Hoarau in allerbester Gesellschaft

Guillaume Hoarau erobert Bern im Sturm und ist der kompletteste YB-Angreifer der Neuzeit. Marco Wölfli, Goalie der Young Boys, vergleicht die besten Stürmer der letzten Jahre.

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Fabian Ruch

Guillaume Hoarau macht YB glücklich, in den Medien und im Internet kursieren viele Begriffe dafür, um den Hoarau-Hype in Worte zu kleiden. Air France beispielsweise oder Air Hoarau, was auf die grossartigen Kopfballqualitäten des Franzosen abzielt.

«Er ist fantastisch», sagt Uli Forte, der sich als erster Fan seines besten Fussballers outet. «Hoarau ist ein ausgezeichneter Stürmer, ein toller Mannschaftsspieler und ein Supertyp, der das Team führt», lobt der YB-Trainer, um salbungsvoll zu erklären: «Ganz Bern freut sich, bleibt er bei YB.»

Wie ein Marketingtraum

Noch ist nicht ganz Bern im Stade de Suisse an den Hoarau-Festspielen dabei, nicht einmal 15'000 Zuschauer weilten am Sonntag beim 3:2-Sieg gegen Sion in der Arena. Wenn Hoarau so weitermacht, dürften die Ränge aber bald besser besetzt sein.

Guillaume Hoarau ist ein Publikumsliebling, wie ihn die beste Marketingabteilung kaum erfinden könnte. Er ist: stark und gross, ein Gigant auf dem Rasen und ein Model neben dem Rasen (nicht nur wegen seiner stylischen Kleidung), er ist locker und spontan, singt und musiziert und verehrt Bob Marley. Dieser Franzose mit Wurzeln auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean verzückt und verzaubert Fussballbern und lässt die überforderten Gegenspieler teilweise wie Schulbuben aussehen.

Eine Art Streller von YB

Vergleiche mit früheren Spielern sind immer schwierig, aber eines lässt sich behaupten: Guillaume Hoarau ist der kompletteste und wohl beste YB-Angreifer der Neuzeit – und ganz sicher seit Bezug des Stade de Suisse 2005.

Einer, der das vielleicht am kompetentesten beurteilen kann, ist Torhüter Marco Wölfli, seit 2003 fix im YB-Kader. Der 32-Jährige sagt, er sei begeistert von Hoarau, weil dieser nicht nur auf dem Rasen überragend sei, sondern auch erfahren und klug und mit seiner Art ein echter Leader.

«Er hat grossen Charakter», sagt Wölfli, «und das macht ihn so speziell.» Der langjährige YB-Captain geht in seiner Lobesrede so weit, dass er findet, Hoarau sei eine Art «Streller für uns». Marco Streller, Basels Spielführer, ist in vielerlei Hinsicht ein ähnlicher Typ wie Hoarau – und hat mit dem FCB zahlreiche Titel geholt.

Doumbias Torschnitt besser

Ein Ranking ausgewählter Angreifer, mit denen Wölfli bei YB zusammengespielt hat, sieht erwartungsgemäss ein Quartett über den anderen stehen (siehe Tabelle in der Bildstrecke). Seydou Doumbia, die ivorische Sprintrakete, weist dabei den besten Torschnitt aus, aber dann folgt bereits Hoarau, der in 24 Pflichtspielen 15 Treffer erzielt hat.

Sein Einfluss auf die Young Boys ist vermutlich grösser als jener von Doumbia war, weil der fröhliche Afrikaner nicht als Wortführer auffiel und vor allem mit Toren und Dribblings brillierte. «Doumbia war aber auch wichtig fürs Team, weil er immer gut gelaunt war und sich mit allen verstand», sagt Wölfli.

Bobadillas Undiszipliniertheit

Raúl Bobadilla, die Nummer 3 in der Rangliste, verliess Bern derweil im Unfrieden, er leistete sich auf und neben dem Rasen eine grosse Menge Undiszipliniertheiten. Seine Unbeherrschtheit stand dem Argentinier oft im Weg, beim Bundesligisten Augsburg ist er jetzt wieder dabei, die unbestrittene Klasse nachzuweisen.

«Bobadilla war ein Topstürmer mit Torinstinkt», sagt Wölfli, der sich nicht entscheiden kann, wer die Nummer 1 unter den YB-Angreifern ist. «Es ist nicht einfach, weil Hoarau, Doumbia, Bobadilla und Chpauisat extrem unterschiedliche Fussballer sind. Jeder hat andere Qualitäten, die ihn besonders stark machen.»

Auf die Frage, gegen wen er im Training am meisten Treffer kassiert habe, antwortet Wölfli lachend: «Sie haben gegen mich eben nie getroffen und sich die Tore für den Match aufgespart.»

Hoaraus grosses Plus

Und so darf jeder für sich entscheiden, wie seine Rangliste der besten YB-Stürmer der letzten Jahre aussieht. Akteure wie Senad Lulic und Hakan Yakin, der Torschützenkönig wurde, sind nicht berücksichtigt, weil sie im offensiven Mittelfeld spielten.

«Hoarau ist vor allem deshalb so wertvoll, weil er sowohl ein spielstarker Stürmer ist als auch einer, den man mit hohen Bällen anspielen kann. Er ist für die Gegenspieler sehr schwierig auszurechnen», sagt Wölfli. Die Young Boys hätten selten einen derart kopfballstarken Akteur gehabt, das sei ein gewaltiges Plus.

Und ein guter Angreifer sei einer, sagt Wölfli, der aus dem Nichts Tore erzielen könne. «So wie das auch Doumbia, Chapuisat und Bobadilla taten.» Mit Hoarau sei zudem jeder Eckball und jeder Freistoss für den Gegner ein Problem. «Und sein Innenristschuss ist sensationell, weil er präzis und stark ist. Hoarau ist so ruhig im Abschluss, wie ich es in meiner Karriere nur bei Chapuisat gesehen habe.»

Mix als Weltklasse

Stéphane Chapuisat, heute YB-Chefscout, ist offiziell der beste Schweizer Fussballer der Geschichte (gewählt vom Schweizerischen und Europäischen Fussballverband). Der smarte Stürmer stand gegen Ende seiner glanzvollen Karriere in YB-Diensten und überzeugte, erreichte aber nicht mehr jenes Weltklasseniveau, welches er Jahre zuvor bei Dortmund offenbart hatte.

Ganz bestimmt ein weltweit umschwärmter Angreifer wäre einer, der die Qualitäten der vier stärksten YB-Stürmer der letzten 15 Jahre vereint: Doumbias Schnelligkeit, Chapuisats Schlitzohrigkeit, Bobadillas Schussgewalt und Hoaraus Kopfballstärke.

Berner Zeitung

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