«Lieber stehe ich an der Kasse an»

Mario Raimondi, früher Spieler von Thun und YB, äussert sich vor dem Derby zu den Weggefährten Marc Schneider und Christoph ­Spycher.

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Sie scheinen kein Mitleid mit ihrem früheren Club, dem FC Thun, zu haben.Mario Raimondi:Wieso meinen Sie?

Als U-15-Trainer der Young Boys besiegten Sie die Thuner kürzlich 9:1. Auf dieser Stufe können die Unterschiede riesig sein. Manche Jungs sind schon ausgewachsen, dementsprechend kräftig, andere noch dünn und klein. So kommen diese krassen Resultate zustande. Man sollte sie nicht überbe­werten.

Wie erging es Ihnen dabei an der ­Seitenlinie? Es machte keinen Spass. In solchen Momenten ziehe ich mich auf die Bank zurück, werde ruhiger. In diesem Alter sollen nicht Resultate im Vordergrund stehen, sondern die Weiterentwicklung und die Freude am Fussball. Auch meinen Spielern bereiten enge Partien mehr Spass.

Als Sie 2013 zurücktraten, sagten Sie, Sie möchten als Trainer auf höchster Stufe tätig sein. Besteht dieses Ziel noch? Ich weiss es nicht. Ich absolviere derzeit das A-Diplom, am Montag stehen die Schlussprüfungen an. Aber ich handhabe es wie als Spieler, ich schaue nicht weit ­voraus. Es macht mir Riesenspass, im Nachwuchs zu arbeiten, ich kann mir vorstellen, das ­lange zu machen. Ich war schon als Spieler keiner, der die grosse Bühne suchte.

«Ich war schon als Spieler keiner, der die grosse Bühne suchte.»

Vermissen Sie manchmal ­dennoch das Leben als Profifussballer? Das erste Jahr war schwierig, da dachte ich an Spieltagen oft, es wäre cool, dabei zu sein. Ab dem zweiten Jahr wurde es besser, mittlerweile bin ich sehr froh, wie es gekommen ist.

Dann kribbelt es nicht, wenn Sie den derzeitigen ­Höhenflug der Young Boys ­miterleben? Nein. Aber ich freue mich enorm für YB, dass es so gekommen ist. Die Erfolge sind hochverdient, seit Jahren wird hier gute Arbeit geleistet, jetzt erhält der Club den Lohn ­dafür. Es ist wirklich so: «Irgendeinisch fingt ds Glück eim.»

Verfolgen Sie die Spiele im ­Stadion? Wenn es geht, ja. Aber ich bin mit meiner Mannschaft an den Wochenenden fast immer unterwegs, habe zudem eine Familie mit zwei Söhnen, die auch mit ihrem Vater spielen wollen. Aber sie sind schon angefressene YB-Fans, kommen dementsprechend gerne ins Stadion.

Wirken sich die Erfolge auf die Nachwuchsteams aus? Sprich: Gehen Ihre U-15-Spieler nun mit einem anderen Selbstverständnis ans Werk? Man merkt, dass sich etwas verändert hat: YB ist nicht mehr der ewige Zweite, das spüren die Spieler. Sie werden von den ­Gegnern anders wahrgenommen, aber auch, wenn sie sich mit der YB-Trainerjacke durch die Stadt bewegen. Sie sind nun Spieler des Meisters. Das wirkt sich aufs Selbstvertrauen aus. Zumal der Weg von der U-15 zu den ­Profis nicht mehr allzu weit ist.

Sie schafften 1999 beim FC Thun in der Nationalliga B den Sprung in den Profifussball. Welche ­Erinnerungen haben Sie? Es war eine unvergessliche Zeit. Wir hatten ein Superteam mit einem unglaublichen Zusammenhalt. Nach dem Training waren kaum fünf Minuten vergangen, da sassen wir schon wieder zusammen. Das brauchte es auch, sonst wäre der Aufstieg nicht möglich gewesen.

Diese Zeit war der Grundstein für den heutigen FC Thun. Ohne Hanspeter Latour wäre das alles nicht möglich gewesen. Wir mussten damals bei null anfangen. Ich weiss noch, wie er vor uns stand und sagte: «Wir wollen aufsteigen.» Das schien sehr unrealistisch, aber Latour konnte uns irgendwie vermitteln, dass es machbar ist. Aber es war riskant.

Wie meinen Sie das? Latour sagte, wer aufsteigen wolle, brauche einen Profibetrieb. Aber mit dem, was wir vom Club erhielten, kamen wir nie und ­nimmer auf einen grünen Zweig. Ich lebte deshalb bei den Eltern.

«Mit dem, was wir von Thun erhielten, kamen wir nie und nimmer auf einen grünen Zweig. Ich lebte deshalb bei den Eltern.»

Das wäre heute in Thun unvorstellbar. Wir waren junge Giele aus der ­Region, Marc Schneider war auch dabei. Und Latour holte dann nach und nach Spieler, die bei ihren Clubs nicht oft zum Einsatz kamen: Gerber, Renggli, Cerrone. Plötzlich spürten wir: Da liegt ­etwas drin. Es entwickelte sich eine unheimliche Dynamik, die uns schliesslich bis in die Champions League führte.

War das Ihre schönste Zeit als Profifussballer? So weit würde ich nicht gehen. Aber ich spürte ein unglaubliches Vertrauen, Latour hatte ja nur uns. Er musste mit uns arbeiten, Angst, dass wir den Platz im Team verlieren könnten, kannten wir keine. Und wir merkten: Mit Disziplin, Arbeit, Glauben und Geduld lässt sich Grosses erreichen.

Hat Ihnen diese Erkenntnis den Weg zur Karriere ­geebnet? Die Zeit unter Latour hat mich fürs Leben geprägt. Noch heute denke ich ab und zu an ihn, an seine Worte. Manchmal verstehe ich erst jetzt, was er uns eigentlich sagen wollte.

Schneider ist Trainer in Thun, Gerber der Sportchef. Und mit YB-Sportchef Christoph Spycher haben Sie in Bern zusammen­gespielt. Wie ergeht es Ihnen, wenn Sie den Weg von früheren Weggefährten verfolgen? Es ist interessant, wie jeder ­seinen Weg geht. Und ich hoffe, jeder ist glücklich mit seinen Job, wie ich das bin. Manchmal kommt mir ein Name eines früheren Mitspielers in den Sinn, dann versuche ich im Internet zu recherchieren, was aus ihm geworden ist. Den Kontakt mit einstigen Teamkollegen zu pflegen, wäre der einzige Grund, einen Facebook-Account zu eröffnen. Aber bisher konnte ich mich dazu nie durchringen.

«Den Kontakt mit früheren Teamkollegen zu pflegen, wäre der einzige Grund, einen Facebook-Account zu eröffnen.»

Der Weg von welchem Weg­gefährten hat Sie am meisten erstaunt? (Überlegt). Das wird Marc Schneider sein. Er ist ein Supertyp, einfach und unkompliziert. Und er hat schon als Spieler wie ein Trainer gedacht. Aber dass es so schnell geht? Dass er nun in Thun an der Seitenlinie steht, ist schon bemerkenswert. Ich mag es ihm enorm gönnen.

Sie spielten gemeinsam in Thun, Zürich und bei YB. Wie steht es heute um Ihren Kontakt? Er ist nicht mehr ausgeprägt, ab und zu schreiben wir uns eine SMS. Das gehört zum Geschäft. Mit Ronny Hodel war ich bei YB auch mehr als gut befreundet, heute haben wir noch selten Kontakt. Es ist nun einmal ein Kommen und Gehen im Fussball, Beziehungen können sich von einem auf den anderen Tag verändern.

Wie erleben Sie die Arbeit von YB-Sportchef Spycher? Es überrascht mich nicht, dass es so gut läuft. YB kann sich glücklich schätzen, «Wuschu» ist eine Champions-League-Lösung.

Inwiefern? Er hat Erfahrung als Spieler und Talentmanager, kennt den Fussball in- und auswendig. Aber er ist vor allem ein guter Mensch, ­bodenständig und natürlich. Das gibt es in diesem Geschäft nicht oft. Ich hoffe für YB, dass er den Job noch lange macht.

YB ist ungeschlagen Erster, ­dahinter folgt schon der FC Thun. Wie beurteilen Sie den Aufschwung der Oberländer? Wie bei YB kommt auch in Thun der Erfolg nicht von ungefähr. Es wird seriös und bodenständig gearbeitet. Der Club ist ein Beispiel dafür, was sich erreichen lässt, wenn in der Führung fähige Leute am Werk sind.

Erster gegen Zweiter, das Derby am Samstag ist lanciert. Werden Sie in der Stockhorn-Arena sein? Ich möchte. Aber wir spielen am frühen Nachmittag in Lausanne, die Zeit wird knapp. Es wird wohl schwierig werden, ein Ticket zu ergattern.

Ein Anruf von Ihnen in Thun sollte doch für ein Billett ­genügen? So einer bin ich eben gerade nicht, ich würde mich dabei unwohl fühlen. Lieber stehe ich ganz gewöhnlich an der Kasse an.

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