In der Schwarmintelligenz liegt Spaniens Kraft

Analyse

Der grösste Kritikpunkt am spanischen Fussball ist letztlich wohl seine grösste Stärke – das Fehlen von Charakterköpfen und Spielern, die auf Teufel komm raus das Spektakel suchen.

Die Einheit steht über allem: Die grossen Charakterköpfe sucht man unter den Spaniern vergeblich – doch genau das ist ihr Erfolgsrezept.

Die Einheit steht über allem: Die grossen Charakterköpfe sucht man unter den Spaniern vergeblich – doch genau das ist ihr Erfolgsrezept.

(Bild: Keystone)

Alexander Kühn@alexkuehnzh

Viele grosse Mannschaften fielen kurz nach Überschreiten ihres Zenits der Altersguillotine zum Opfer oder der Übersättigung. Spanien scheint – bei aller Kritik am zuweilen langweiligen Kurzpassspiel – eine Ausnahme zu sein. Nicht Bequemlichkeit im Wissen um den EM-Titel von 2008 und den WM-Triumph von 2010 prägte die Furia Roja im Final der Euro 2012 gegen Italien, sondern die Besessenheit, mit dem dritten Titelgewinn in Serie Historisches zu schaffen. Und geht man davon aus, dass ein Fussballer mit Anfang dreissig auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft ist, muss sich die Konkurrenz noch mindestens bis zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien mit der spanischen Kombinationsmaschine herumplagen.

Nur drei Spieler über dreissig

Von den Spielern, die beim 4:0 über die nach einer Stunde dezimierten Italiener in der Startformation standen, haben lediglich drei ihren 30. Geburtstag schon hinter sich: Iker Casillas (31), der als Torhüter sportlich langsamer altert, der geniale Passgeber Xavi (32) sowie Xabi Alonso (30), eine weitere Stütze im Mittelfeld. Und auch sie dürften 2014 in Brasilien noch mit von der Partie sein. Nationaltrainer Vicente del Bosque – und allfälligen Nachfolgern – bleibt also genug Zeit, um Alternativen für vakante Positionen heranzuführen. Zudem haben die Spanier unter Beweis gestellt, dass es in ihrem System nicht allzu sehr auf Individualisten ankommt. Sogar den Ausfall von Abwehrchef Carles Puyol und Topskorer David Villa konnten sie letztlich problemlos verkraften. Auf einen klassischen Sturm-Egoisten wie Cristiano Ronaldo bei Portugal oder Mario Gomez bei Deutschland verzichteten sie freiwillig.

Der grösste Kritikpunkt an den Spaniern ist letztlich ihre grösste Stärke: die bisweilen für den Zuschauer ermüdende Abgeklärtheit, die Fähigkeit, der Versuchung des Spektakel-Fussballs zu widerstehen. «Wir haben für ein normales Ziel gekämpft, wir wollten für niemanden ein Beispiel sein», sagte Xabi Alonso gegenüber der Sportzeitung «AS». Das Gefühl bei diesem Turnier sei weniger euphorisch gewesen als vier Jahre zuvor in der Schweiz und Österreich, aber trotzdem zielgerichtet. Die Mannschaft verfüge über eine grosse Portion Demut.

Anti-Balotellis und Anti-Cassanos

Die Demut, die der Mittelfeldspieler von Real Madrid anspricht, ist wohl auch dafür verantwortlich, dass bei den Spaniern keiner ausschert. Man mag einen Mangel an Charisma monieren, der Erfolg aber gibt Spielern wie Xavi oder Andrés Iniesta recht. Sie sind die Anti-Balotellis, die Anti-Cassanos, aber sie haben Balotelli und Cassano 4:0 geschlagen. Die Brasilianer waren zu Ronaldos besten Zeiten schillernder, die Franzosen auf dem Zenit von Zinédine Zidane sowieso, punkto Ertrag können sie mit Spanien jedoch nicht mithalten.

Ob Del Bosques Spanier die grösste Mannschaft der Geschichte sind oder nicht, ist eine müssige Diskussion. Wer kann sie schon mit Ungarns ungekrönter Wundermannschaft oder Pelés Brasilianern vergleichen? Sicher ist aber, dass die Iberer die intelligenteste Equipe der Gegenwart stellen. Wenn es unter den Zuschauern des Öfteren so etwas wie Schwarmdummheit gibt, so gibt es bei den spanischen Spielen auch so etwas wie Schwarmintelligenz. Jeder weiss, wo er stehen muss, jeder bleibt seiner Position und seiner Rolle treu. Auch wenn es, wie gegen Kroatien, lange befremdlich repetitiv aussieht. Ein Beispiel für die Früchte der spanischen Schwarmintelligenz ist der erste Treffer im EM-Final, als Iniesta Fabregas mit einem perfekt getimten Pass lancierte und dieser trotz Chiellinis Gegenwehr zentimetergenau in die Mitte passte, was David Silva seinen Kopfballtreffer ermöglichte. Fabregas musste nicht lange schauen, er wusste wohl ganz genau, wo Silva stand.

Trainer Del Bosque schliesslich ist der richtige Mann am richtigen Ort. Weil er sich von der Kritik nicht beeindrucken liess. Weil er stets an die Wirksamkeit der spanischen Waffen glaubte. Weil er mit seinen Bernhardiner-Augen eine unheimliche Ruhe ausstrahlt. Vor allem aber, weil er wie seine Spieler nicht eitel ist. Der Pokal ist schliesslich wichtiger als flüchtiges Lob für grandioses Offensiv- und Wechselspiel. Fragen Sie einmal die Deutschen, die erst in den Himmel gelobt wurden und vom aggressiven Boulevard nun als Luxus-Versager und Verlierer-Generation gegeisselt werden.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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