Es wird dunkel um Rodriguez

Die AC Milan fällt immer tiefer. Und mit ihr der Schweizer Nationalspieler, der seinen Stammplatz verloren hat.

Miserable Darbietung in Turin: Milan verliert nach einer Führung 1:2. (Video: AP)

Der Spielertunnel ist ein kleiner Ort der Einsamkeit. Der letzte, bevor es mit einem Kind an der Hand ins Stadion geht, ins Rampenlicht. Ein Ort, an dem sich einer noch einmal sammelt, der andere mit den Spielern des Gegners ein Schwätzchen hält. Oder der letzte Ort, an dem noch einmal die Taktik besprochen wird, oft mit der Hand vor dem Mund, oder in einer anderen Sprache, den geheimen Schlachtplan soll ja niemand mitbekommen.

«Nein, nein, wenn die anderen den Ball haben, verstehst du?», fragt Hakan Calhanoglu also seinen Gesprächspartner auf Deutsch. In wenigen Minuten trifft die AC Milan im Stadio Marcantonio Bentegodi auf Hellas Verona. Der in Deutschland aufgewachsene Türke Calhanoglu hat im Team nur einen Kameraden, der die Frage versteht. Der nickt, zaghaft und scheinbar gedanklich abwesend. Der Schweizer Ricardo Rodriguez hat verstanden.

Rodriguez, der Hoffnungsträger

Rodriguez und Calhanoglu verbindet eine Freundschaft. Als die Mailänder im Sommer 2017 mit Geld um sich warfen, über 200 Millionen für elf Spieler ausgaben, entstand sie. Zwei Männer, fast gleich alt, in ihrer fussballerischen Entwicklung ähnlich weit, beide mit Migrationshintergrund, einer mit Wurzeln in Chile, der andere in der Türkei. Calhanoglu kam aus Leverkusen, Rodriguez aus Wolfsburg, aus der Bundesliga in die Serie A, in diese Mannschaft, die daran nagt, dass sie mal erfolgreich war, die das wieder sein will. Der Türke und der Schweizer waren – gemeinsam mit einer Armada an anderen Zuzügen – so etwas wie Hoffnungsträger, Calhanoglu bekam die Nummer 10, die Nummer, die einst Clarence Seedorf, Rui Costa und Zvonimir Boban trugen. Rodriguez verteidigte auf der Position, wo früher Paolo Maldini, Serginho und Marek Jankulovski ihre Meter abspulten.

Rodriguez und Calhanoglu verbindet auch, dass sie auf dem Platz stets ganz nahe beieinander stehen, ihnen gehört die linke Seite. Doch diese linke Seite ist so etwas wie eine Problemzone im Mailänder Spiel. Schon seit einigen Monaten, vielleicht sogar seit der Transferflut im Sommer 2017. Das liegt daran, dass Rodriguez stagniert hat, auch in der Nationalmannschaft, und daran, dass Calhanoglu die meisten seiner Qualitäten in Leverkusen gelassen hat. Seine früher mal europaweit gefürchteten Freistösse sorgen in Italien für keine Gefahr mehr.

Auch die Führung von Milan, bestehend unter anderem aus den erwähnten Maldini und Boban, hat die linke Seite als die Seite ausgemacht, auf der es einiges zu tun gibt. Das betrifft Calhanoglu, das betrifft Rodriguez. Im Winter kam der Brasilianer Lucas Paqueta, auch einer fürs linke Mittelfeld, im Sommer folgte Theo Hernandez von Real Madrid, ein Linksverteidiger. Auch der Kroate Ante Rebic und der Portugiese Rafael Leao greifen am liebsten über links an. Ein deutliches Zeichen in Richtung Rodriguez und Calhanoglu.

