Geschwebt, gefallen – und jetzt?

Der Dritte FC Thun macht die längste Durststrecke seit 2011 durch. Die Oberländer glauben, die gestiegene Erwartungshaltung hemme. Was können sie tun?

Harte Landung: Das 1:5 bei YB ist der Tiefpunkt einer Entwicklung, die beim FC Thun seit Wochen anhält.

Harte Landung: Das 1:5 bei YB ist der Tiefpunkt einer Entwicklung, die beim FC Thun seit Wochen anhält.

(Bild: Christian Pfander)

Dominic Wuillemin

Die Szene spielt vor zwei Wochen an der Generalversammlung des FC Thun. Die Stimmung ist aufgeräumt, Clubpräsident Markus Lüthi in Form. Auch in Zeiten, in denen die Oberländer sportlich wie finanziell deutlich schlechter dastanden als jetzt, war Lüthi für Sprüche gut. Aber diesmal ist etwas anders: Die Leichtigkeit des Seins scheint geradezu greifbar.

Traktandum 1, Bericht des Präsidenten. Zum Schluss der Ausführungen kommt Lüthi auf seine Wunschliste zu sprechen. Wunsch 4: der direkte Einzug in die Gruppenphase der Europa League, die über 3 Millionen Franken einbringen würde – ein grosser Segen für den Club, der ein Budget von 12 Millionen stemmt. Die Qualifikation wird dem Cupsieger zugesprochen, sofern das der Ligazweite FC Basel ist, erbt der Drittplatzierte.

Thun steht im Cuphalbfinal gegen Luzern, ist in der Liga Dritter, die Ausgangslage präsentiert sich also verlockend. Lüthi sagt noch, seine Worte seien keine Zielformulierung, es bestehe kein Druck für die Mannschaft. Es sei einfach sein Wunsch.

Es gibt Applaus und Beifallsrufe von den rund 200 Personen, die in der Loge der Stockhorn-Arena sitzen. In einer der hinteren Reihen haben die Spieler Platz genommen, sie tragen weisses Hemd, schwarzen Anzug. Sie bekommen das alles mit, die Zuversicht, die in diesem Moment einer Euphorie zu weichen scheint.

Angst statt Lust

Knapp zwei Wochen später, Thun hat soeben 1:5 im Derby bei YB verloren, es ist die siebte sieglose Partie in Folge, die längste Durststrecke seit bald acht Jahren. Die Euphorie ist weggeblasen, es ist jetzt eine Krise, in der die Oberländer stecken. Als Trainer Marc Schneider auf den dritten Platz, den sein Team trotzdem noch immer innehat, angesprochen wird, sagt er, er könne das Gerede vom Tabellenrang nicht mehr hören. Er glaubt, dass der Mannschaft gerade deswegen die Leichtigkeit abhandengekommen sei. Keine Zielformulierung hin, kein Druck her.

Die Erklärung Schneiders ist nicht neu, auch Sportchef Andres Gerber hat sich schon so geäussert. Doch die Oberländer stehen seit Mitte Dezember auf dem dritten Platz. Die Situation sollte für sie also nicht neu sein. Oder doch?

Daniel Birrer ist Leiter Sportpsychologie beim Bundesamt für Sport (Baspo). Als er auf die Thuner Misere und deren Begründung angesprochen wird, sagt er erst, er sei überrascht ob den Ausführungen der Oberländer Exponenten. Dann aber meint er, den Spielern fehle die Erfahrung, wie sie mit einer solchen Situation umgehen sollen. Und kommt auf das Leistungsmotiv zu sprechen.

In der Psychologie wird beim Leistungsmotiv zwischen «Hoffnung auf Erfolg» (man geht davon aus, beim Marathon das Ziel zu erreichen) und der «Furcht vor Misserfolg» (man hat Angst, nicht den ganzen Lauf zu schaffen) unterscheidet. Im Normalfall wirkt sich die erste Einstellung positiv aus, die zweite negativ. Es könnte, neben sportlichen Gründen wie den Verletzungen von Captain Dennis Hediger und Vorbereiter Matteo Tosetti, den Leistungseinbruch erklären.

Während die Thuner stark in die Rückrunde starteten, strauchelte ein Konkurrent nach dem anderen – aus der Überraschungsmannschaft wurde ein Team, von dem erwartet wird, den dritten Platz zu holen. Plötzlich hatten die Thuner mehr zu verlieren als zu gewinnen.

Kommunikation überdenken

Was kann der FC Thun tun? Natürlich, wenn er weiterhin nicht siegt, ist er den dritten Rang bald von alleine los, der Achte Lugano liegt noch 5 Punkte entfernt. Aber das liegt nicht im Interesse der Oberländer. Birrer rät, die Kommunikation zu überdenken, die Vorzüge der jetzigen Lage hervorzuheben statt von Belastung zu sprechen. Denn das erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass der Misserfolg eintrete, sagt Birrer. «Das nennt man selbsterfüllende Prophezeiung.»

Berner Zeitung

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