Zum Hauptinhalt springen

Neue Welt, grosser Spass

Fabio Celestini schwärmt nach den ersten vier Wochen von den Bedingungen beim FC Luzern – am Samstag will der 44-jährige Trainer gegen die Young Boys eine mutige Mannschaft sehen.

Fabio Celestini
Fabio Celestini
Keystone

Über ihn ist vieles gesagt und geschrieben worden. Früher, als Spieler, hiess es, er sei eher ein reservierter, zurückhaltender Typ. Und später, als Trainer, wurde ihm sein Auftreten auch schon als Arroganz ausgelegt.

Darum die Frage zum Einstieg: Wie charakterisieren Sie sich selber, Fabio Celestini? Er setzt ein Lachen auf und nennt umgehend zwei Adjektive: «Ehrlich und arbeitsam.» Dann lässt er sich ein paar Sekunden Zeit, bis ein drittes folgt: «Authentisch.»

Er sagt das Wort, das so häufig verwendet wird, nicht einfach dahin. Nein, Celestini legt Wert auf die Bemerkung, dass er tut, was er will. Das ist ihm darum wichtig, weil es in seinem Leben Phasen gab, in denen er anders funktionierte und glaubte, er müsse auch den Ansprüchen anderer gerecht werden.

Jetzt ist er 44 und hat seine Prinzipien. Zum Beispiel hat er sich angewöhnt, nichts mehr über sich und seine Mannschaft zu lesen. Das be­gründet er primär mit Selbstschutz: «Jeder, der behauptet, Kritik lasse ihn unberührt, schwindelt. Also sage ich mir: Verzichte auf die Lektüre, dann musst du dich auch nicht aufregen.»

Überhaupt will er keine Energie verschwenden für Dinge, die sich ohnehin nicht ändern lassen. Mediale Auftritte gehören zu seinem Aufgabengebiet, aber sie zählen nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Celestini wirkt zwar souverän und eloquent, aber er vermisst zuweilen die Bereitschaft und das Wissen der Journalisten, sich intensiver mit der Materie auseinander­zusetzen.

Positive Töne nach dem 2:7

Massgebend sind für ihn ohnehin nicht die Urteile von Aussenstehenden, sondern jene seiner Mitarbeiter, der Assistenten, der Spieler. Celestini ist jemand, der ein Spiel sezieren kann und selbst nach einer hohen Niederlage bemerkenswerte Schlüsse zieht.

Im August 2016 etwa verlor er mit Lausanne bei YB 2:7. Was für eine Ohrfeige! Aber auf der Heimfahrt im Bus schaute er sich den Match nochmals an und kam zur Einsicht: «Klammern wir unsere Fehler aus, die zu vier Gegentoren führten, haben wir ein starkes Spiel abgeliefert.»

Am anderen Morgen, als er die Mannschaft vor sich hat, will er deren Einschätzung hören. Ein Spieler hebt den Arm und antwortet: «Sorry, aber ich fand, dass unsere Leistung ganz gut war.» Fünf weitere melden sich, auch sie finden, dass sie schlecht belohnt worden sind.

Über die Reaktionen freut sich Celestini. Weil sie ihm zeigen, dass er mit seiner Meinung nicht allein ist. Dass die Spieler seine Ideen sehr wohl verstanden haben. Für ihn bedeutet das: «Man kann ver­lieren, und trotzdem muss nicht alles schlecht sein.»

Celestini lernte als Spieler in der Fremde, in Frankreich und in Spanien, er hatte namhafte Trainer wie Alain Perrin oder Michel, Bernd Schuster oder Michael Laudrup. Perrin war der kluge Taktiker, Michel der Mann der Emotionen, Schuster pflegte einen beeindruckenden Umgang gerade mit Leistungsträgern, Laudrup setzte auf Kreativität und Ballbesitz. Als Trainer fing der 35-fache Nationalspieler in Malaga als Assistent Schusters an, bevor er selber Chef wurde und nun, via Lausanne und Lugano, in Luzern gelandet ist.

Seit vier Wochen ist er im Amt und angetan von dem, was er in der Zentralschweiz angetroffen hat. Er lobt explizit die Strukturen des Vereins, die Professionalität der Mitarbeiter, die Infrastruktur, «es ist eine andere Welt als damals in Lausanne oder auch zuletzt in Lugano», sagt er.

Der Reiz der Deutschschweiz

Als Celestini im Sommer noch im Tessin unter Vertrag stand, sass er hinter dem Schreibtisch seines Büros, das eng und frei von jedem Luxus war. «Es würde mich reizen, einmal ein Team mit Deutschschweizer Mentalität zu übernehmen», sagte er, «Mannschaften aus diesem Landesteil lassen den Gegner kaum einmal durchatmen. Die Westschweizer können zwar sehr gut Fussball spielen, verlieren aber schneller die Lust, wenn es nicht läuft. Oder finden eine Ausrede.»

Als Remo Meyer ihn anrief, war Celestini in den Ferien bei seiner Familie in Panama. Lange überlegen musste er nicht, ob er das Angebot annehmen sollte. Natürlich wollte er, weil er nicht das Gefühl hatte, ausgelaugt zu sein.

Hinter ihm lag das Kapitel Lugano, das Präsident Angelo Renzetti im Oktober beendete. Die Entlassung schmerzte Celestini, aber er hegt keinen Groll gegenüber Renzetti: «Ich glaubte daran, die Wende zu schaffen. Aber der Präsident fand, er müsse handeln. So ist Fussball.»

Dabei hat Celestini klare Vorstellungen, wie ein Club idealerweise funktioniert. «Jeder soll dafür schauen, dass es in seinem Bereich läuft», sagt er. Als Trainer kümmert er sich um alle sportlichen Belange, «aber ich bin keiner, der nur befiehlt. Ich tausche mich regelmässig mit den Assistenten aus, aber auch mit den Spielern. Sie müssenmit meinen Ideen einverstanden sein.»

Eine Einheit sein

Gegen YB gibt er eine Woche nach dem 3:2 in Zürich den Einstand im eigenen Stadion. Über den Meister verliert Celestini nicht viele Worte, «das ist eine Mannschaft mit enormer Qualität». Er verlangt von den Luzernern, dass sie sich auflehnen. Dass sie mutig sind. Dass sie spielerische Lösungen anstreben. Und dass sie – vor allem das – zu jeder Zeit als solidarische Einheit auftreten.

Celestini zeigt Leidenschaft für Luzern, für einen Club, «der verankert und für die Region ein Stück Kultur ist». Er ist getrieben vom Ehrgeiz, mit dem FCL den Vorwärtsgang einzuschalten. Möglichst schnell. Und darum kommt ihm gelegen, dass er einen kurzen Arbeitsweg hat. In wenigen Minuten erreicht er von seiner Stube sein Büro – er hat in einem der zwei Türme neben dem Stadion eine Wohnung bezogen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch