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Im Bann der Bullen

Österreichs Clubfussball ist im Hoch. Red Bull Salzburg prägt ihn mit seinem Ausbildungsmodell. Wolfsberg und Linz profitieren davon.

Ein Norweger als Überflieger in Salzburg: Der 19-jährige Erling Haaland jubelt über eines seiner drei Tore in der Champions League gegen Genk. Foto: Leonhard Foeger (Reuters)
Ein Norweger als Überflieger in Salzburg: Der 19-jährige Erling Haaland jubelt über eines seiner drei Tore in der Champions League gegen Genk. Foto: Leonhard Foeger (Reuters)

Stefan Maierhofer hat ein ganz gutes Gedächtnis. Er hat nicht vergessen, wie das in der Kabine des FC Aarau war, als Basel in der Qualifikation zur Champions League auf Linz traf. «LASK, was ist das?», hörte Maierhofer die Teamkollegen fragen. «Passt auf!», riet er ihnen. – «Was redest denn du!», kam zurück. Er bekam recht, Basel scheiterte.

So ist das mit dem österreichischen Fussball und seinen Clubs, die nicht nur aus Wien oder Salzburg kommen, sondern auch aus Orten wie Altach, Hartberg, Mattersburg oder Wolfsberg mit teilweise nicht einmal 7000 Einwohnern. Sie werden im Ausland selten richtig ernst genommen. Maierhofer sagt es so schön: Es werde gerne nach Österreich «rübergelächelt».

In den ersten Gruppenspielen der europäischen Wettbewerbe vor zwei Wochen haben sich die Österreicher aber eine Menge ­Respekt verschafft. Red Bull Salzburg fegte in der Champions League mit einem 6:2 über Genk hinweg, Genk ist immerhin ­belgischer Meister. Der Wolfsberger AC verblüffte in der Europa League mit seinem 4:0 in Mönchengladbach, und der LASK steuerte das 1:0 gegen Rosenborg Trondheim bei.

Haaland trifft beim 6:2-Sieg gegen Genk dreifach. (Video: Teleclub.)

Maierhofer, 37 inzwischen, ist ein Wandergeselle des Fussballs, Aarau ist der 17. Club in seiner Karriere. In seiner Heimat kennt er sich bestens aus, er stürmte mit Rapid und Salzburg zu Meistertiteln, und Mattersburg wollte ihn wegen seiner Erfahrung schon vor einem Jahr zum Sportchef machen. Im Moment ist er lieber noch der «Major» auf der kleinen Aarauer Bühne.

«Ich freue mich auf einen guten Fussballabend», sagt er und sitzt auch heute vor dem Fernseher, wenn Salzburg in Liverpool aufläuft. Von Liverpool ist er angetan: wegen Jürgen Klopp und wegen Sadio Mané, der in Salzburg sein Kabinennachbar war. Trotzdem ist Maierhofer Österreicher genug, um seinen Landsleuten heute die Daumen zu drücken. Und er erwartet einiges von ihnen: «Sie gehen dahin und wollen gewinnen. Dieses Denken ist in ihrem System drin.»

Das Modell von Rangnick

Die Bullen sind zwischen Altach und Wien, zwischen Provinz und Weltstadt, das Nonplusultra. Ihr Aufstieg hat viel mit dem Einstieg von Dietrich Mateschitz 2005 zu tun. Der Gründer von Red Bull hat ihnen das Geld gegeben, um Meistertitel zu gewinnen. Und die haben sie ab 2007 geholt, zehn bis zum heutigen Tag. Den Verein revolutioniert hat aber erst Ralf Rangnick, als er 2012 ein allumfassendes Konzept für Ausbildung, Förderung, Spielsystem und Scouting bis nach Afrika und Südamerika eingeführt hat – das gleiche wie in Leipzig, weil auch Rasenball zum Imperium von Mateschitz gehört.

International hinkten die Salzburger lange hinterher. Elfmal scheiterten sie in der Qualifikation zur Champions League. Mit Spott wurden sie übergossen, weil sie ausserhalb von Salzburg nicht eben beliebt sind. «Wir sind angefeindet und beschimpft worden», erinnert sich Maierhofer an seine eineinhalb Salzburger Jahre. Die Kritik hat bis heute mit dem Vorwurf zu tun, die Bullen hätten keine Tradition und würden sich den Erfolg nur kaufen.

