliert werden muss.

Totale Gerechtigkeit wird aber auch die Technik nicht bringen, Zweifelsfälle bleiben: Was ist ein klarer Fehlentscheid? Hands oder nicht? Reicht die Berührung für einen Penalty oder doch Schwalbe?

Der Stoff für hitzige Debatten geht also nicht verloren. Und so gibt es nur ein Argument gegen den Videobeweis. Er kann Emotionen töten, wenn nach dem erfolgreichen Torschuss zuerst kontrolliert werden muss, ob alles mit richtigen Dingen zugegangen ist. Doch unterbundene oder unterbrochene Emotionen sind kein Grund, um auf den TV-Beweis zu verzichten. Die Vorteile überwiegen klar.

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