«Ich bin voller Energie, von morgens bis abends»

Peter Zeidler ist mit dem FC St. Gallen auf den 3. Platz gestürmt. Wieso er selbst für 10 Millionen Lohn nicht nach China ginge.

«Wir haben eine tolle Mentalität, sind ein bisschen verrückt»: Peter Zeidler, Trainer des FC St. Gallen.

«Wir haben eine tolle Mentalität, sind ein bisschen verrückt»: Peter Zeidler, Trainer des FC St. Gallen.

Peter M. Birrer@tagesanzeiger
Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Peter Zeidler wartet vor dem Stadion und winkt, damit man ihn ja nicht übersieht. Er führt den Weg hoch zu einer Loge in der St. Galler Arena. Unterwegs schnappt er sich drei Flaschen Mineralwasser, die er in einem Töggeli-Kasten zwischengelagert hat.

Der Schritt ist leicht, Zeidler ist auch mit 57 ein Energiebündel. Als Trainer ist er geprägt von seiner Arbeit an der Seite von Ralf Rangnick in Stuttgart und Hoffenheim und als Mensch von seinem Flair für Frankreich, das sich an der WM 1982 entwickelte, als Deutschland gegen Frankreich spielte.

Im Sommer 2018 kam er zum FC St. Gallen. Seither arbeitet er mit Präsident Matthias Hüppi und Sportchef Alain Sutter an einer Mannschaft, bei der schon fast kompromisslos auf die Jugend und die Offensive gesetzt wird. Die Spiele enden für die St. Galler nicht immer erfolgreich, aber wenigstens sind sie kaum einmal langweilig.

Vergangene Saison fehlte ihnen ein Tor, um sich für die Europa League zu qualifizieren. Jetzt sind sie das Team der Stunde mit 16 Punkten aus 6 Spielen. «Wir müssen demütig bleiben», sagt Zeidler, «es kommt auch wieder anders.»

Ihre Mannschaft gewinnt und gewinnt. Wie ist es, wenn Sie im Moment in St. Gallen auf die Strasse gehen?
Wie immer.

Das heisst?
Ich wohne mitten in der Stadt, und wenn ich aus dem Haus gehe, ist es nicht anders, nur weil wir ein paarmal gewonnen haben. Die Leute sind immer nett gewesen. Ich habe mich mit ihnen immer sehr gut und respektvoll unterhalten können. Ich spüre schon die Bedeutung des Fussballs hier. Ich könnte jetzt pathetisch von Kulturgut reden, aber in diese Richtung geht es: Der FC St. Gallen ist unglaublich wichtig.

Sie gehen gerne unter die Leute …
... ja, ja, und der Anknüpfungspunkt ist der Fussball. Unsere Wohnung ist nur hundert Meter weg vom Bermuda-Dreieck, da gibt es viele Kneipen. Ich muss da durch, wenn ich nach Hause will. So war das auch nach der Auftaktniederlage gegen Luzern, und da hatte ich von nachts um 11 bis morgens um 2 die besten Gespräche.

Ihnen wurde erklärt, was Sie alles falsch gemacht haben?
Nein, es war einfach gut. «Scheisse, wieder Luzern, blöd, aber es kommt schon gut.» So ist die Stimmung immer gewesen, auch letzte Saison, als wir ein paarmal daheim verloren hatten.

«Wenn ich dachte, dass ich ihn an einem Ort nicht sehen würde, dann da.»

Es kommt auch vor, dass Sie bei einer Vernissage auftauchen.
Letzthin war das, meine Frau hatte eine Einladung und sagte spontan: «Komm, da gehen wir hin.» Das war in einer kleinen Boutique, nur 30 Leute, Kleider anschauen, Bilder anschauen. Auf einmal kam mir unser Verteidiger Miro Muheim entgegen. Wenn ich dachte, dass ich ihn an einem Ort nicht sehen würde, dann da.

Und wieso war er da?
Die Künstlerin, die ausstellte, ist seine Mutter. Aber wissen Sie, was mir in St. Gallen besonders gefällt? Morgens um 7 Uhr im Café, und alle lesen Zeitung. Ich trinke einen Café, der andere einen Espresso, der Dritte einen Doppelten. Es herrscht Ruhe. 15, 20 Leute, die an einem langen Tisch sitzen und lesen, das hat was von Kultur. Es ist entspannend und trotzdem informativ, den Horizont erweiternd.

Das machen Sie jeden Tag?
Leider nicht jeden, aber oft.

Was lesen Sie?
«St. Galler Tagblatt», «Tages-Anzeiger», NZZ, den Sport vom «Blick». Ich würde gerne noch mehr Berichte lesen. Man müsste sich mehr Zeit nehmen. Unter der Woche hat man halt nur noch eineinhalb Stunden Zeit für die Zeitung.

Sie wollten doch auch mal Journalist werden.
Es war eine der Sachen, die ich im Kopf hatte.

