Monopoly in der Premier League

Bevor am Freitag die Saison beginnt, ging es auf dem englischen Transfermarkt nochmals hoch zu.

Neu bei Manchester United: Harry Maguire wirkt ungelenk und ist trotzdem Englands bester Verteidiger. Das macht ihn enorm kostspielig. Foto: Getty Images

Neu bei Manchester United: Harry Maguire wirkt ungelenk und ist trotzdem Englands bester Verteidiger. Das macht ihn enorm kostspielig. Foto: Getty Images

Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Es ist der Tag, bevor die neue Saison anfängt. Es ist ein hektischer Tag, weil in England um 17 Uhr Lokalzeit das Transferfenster schliesst. Paolo Dybala soll vor einem Wechsel zu Tottenham stehen. Zumindest verkündet der «Daily Telegraph» am Morgen: «Sein Wechsel zu Tottenham rückt näher.» Sieben Minuten später verkündet die Zeitung zerknirscht: «Der Wechsel ist geplatzt.» Der Argentinier bleibt, wo er ist, bei Juventus. Er hatte mit einer Forderung von 420'000 Franken pro Woche seine Karten überreizt.

Dafür ist nun Romelu Lukaku seit gestern da, wo er angeblich immer hinwollte. «Inter ist nicht für jeden», sagt er auf Twitter, «darum bin ich hier.» 89 Millionen überweisen die Mailänder für den Belgier, der seinen Abgang bei Manchester United mit einem Streik erzwang. Zuletzt trainierte er ohne Erlaubnis der United bei Anderlecht und wurde dafür mit einer knappen halben Million gebüsst, er kann es verkraften. Der Betrag entspricht für ihn zwei bisherigen Wochenlöhnen. Bei Inter erhält er einen Fünfjahresvertrag.

Keine 120 Millionen für Zaha

Unterdessen lehnt sich Roy Hodgson aus dem Fenster seines Autos, als er im Süden von London das Trainingszentrum von Crystal Palace verlässt und vermeldet: «Zaha bleibt.» Wilfried Zaha ist der Spieler, der am Mittwoch nicht zur Arbeit erschien, weil er lieber zu Everton gewechselt hätte. 84 Millionen boten die Liverpooler, aber Palace forderte 120 Millionen.

Palace-Coach Hodgson sagt: «Zaha wird damit fertigwerden, dass er bei uns bleibt. Er hat einen langfristigen Vertrag, und wenn man einen solchen Vertrag unterschreibt, sollte man ihn respektieren.» Zaha ist ein spektakulärer Stürmer, schnell, torgefährlich. Im Sommer 2018 ging er einen Vertrag mit Palace ein, der ihm in fünf Jahren 40 Millionen einbringt.

Sané würde Bayern total 220 Millionen kosten. Jetzt aber hat der Spieler von City ein kaputtes Kreuzband.

So ist das in der englischen Premier League, wo es wegen der Milliarden vom Fernsehen längst zu- und hergeht wie beim Monopoly. Hunderte von Millionen werden noch am letzten Transfertag umgesetzt. Nur Jürgen Klopp ist entspannt, Liverpools Trainer sagt: «Wir prüften Optionen und trafen Entscheide. Es passierte nichts, weil das Passende nicht dabei war.» Der Champions-League-Sieger begnügte sich darum, die Nachwuchsspieler Sepp van den Berg (Zwolle) und Harvey Elliott (Fulham) zu verpflichten. Zusammen kosten sie um die 10 Millionen, für Liverpool ist das Kleingeld.

Andere Clubs sind da weit spendabler. Everton legt für vier Spieler knapp 100 Millionen aus, unter ihnen das grosse italienische Talent Moise Kean von Juventus Turin. Manchester City kommt für die gleiche Anzahl Spieler auf knapp 162 Millionen, jeweils um die 72 Millionen sind es für ­Rodri von Atlético Madrid und Joao Cancelo von Juventus. Dabei sah es lange danach aus, als sei City auf dem Transfermarkt untätig.

