«Ich habe Ronaldos Geheimnisse gestohlen»

Der 19-jährige Moise Kean ist die neue Attraktion im italienischen Fussball. Das Juve-Talent lernt von Cristiano Ronaldo – und hat einen Vater mit sonderbaren Forderungen.

Er macht Cristiano Ronaldo in Turin gegenwärtig vergessen.

Er macht Cristiano Ronaldo in Turin gegenwärtig vergessen.

(Bild: Keystone)

Tanzen kann der junge Mann. Ziemlich leidenschaftlich sogar. Nur wusste das bis vor kurzem kaum jemand. Denn Moise Kean ist einer, der bislang vor allem italienischen Junioren-Coaches und Scouts bekannt war. Nun aber reden sie alle von ihm. Besser gesagt: Sie schwärmen. Von seinem Tempo. Seiner Kreativität. Seinen Abschlüssen. Seiner Präsenz. Aber auch von seinem Tanzstil. Mit und ohne Ball.

So auch am Samstag, als er mit Juventus gegen Empoli spielt. Beim Stand von 0:0 wird Kean in der 69. Minute eingewechselt. Drei Minuten später steht es 1:0 für Juve. Kean trifft – und tanzt. Wie nach jedem Treffer.

Und weil Cristiano Ronaldo verletzt fehlt, fragt in Turin gerade niemand nach dem Superstar. Nach dem Spiel sagt Juventus-Trainer Massimiliano Allegri über seinen Youngster: «Im Moment ist er gut, weil er trifft. Aber es werden Zeiten kommen, in denen er nicht trifft. Das ist Teil eines Reifeprozesses.»

Allegri will den Hype um das Juve-Talent eindämmen. Doch das ist in diesen ereignisreichen Tagen ein Ding der Unmöglichkeit. Anfang März setzte ihn Allegri erstmals in dieser Saison beinahe ein gesamtes Spiel ein. Kean traf sogleich doppelt. Vergangene Woche bestritt er seine ersten beiden Pflichtspiele für die italienische A-Nationalmannschaft. Kean traf wieder. Sowohl gegen Finnland als auch gegen Liechtenstein.

Mit ihm beginnt eine neue Ära

Seine Premiere im Nationaldress machte ihn zum zweitjüngsten Torschützen in der Geschichte der italienischen Landesauswahl. Nur Bruno Nicole war 1958 als 18-Jähriger jünger.

«Mit Kean beginnt eine neue Ära. Eine Ära, die so leicht wie dieser 19-Jährige ist. Er hat die Mannschaft mit derselben Natürlichkeit zum Sieg geführt, mit der er Hip-Hop tanzt», befand die Zeitung «Corriere della Sera» nach dem herausragenden Pflichtspieldebüt.

Auch die «Gazzetta dello Sport» verfasste Elogen. «Yes, we Kean», titelte sie überschwänglich. Gar biblischer Metaphern bediente sie sich: «Vor Moise öffnet sich Finnlands Abwehr, wie vor einem anderen Moses die Wasser des Roten Meeres.»

Und wenn in Italien ein junger Spieler für Wirbel sorgt, kommt er irgendwann immer: der Balotelli-Vergleich. Keans Reaktion: «Ich mag Mario, aber er ist Balotelli, und ich bin Kean.» Selbstbewusst ist das Offensiv-Juwel durchaus. Ein Enfant terrible wie Balotelli jedoch nicht.

Roberto Mancini, Keans Trainer in der Nationalmannschaft, sagt: «Kean ist für den Gegner ein verheerender Widersacher.» Derweil erzählt der 19-Jährige Journalisten, dass er das von Cristiano Ronaldo im Training gelernt habe. Er sagt: «Ich habe seine Geheimnisse gestohlen.» Dann lacht er schelmisch.

Der Vater und die Traktoren

Weniger lustig fand Kean jedoch die jüngste Aktion seines Vaters, der noch immer in der Elfenbeinküste lebt und dort eine Farm besitzt. Einer italienischen Radiostation erzählte er, dass ihm Juventus noch zwei Traktoren schulde, weil er sich in der Vergangenheit dafür eingesetzt habe, dass Kean in Italien bleibt. Als Gegenleistung forderte er die besagten Landwirtschaftsfahrzeuge.

Kean äusserte sich im Anschluss in den sozialen Medien und schrieb: «Traktoren? Ich weiss nicht, wovon du sprichst.» Dass der junge Stürmer kein gutes Verhältnis zu seinem Vater hat, unterstrichen die weiteren Zeilen: «Der Mann von heute bin ich nur dank meiner Mutter, und damit habe ich alles gesagt.»

Was gegenwärtig untergeht, ist die Tatsache, dass Keans Rolle in Turin noch alles andere als prägend ist. In dieser Saison kommt er erst auf insgesamt 203 Einsatzminuten. Die Konkurrenz im Sturm mit Ronaldo, Dybala, Mandzukic und Bernardeschi ist schlicht zu gross.

Will Juventus sein Eigengewächs halten, muss Kean nach diesen magischen Tagen eine gewichtigere Rolle im Starensemble einnehmen können. Entscheidenden Einfluss dürfte dabei auch sein umtriebiger Berater Mino Raiola nehmen. Der frivole Kean will sich vorerst aber auf das konzentrieren, was er doch so gut kann: tanzen. Und zwar mit und ohne Ball.

cst

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