Wir könnten sonst einmal ein Jobsharing machen.
(lacht) Mich hat die Konferenzschaltung am Radio immer fasziniert. Mit meinem Opa hörte ich Bayern 1: «Wir schalten um ins Grünwalder Stadion zu Eberhard Stanjek und zu Fritz von Thurn und Taxis.» Danach haben wir gebadet, und um 18 Uhr kam die «Sportschau» am Fernsehen. Damals war Bayern mein Club wegen meines Opas, und dann kam der VfB dazu. Eigentlich kann das nicht sein: Bayern und VfB, aber so war es.

Peter Zeidler zog den Fussball dem Journalismus vor. (Bild: Freshfocus)

Wieso sind Sie kein Journalist geworden?
Ich kann sicher schreiben, nicht so gut wie andere, aber dann fragt man sich: Was macht man? Ich war in Sprachen und auch sportlich gut. Ich merkte relativ früh, dass ich für den Lehrerberuf Talent habe. Daneben kickte ich, ganz gut eigentlich, aber mit 22 war ich schon Jugendtrainer, in Heubach, Bezirksliga. Und mit 24 war ich Jugendtrainer beim VfB, mit Ralf Rangnick zusammen, er trainierte mit 27 schon die Amateure.

Wo liegen die Gemeinsamkeiten von Lehrer- und Trainerberuf?
Ein Schüler und ein Spieler merkt, ob man sich für ihn interessiert, ob man ihn weiterbringen will. Ich bin kein Weltveränderer, wenn ich sage: Die Kernbotschaft eines Pädagogen ist, dass man seine Schüler, seine Spieler, seine Kinder einfach mag. Ich bin überzeugt, dass Loben eine positive Wirkung hat.

Wenn Sie vor den Schülern stehen, können Sie nicht wie im Fussball die Jacke auf den Boden schmeissen, wenn Sie verärgert sind.
Da sind wir schon bei einem guten Thema. Der Fussballlehrer Zeidler verbessert sich ja in dem Bereich. Das habe ich mir fest vorgenommen. Wenn man sich selber im Fernsehen sieht …

... erschrecken Sie dann?
Das darf so nicht passieren. Das mache ich nicht, weil ich böse bin oder etwas gegen die Schiedsrichter machen will. Die sind gut in der Schweiz, das muss man auch einmal sagen. Ich will keine ausladende Gestik mehr machen.

Sind Ihre Gesten inszeniert?
Das Wort ist gut. Ich will manchmal schon aufwecken, wenn wir eine gute Balleroberung gehabt haben. Ich spüre schon, dass eine Geste von mir eine Wirkung hat. Aber inszeniert? Nein. Definitiv nicht. Ich lebe einfach mit.

«Ich muss noch besser lernen, abzuschalten und zu entspannen.»

Und wenn Sie das Stadion verlassen, sind Sie ein anderer Mensch und schalten ab?
Natürlich nicht! Ich muss noch besser lernen, abzuschalten und zu entspannen.

Wie versuchen Sie es?
Sport hilft. Ich fühle mich befreit und kriege gute Gedanken auf dem Rad, beim Rennen oder beim Schwimmen. Ich fuhr im Sommer auch schon mal nach Teufen hoch oder nach Speicher. Oder ich radle nach Konstanz, 1:50 Stunden hin, 2:05 zurück, 43 Kilometer pro Weg. Ich würde mir wünschen, wieder mehr Bücher lesen zu können. Davon bin ich leider abgekommen. Oder ich würde gerne öfter ins Kino gehen. Neulich sah ich den Dok-Film über Diego Maradona – super! Und ich liebe französische Filme in Originalfassung.

Wären Sie gerne kühler?
Das nicht, ich möchte aber noch mehr in mir ruhen können. Meine Emotionalität werde ich immer behalten, ich darf von mir sagen, dass ich voller Energie bin, von morgens bis abends. Mein Beruf macht mir riesig Spass.

Weniger angenehm dürfte es bei Sion mit Präsident Christian Constantin gewesen sein.
Was denn?
Er gab mir die Chance, nach meiner Arbeitslosigkeit im August 2016 wieder in den Clubfussball einzusteigen. Ich hätte in Ungarn U-21-Nationaltrainer werden und gut verdienen können, es war eigentlich alles geklärt – aber dann kam ein Anruf, als ich mit dem Auto auf dem Heimweg von Budapest war. Ich fuhr gleich weiter ins Wallis zu Constantin. Und er sagte mir: «Ich weiss nicht, warum, aber ich glaube, ich will dich, du bist ein Guter.» Ich sagte sofort zu.

Hatten Sie Selbstzweifel, als Sie nach der Entlassung in Salzburg acht Monate ohne Job waren?
Ich hatte schon zu knabbern, dass es zu Ende gegangen war. Jeder sagte und dachte: Jetzt kannst du doch das Leben geniessen und Dinge machen, für die du als Trainer nie Zeit hast …

... ein Buch lesen …
... zum Beispiel, oder reisen und Rosen züchten, aber … so einfach ging das nicht. Weil es überhaupt nicht lustig ist, ohne Arbeit zu sein. Ich bin nicht so abgezockt, dass ich sagen kann: Ich erhalte meine Abfindung oder weiterhin den Lohn, darum geht alles spurlos an mir vorbei. Für mich ist der Trainerjob nicht einfach ein Beruf, er ist ein Traumjob, eine Berufung.