James so teuer wie Shearer

Nur eines ist beim Meister der letzten zwei Saisons offen: Was passiert mit Leroy Sané? Die «Bild» begleitet das Werben von Bayern München um den deutschen Nationalstürmer seit Wochen, als wäre der mindestens ein neuer Messi. 220 Millionen stehen für Ablöse und Gehalt über fünf Jahre im Raum. Am Sonntag aber hat sich Sané im englischen Supercup gegen Liverpool nach wenigen Minuten das vordere Kreuzband angerissen. Er braucht eine Operation. Und darum ist in seinem Fall alles weiter unklar.

Manchester United gönnt sich drei neue Spieler, um den Angriff auf die Spitze der Liga zu starten. Daniel James von Swansea ist mit 15 Millionen Pfund, umgerechnet 18 Millionen Franken, ein Schnäppchen. Das ist deshalb von Bedeutung, weil Alan Shearer 1996 mit 15 Millionen Pfund noch der teuerste Spieler der Welt war, als er von Blackburn zu Newcastle ging. Shearer ist mit 260 Toren bis heute der erfolgreichste Stürmer der Premier League, James ist ein 21-Jähriger ohne Leistungsausweis.

Aaron Wan-Bissaka liess sich die United 54 Millionen Franken kosten, Wan-Bissaka ist ein Rechtsverteidiger, 21-jährig, er hat gerade einmal eine gute Saison für Crystal Palace hinter sich. Und da ist noch Harry Maguire, ein Verteidiger und nicht zuletzt auch Engländer. Spieler mit englischem Pass sind seit vielen Jahren im Verhältnis noch teurer als ausländische. Bei Maguire heisst das: 96 Millionen und damit der teuerste Verteidiger der Welt.

Harry Maguire, 1,94 m, 100 Kilo mit 96 Millionen ist er auf einmal der teuerste Verteidiger der Welt.

Maguire ist 1,94 m gross, 100 Kilo schwer, er wirkt ungelenk und ist trotzdem der beste Verteidiger im Nationalteam. Auch Pep Guardiola interessierte sich für den Mann von Leicester, weil er im Abwehrzentrum eine Lücke hat. Schliesslich entschied der Trainer von Manchester City, dass Maguire zu teuer ist. Die United bindet den 26-Jährigen mit einem Sechsjahresvertrag, der über 70 Millionen wert ist.

Baustellen bleiben beim englischen Rekordmeister trotzdem. Eine ist: Wie reagiert Paul Pogba darauf, dass er weiter im Old Trafford ist und trotz aller Bemühungen nicht im Bernabéu, weil Real Madrid für ihn nicht 190 Millionen auslegen wollte? Und vor allem fragt sich: Ist Ole Gunnar Solskjaer wirklich der richtige Trainer, um die United neu aufzubauen?

Als er letzten Dezember vorerst interimistisch die Nachfolge von José Mourinho antrat, schienen die Spieler froh zu sein, nicht mehr unter der Fuchtel des griesgrämigen Portugiesen zu stehen, und eilten von Sieg zu Sieg. Kaum aber hatte Solskjaer im März einen Vertrag bis 2022 erhalten, kassierten sie schwerwiegende Niederlagen, welche die Teilnahme an der Champions League kosteten. Eine Antwort, was von der neuen United zu erwarten ist, gibt nun immerhin Guardiola. Er sagt: «Mit Maguire ist sie ein Titelkandidat.»

Die Fragen bei den Verfolgern

Die ganz grossen Favoriten bleiben Guardiolas Mannschaft und der FC Liverpool. Dahinter folgen neben der United mit Arsenal, Chelsea und Tottenham die üblichen Verdächtigen für einen Spitzenplatz.

Wobei sich überall Fragen stellen: Hätte Arsenal die 86 Millionen für Flügelstürmer Nicolas Pépé von Lille nicht lieber in die Abwehr investiert? Wozu ist Chelsea unter Frank Lampard fähig, der an der Stamford Bridge zwar als Spieler eine Ikone, aber als Trainer unerfahren ist? Und Tottenham? Hat es mit Tanguy Ndombele (Lyon), Giovani Lo Celso (Betis Sevilla) und Ryan Sessegnon (Fulham) für 120 Millionen die Spieler geholt, die reichen, um den Titel zu gewinnen?

Was nach diesem Transfersommer übrigens als Fazit bleibt: Die 20 Clubs gaben 1,7 Milliarden Franken für neue Spieler aus.

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