Und der Stammplatz ist weg

Der Saisonstart: miserabel. Zwei Siege aus fünf Partien, jeweils 1:0 gegen die Aufsteiger Brescia und Hellas Verona. Drei Tore erzielt, zwei davon mittels Penalty. Der Tiefpunkt kam am Donnerstagabend. Zum ersten Mal in dieser Saison spielte Milan ansehlichen Fussball, zumindest in der ersten Halbzeit, versuchte dann ein 1:0 zu verwalten. In Turin, nicht gegen Juventus, gegen den FC Turin. Es misslang gründlich, Andrea Belotti traf innert vier Minuten doppelt, Milan war komplett von der Rolle. Der erfahrene Goalie Pepe Reina regte sich auf der Bank dermassen auf, dass er Rot bekam, vorne vergaben Franck Kessié und Krzysztof Piatek hundertprozentige Torchancen.

All das verfolgte Rodriguez von der Bank. Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit. Seit er im Sommer 2017 ankam, verpasste er nur acht Spiele in der Serie A, zwei wegen Sperren, eines wegen einer Verletzung. Sonst spielte er fast immer über 90 Minuten. Er tat es, wie es Rodriguez eben tut: unaufgeregt, aber auch unspektakulär. Defensiv sicher, aber offensiv harmlos. Der Mann, der in Wolfsburg noch mit Flanken glänzte, beschränkte sich in Mailand auf das Wesentliche, zu Penaltys und Eckbällen treten andere an. Er brachte das Brot nach Hause, aber selten ein Dessert. Nicht wenige sagen, Rodriguez, der einst ein Angebot von Real Madrid gehabt haben soll, hätte Mailand verlassen müssen.

Und jetzt also ist Theo Hernandez da. Er ist alles, was Rodriguez nicht ist. Ungemein schnell und dynamisch, aber auch anfällig für Verletzungen und Fehler. Milan ist kein grosser Player mehr, wenn der Verein 20 Millionen für einen Linksverteidiger ausgibt, noch dazu einen, der in der französischen U-21 spielt, dann hat er gute Chancen, Stammspieler zu sein. Zum Saisonstart war er verletzt, beim 0:2 im Derby gegen Inter kam er 20 Minuten vor Schluss für Rodriguez und belebte das Offensivspiel. Wenige Tage später, bei der Niederlage in Turin, hat er den Schweizer schon verdrängt.

Alles falsch gemacht

Gebracht hat es vorerst wenig, auch wenn Hernandez sein Potenzial, das sich meist in galoppartigen Sprints nach vorne offenbart, einige Mal aufblitzen liess. Milan ist nicht mal mehr eine schlechte Kopie von dem, was es einmal war. Der Verein hatte fast überall Probleme, wo ein Verein Probleme haben kann: er gab zu viel Geld aus, darf darum nicht mehr in der Europa League spielen, holte die falschen Spieler. Er vertraute auf einen Chinesen, der eigentlich gar kein Geld hatte und nach einem Jahr wieder weg war. Er wechselt die Trainer mittlerweile in der Kadenz eines Präsidenten aus dem Wallis. Er kratzte an den Denkmälern von Legenden wie Filippo Inzaghi, Gennaro Gattuso und Clarence Seedorf, indem er sie in chaotischen Bedingungen und völlig unerfahren zu Trainern machte. Nur die stets prall gefüllte Südkurve erinnert einen daran, dass hier ein Verein spielt, der die europäische Fussballgeschichte mitschrieb.

Dabei müssen sie in Mailand nicht einmal die Stadt verlassen, um zu sehen, wie es funktionieren könnte. Auch bei Inter war es nicht immer einfach in den letzten Jahren, fussballerisch ist wohl keine Stadt so tief gesunken wie die Modehauptstadt. Doch die Nerazzurri sind auf dem Weg zurück, sind Tabellenführer. Mit Antonio Conte ist ein Trainer von ganz grossem Format da, die Transfers von Romelu Lukaku, Alexis Sanchez und Diego Godin sind eine Kampfansage an die Konkurrenz. Nicht an Milan, dem Stadtrivalen ist Inter schon enteilt.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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