«Niemals würde ich nach China gehen, selbst für zehn Millionen Gehalt nicht.»

Drückte das so auf die Stimmung, dass Sie unerträglich wurden?
Ich war sicher nicht der Ausgeglichenste in dieser Zeit. Es kam zwar ein Angebot aus China, aber ich sagte sofort ab, obwohl meine Frau mir riet, mir einmal alles anzuhören. Ich hätte im Frühjahr 2016 bei Guangzhou Evergrande Nachwuchschef werden können, und ein deutscher Berater stellte mir in Aussicht, einen siebenstelligen Betrag pro Jahr zu verdienen. Aber nein, niemals würde ich nach China gehen, selbst für zehn Millionen Gehalt nicht.

Bereuen Sie es, die Bundesliga nie als Spieler erlebt zu haben?
Nein, ich bin überaus zufrieden mit dem, was ich hatte. Natürlich wäre es eine schöne Vorstellung, wenn ich einmal ein Tor mit einem Flugkopfball erzielt und vor den Fans gejubelt hätte. Aber die Emotionen kommen in meinem Beruf auch nicht zu kurz. Nehmen wir das letzte Heimspiel in der Karriere von Tranquillo Barnetta. Als ich abends nach Hause kam, sang ich noch ständig vor mich hin: «Tranquillo Barnetta o-oo!» Es war ja auch eine verrückte Geschichte: 4:1 gegen YB, ein Tor erzielt, ein wahnsinniger Lärm im Stadion … Oder im Wallis, der Einzug in den Cupfinal, Pa Modou sitzt auf der Querlatte und singt mit den Fans des FC Sion eine Viertelstunde lang Lieder. Aber etwas möchte ich schon noch erleben.

Nämlich?
Einen Cupsieg. Das wünsche ich mir, seit ich beim FC Sion war. Mir blieb es dort leider versagt, beim Endspiel 2017 in Genf gegen Basel dabei zu sein. Weil ich von Christian Constantin vorher in die Ferien geschickt worden war … (schmunzelt)

Jetzt sind Sie mit St. Gallen bestens unterwegs: 6 Spiele, 16 Punkte. Woher kommt diese Leichtigkeit auf einmal?
Das Selbstbewusstsein wächst mit jedem Sieg. Ich spüre in der Kabine: Diese Mannschaft glaubt an sich, an unseren Plan, jeder hat Vertrauen in seinen Kollegen. Da muss nicht einmal der Trainer gross einwirken, es ist das Ding der Spieler geworden. Wir sind in einem Flow.

Aber der Trainer hat doch gewiss auch einen Beitrag geleistet.
Ich habe meine Prinzipien und klaren Ideen, wie wir auftreten wollen. Wir haben eine tolle Mentalität, sind ein bisschen verrückt, jagen begeistert den Ball, greifen hoch an und zeigen Spielwitz, Spielfreude. Ja, spielt Jungs, spielt!

Wie viel Mut braucht es, auf eine Abwehr zu setzen, deren Verteidiger im Schnitt 20 Jahre jung sind, wie gegen Servette?
Das kann irre Spass machen, birgt aber vielleicht auch Risiken, auszurutschen. Trotzdem glaube ich, dass in St. Gallen etwas entstehen kann.

Peter Zeidler träumt von einem Titelgewinn mit dem FC St. Gallen. (Bild: Freshfocus)

Was meinen Sie damit konkret?
Dass wir irgendwann einmal …

... einen Titel gewinnen?
Nein, zuerst mal die Nummer 3 im Land werden und dann etwas gewinnen. Das wäre der Idealzustand. Wir wollen gemeinsam etwas aufbauen, aber das gelingt nicht in einem Jahr.

Dann haben Sie vor, noch lange in St. Gallen zu bleiben?
Ich hoffe, dass ich das darf. Ich fühle mich sehr wohl hier.

Sie strahlen viel Positives aus. Sie können aber auch …
... eingeschnappt sein?

Ja.
Das täuscht.

Sind Sie kritikfähig?
Ich habe gelernt, mit Kritik umzugehen. Wenn ich von Journalisten fachlich kritisiert werde, muss ich damit umgehen können. Wenn aber unser Präsident nach vier sieglosen Spielen sinngemäss gefragt wird, ob nun nicht der Trainer zur Diskussion stehe, reagiere ich sensibel.

Warum?
Ganz einfach: weil das bei St. Gallen anders läuft. Wir machen es hier anders als andere Clubs.

In dem Fall könnten Ihnen solche Fragen doch egal sein?
Nein, und zwar deshalb nicht, weil ich schon dreimal entlassen worden bin und ich mich gegen Plattitüden wehre wie: «Dann greifen halt die üblichen Mechanismen.» Es geht in solchen Situationen immer auch um Menschen, um persönliche Schicksale, wenn jemand seinen Job verliert.

Wir haben nun so lange über Fussball gesprochen, wie ein Spiel dauert. Was machen Sie, wenn Sie heute Abend nach Hause kommen?
Fussball schauen! (lacht laut).



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