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Im Rucksack hat es nach wie vor Platz

396 Einsätze in der Super League kann Nelson Ferreira vorweisen, was Rekord bedeutet. Mit dem FC Thun hat der Portugiese die höchsten Höhen und tiefsten Tiefen miterlebt. Negatives soll in der Rückrunde nicht dazukommen.

Der letzte «Sternengreifer»: Nelson Ferreira zeigt auf ein Jubelbild aus Champions-League-Zeiten. Schon 2005 hat er beim FC Thun gespielt.
Der letzte «Sternengreifer»: Nelson Ferreira zeigt auf ein Jubelbild aus Champions-League-Zeiten. Schon 2005 hat er beim FC Thun gespielt.
Andreas Blatter

2003 lautete die Devise: Alles neu. Aus der Nationalliga A wurde die Super League, aus der Zwölfer- eine Zehnerliga, die Finalrunde war Geschichte. Es läuft die 14. Saison seit der Reform, und raten Sie mal: Wer hat seither die meisten Partien in der höchsten Spielklasse bestritten?

Es ist Nelson Ferreira, der Por­tugiese totalisiert 396 Einsätze. Rund ein Drittel davon absolvierte er in Diensten Luzerns, verbunden aber ist er seit geraumer Zeit mit dem FC Thun. Er habe vor kurzem gehört, dass er der Rekordspieler sei, meint Ferreira. «Aber ich bilde mir nichts darauf ein. Ich bin einfach froh, noch immer in dieser Liga spielen zu dürfen.»

Kein Vergleich mit 2008

Die Aussage passt zu Nelson Ferreira, dem Dauerbrenner in der Super League. Den Boden unter den Füssen hat er trotz allem Trubel um seine Person nie verloren, «wahrscheinlich bin ich deshalb nicht vom Weg abgekommen, habe mir den Platz im Team immer wieder erkämpfen können», sagt der 34-Jährige.

Seine Geschichte ist aufregend und faszinierend zugleich, «es läuft bei mir ein ­wenig wie auf der Achterbahn». Mutter und Vater verliessen die Heimat, erhofften sich in der Schweiz bessere Perspektiven. Ferreira lebte als Bub bei Oma und Opa, bis ihn die Eltern nach Unterseen holten. Er kickte in Interlaken, dann beim Thuner Nachwuchs, den er während der Ausbildung zum Bodenleger wieder verliess – die Belastung wurde zu gross.

«Man hört mir auch zu, wenn ich in Jeans und Mütze auf der Tribüne sitze.»

Nelson Ferreira

Noch 2001, mit 19, spielte der Flügel in der 3. Liga, der Gedanke an eine Profikarriere erschien absurd. Doch Ferreira traf und traf, weshalb Hanspeter Latour zum Probetraining lud. Vier Jahre später erzielte Fer­reira in der Champions League gegen Arsenal ein Traumtor. «Der rasante Aufstieg war verrückt», sagt er mittlerweile. Von den Akteuren, die damals nach den Sternen griffen, spielt längst kein anderer mehr im Oberland. Ferreira ist geblieben. Und wird noch oft auf diese magischen Nächte angesprochen.

Ebenfalls als Einziger der ak­tuellen Equipe hat Ferreira den letzten Thuner Abstieg vor bald neun Jahren miterlebt. Drunter und drüber sei es damals gegangen im Klub, sagt der Mittelfeldspieler, «wir hatten viele Ausländer in der Mannschaft, es war ein Kommen und Gehen». Die gegenwärtige Lage mag er nicht mit jenen Geschehnissen vergleichen. «Dazwischen liegen Welten.» Er erwähnt die Qualität im Team, die nicht tiefer sei als in der letzten Saison, welche die Oberländer auf Rang 6 beendeten. Und es erstaunt doch ein wenig, sagt er: «Wir befinden uns nicht in einer schwierigen Situation.»

«Chrampfen» gelernt

Mit mangelndem Glück in der Vorrunde, mit nicht ausgeschöpftem Potenzial erklärt Ferreira den vorletzten Tabellenplatz bei Saisonhalbzeit. Dass sich die Thuner erstmals seit dem Aufstieg 2010 so richtig im Abstiegskampf befinden, bestreitet er indes nicht. Für einige Teamkol­legen sei die Situation neu und ­daher ein wenig heikel, «aber Panik schiebt keiner. Und Angst, den Job zu verlieren, spüre ich derzeit bei niemandem.»

Als Routinier versucht der 46-fache Super-League-Torschütze Einfluss zu nehmen, die Mitspieler wenn ­nötig zu beruhigen. Was er im Herbst zumindest auf dem Platz selten tun konnte, Ferreira hat in den ersten achtzehn Partien verletzungsbedingt nur 226 Minuten lang gespielt. Doch der Älteste in der Equipe ist sicher: «Man hört mir auch zu, wenn ich in Jeans und Mütze auf der Tribüne sitze.»

«Als Bodenleger musste ich früh aufstehen, auf die Baustelle gehen. Ich weiss, was ‹Chrampfen› bedeutet.»

Nelson Ferreira

Der zumeist ineffizienten Thuner Offensive könnte der Portugiese in Bestform gewiss helfen; er ist ein Instinktfussballer, der auf dem Feld nicht viel überlegt, wie er festhält. Was die Technik betrifft, gibt es bessere Akteure, ­Ferreiras Stärke ist viel eher die Kampfkraft. Diese verdanke er ein wenig seiner Vergangenheit. «Als Bodenleger musste ich früh aufstehen, auf die Baustelle gehen. Ich weiss, was ‹Chrampfen› bedeutet.» Bei jungen Spielern hat er diesbezüglich einen Men­talitätswechsel registriert, «eine Lehre, wie ich sie absolviert habe, würde manch einem guttun».

In den nächsten Monaten bedarf es beim FC Thun primär ­guter Ergebnisse, das Startprogramm (GC, Basel, Luzern) allerdings ist happig. Ferreira, der keinen Berater hat und die Verträge mithilfe seiner Frau, einer Juristin, aushandelt, ist bis 2018 an den Verein gebunden. Er trage einen Rucksack voller Erfahrungen mit sich, sagt der Profi, «aber es hat Platz darin – er ist noch nicht zu schwer geworden». Gelingt Thun der Ligaverbleib, wird Ferreira seine Bestmarke ein Weilchen behalten. Was ihm nicht wichtig ist. Wobei er sagt: «Wer hat schon etwas gegen einen Rekord einzuwenden?»

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