Volle Portokasse

Jetzt sind sie erstmals in der Gruppenphase. Und sie hängen nicht mehr existenziell am Tropf von Mateschitz, mit einem Vermögen von 20 Milliarden Euro der reichste Österreicher. Allein in diesem Sommer haben sie aus Transfers 100 Millionen erwirtschaftet, rechnen die «Salzburger Nachrichten» vor.

Neben Trainer Marco Rose verloren sie fünf Stammspieler, unter ihnen den früheren GC-Stürmer Munas Dabbur (Sevilla). «Trotzdem läuft ihre Maschinerie weiter», sagt Moritz Ablinger vom «Ballesterer», dem wunderbaren Fussballmagazin in Österreich. Sie führen die Bundesliga nach neun Runden mit 25:2 Punkten und 40:9 Toren an. Punkte gaben sie nur beim 2:2 gegen den LASK ab, als sie im Duell mit dem Verfolger gleich acht Spieler schonten. So etwas erhärtet nur den Verdacht, dass selbst ihre zweite Auswahl gut genug wäre, Meister zu werden.

Erling Haaland ist einer der Spieler, der für ihr Modell steht. Selbst Manchester United und Juventus umwarben den Norweger, aber der entschied sich, Anfang Jahr nach Salzburg zu ­wechseln. Er tat es im Wissen, dort die Spielpraxis zu bekommen, die er bei den ganz Grossen nie bekommen würde. Der 19-Jährige erzielte gegen Genk drei Tore. Und Red Bull hat bereits die Bestätigung, die 5 Millionen gut angelegt zu haben.

Die ratlosen Wiener Grössen

Dass die Maschinerie trotz des Umbruchs im Sommer derart rundläuft, hat noch eine andere Auswirkung: «Die Konkurrenz ist ernüchtert, gerade Rapid und Austria», sagt Ablinger. Das sind die Wiener Grossclubs, die Österreichs Fussball bis in die 1990er-Jahre dominierten, Rapid hat 32 Titel geholt, Austria 24.

Längst jedoch haben sie sich den Neureichen aus Salzburg ­ergeben und wären schon mit Rang 2 zufrieden. Ablinger vermisst bei ihnen den Ehrgeiz, mehr aus den Möglichkeiten zu machen, die ihnen eine Weltstadt wie Wien bietet. Wien hat 1,9 Millionen Einwohner, die übrigen zehn Bundesliga-Standorte zusammen kommen auf 775 000.

«Die Wiener Clubs haben ein Problem, sie haben kein sportliches Konzept»

Moritz Ablinger, «Ballesterer» Fussballmagazin

Rapid, traditionell der Club der SPÖ, aber auch vom Einfluss der Fans geprägt, hat mit 42 Millionen Euro noch immer das zweitgrösste Budget hinter Salzburg, das in der Saison 2017/18 auf 80,5 Millionen kam. Austria, angeblich von der rechten Bewegung der «Identitären» unterwandert, wies 36 Millionen aus. Der TSV Hartberg stieg 2018 mit einem Budget von 1,5 Millionen in die Bundesliga auf, jetzt liegt er vor der Austria.

«Die Wiener Clubs haben ein Problem», sagt Ablinger, «sie haben kein sportliches Konzept, und sobald es nicht läuft, verfallen sie in Panik.» Da machen es die Kleinen viel besser. In Mattersburg ist für 11 Millionen Euro eine piekfeine Akademie hingestellt worden, «7, 8 Spieler aus dem eigenen Nachwuchs spielen derzeit in der ersten Mannschaft», weiss Maierhofer.

Und da sind eben der Wolfsberger AC und der Linzer ASK. Sie sind vom Denken der Bullen ­geprägt. Der WAC, europäisch unbekannt bis zum 4:0 in Mönchengladbach, wird von Gerhard Struber trainiert. Struber ist in Salzburg über Jahre von Rangnicks Fussballschule beeinflusst worden, zuletzt war er bei Liefering, dem lokalen Farmteam von Red Bull aus der 2. Liga. Den LASK baute Oliver Glasner während vier Jahren auf. Zuvor war er zwei Jahre Assistenztrainer in Salzburg gewesen, jetzt versucht er sich beim VfL Wolfsburg. Und in den Kaderlisten der österreichischen Clubs finden sich viele Spieler, die Red Bull ausgebildet hat.

Moritz Ablinger vermutet schon einmal: «Ich glaube, Red Bull wird auch die nächsten zehn Jahre Meister.»

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