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Grosse Klasse, noch grösseres Ego

Die jungen Talente sorgen in der französischen Nationalmannschaft für offensiven Fussball. Dies kann an der WM jedoch zum Nachteil werden.

Frankreich hat zurzeit viele Tore zu bejubeln – bekommt jedoch gleichzeitig fast so viele Gegentore.
Frankreich hat zurzeit viele Tore zu bejubeln – bekommt jedoch gleichzeitig fast so viele Gegentore.
Getty Images

Er trägt jetzt die 10, Kylian Mbappé. In der Nationalmannschaft. Das muss man wollen, mit 19 Jahren. Diesen Druck, diese Verantwortung, dieses laut herausposaunte Versprechen. Nun, Kylian Mbappé, ein Junge aus der Pariser Banlieue und teuerster Jugendlicher, seit es den Fussball gibt, kann das alles erstaunlich gut tragen. In Sankt Petersburg, wo sich die Franzosen am Dienstag gegen Russland massen, brach er einen weiteren Rekord. Er ist nun also auch der jüngste Bleu seit dem Zweiten Weltkrieg, dem in einem Länderspiel zwei Tore gelangen: «Le doublé de Mbappé», wie die Pariser Presse schreibt. Das reimt sich sogar. Man ist gerade sehr entzückt über die Entwicklung des Talents.

Mbappé erinnert mit seinem Tor gegen Russland an eine andere Nummer 10: Zinédine Zidane. Quelle Twitter.

Frankreich gewann am Ende 3:1. Da war zwar auch noch ein netter Freistoss von Paul Pogba dabei, der in der Ausführung manche an Parabeln erinnerte, wie sie einst Michel Platini in die Lüfte zeichnete. Der war auch mal Frankreichs 10, ziemlich famos, bevor er sich, nicht mehr ganz so famos, in den europäischen Verbandsmäandern verlor. Aber das ist eine andere Geschichte. 3:1 also. Das Resultat trügt. Die Franzosen wurden gegen erneut bedrückend schwache Russen lange Zeit ihrer Rolle nicht gerecht, die sie sich zum Teil selbst zuschreiben und zum Teil von anderen angedichtet erhalten – als Mitfavoriten der kommenden Weltmeisterschaften.

Ein Filmriss der seltenen Art

In der ersten Halbzeit spielten sie selbst in der hoch gelobten Offensive mit Mbappé, Anthony Martial und Ousmane Dembélé dermassen ideenlos, dass Bixente Lizarazu, der frühere Spieler des FC Bayern und gegenwärtige Experte auf TF 1, einen seiner gewohnt scharfen Kommentare absetzte: «Soporifique»! Einschläfernd, sei das. Man hatte nach der Niederlage gegen Kolumbien einige Tage zuvor im voll besetzten Stade de France zu Paris und seinem Meer von Plastiktrikoloren eine mächtigere, trotzigere Reaktion erwartet. Die Franzosen verspielten da ein 2:0 und verloren 2:3. Die Kolumbier hätten sogar noch einige Tore mehr schiessen können.

Ein Filmriss war das, wie man ihn von einer Mannschaft mit diesem Potenzial nur selten erlebt. Seither debattiert Frankreich darüber, ob diesem jungen, aufregend frischen Team voller vielleicht etwas allzu früh gefeierter Stars am Ende das Herz fehlt, der Kampf, der Biss. Man schaut ihnen ja gern zu, wenn sie viel Platz haben und das Spielfeld mit luftigen Läufen durchmessen und dabei so schnell kombinieren, mit Beinschüssen und Übersteigern, dass den Gegnern oftmals nur das Grätschen bleibt. Doch was sind sie frivol und leichtgewichtig, wenn sie das Spiel kontrollieren sollten. Nach hinten.

Es wird viel gewirbelt und wenig verteidigt

Pogba etwa, der in Manchester seit seinem Zerwürfnis mit seinem Vereinstrainer José Mourinho nicht mehr oft spielt und stattdessen noch mehr Zeit für Friseurbesuche zu haben scheint als früher schon, weigert sich nach wie vor, in der Defensive mitzuhelfen. Wenn der Ball mal in seinem Rücken zirkuliert, bleibt er einfach stehen. Er ist nicht der Einzige. Eine löbliche Ausnahme ist Antoine Griezmann, der bei Atlético Madrid unter Coach Diego Pablo Simeone die Blockmentalität täglich eingehämmert kriegt.

In Frankreich erinnert man nun auch wieder daran, dass die letzten ganz grossen Erfolge der Bleus, die Titel zur Jahrtausendwende, auf einer starken Abwehr basierten. Nun muss man sich darauf verlassen, dass die Wirbler da vorne mehr Tore schiessen, als man hinten kassiert. Das grosse Hallo steigt so manchem in den Kopf, der Eitelkeitsfaktor sprengt das übliche Mass locker.

In Pogba spiegelt sich die Attitüde schier idealtypisch: grosse Klasse, noch grösseres Ego. Gegen Russland zeigte «la Pioche», die Spitzhacke, wie sie ihn seit seiner Kindheit rufen, aber wieder einmal, wie entscheidend er das Spiel der Franzosen beeinflussen kann. Wenn er denn will. In der ersten halben Stunde schlief er, und die Mannschaft döste mit. Dann begann er, Pässe zu dosieren, am Scharnier zu drehen. Schnell und gelenkig wirkt das nie. An guten Tagen aber ist das, was er tut, oft gewichtig und effektiv.

Ernüchterung statt Vorfreude im WM-Land

Zur Beruhigung gereichte der Auftritt dennoch nicht. Die Zeitung «Le Parisien» schreibt: «Mal ganz ehrlich, wir erwarten uns viel mehr von der Equipe.» Und das lag auch daran, dass der Gegner, im Ranking der Fifa nur auf Platz 63, kein Gradmesser für die eigene Leistung sein konnte, ja, sein durfte. Sie tun einem beinahe leid, die Russen. In den vergangenen drei Spielen gab es neun Gegentore, und niemand glaubt, dass der Gastgeber dann plötzlich über sich hinauswachsen könnte. Nicht einmal die Russen selbst. So kurz vor der WM ist der Enthusiasmus über das anstehende Grossereignis nicht einmal gross genug, um das Stadion voll zu bekommen. Platz hätte es für 68'000 gegeben, gegen Frankreich kamen nur 51'000.

Und die waren auch noch meistens still. Der Schütze zum zwischenzeitlichen 2:1, Stürmer Fjodor Smolow, vielleicht noch der Beste der Seinen, hielt nach seinem Tor mit viel Gestik um etwas mehr Animation des Publikums an. Eine etwas verzweifelte Aktion. Dabei war wieder ein Filmriss möglich, wie so oft bei den frivolen Franzosen.

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