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«Schweden weiss, wer wir sind»

Die Schweizer sind nach dem Erreichen des Achtelfinals erleichtert und trotzdem nicht euphorisch – sie sind selbstkritisch und trotzdem selbstbewusst, wie die Aussage von Josip Drmic zeigt.

Unterschiedliche Gefühle, gleiches Ziel: weiterkommen. Petkovic, Drmic, Dzemaili, Xhaka, Sommer, Behrami (im Uhrzeigersinn von links oben). Fotos: Keystone (3), Reuters (2), Getty Images (1)
Unterschiedliche Gefühle, gleiches Ziel: weiterkommen. Petkovic, Drmic, Dzemaili, Xhaka, Sommer, Behrami (im Uhrzeigersinn von links oben). Fotos: Keystone (3), Reuters (2), Getty Images (1)

Es ist ein kurzer Flug zurück, von der Wolga in Nischni Nowgorod an die Wolga in Toljatti. Die Erleichterung begleitet die Schweizer Delegation am Tag nach dem 2:2 gegen Costa Rica, mit dem Achtelfinal das Minimalziel erreicht zu haben. Und natürlich auch die Aussicht auf das, was kommt: dieses K.-o.-Spiel am nächsten Dienstag in St. Petersburg gegen Schweden. Vladimir Petkovic sagt: «Ich hoffe, wir begeistern die Zuschauer, und sie sehen, dass wir attraktiven Fussball spielen können.»

Vladimir Petkovic: Der Prognostiker

Im März übte sich Vladimir Petkovic als Prophet. «Es wird uns gut gehen dort», sagte er der NZZ. Dort: in Toljatti, wo Russland fernab der Weltmetropolen Moskau und St. Petersburg richtig russisch ist. Und es geht den Schweizern gut hier. Die Einsamkeit hat ihnen sportlich nicht geschadet. Die Gruppenspiele haben sie unbesiegt überstanden. Und sie haben auch sonst alles überstanden, was nicht unbedingt nach Plan lief.

Die Überforderung gegen Brasilien während der ersten Halbzeit, der schlechte Start gegen Serbien, die erste Hälfte gegen Costa Rica, die grosse Fragezeichen aufwarf – all das hat sie nicht aus der Bahn geworfen. Und eine Krisensituation haben sie mit der Adler-Affäre auch schon gemeistert. Sie sind nie auseinandergebrochen, nicht wie noch an der WM 2014 beim 2:5 gegen Frankreich. Sie haben inzwischen eine Widerstandskraft, die ein Trumpf sein kann.

Was das Potenzial der Mannschaft sei, wird Petkovic nach dem 2:2 gegen Costa Rica gefragt. Er sitzt vor der Presse, wie er das immer tut, er gönnt sich keine Gesten oder Mienenspiele, die auf seine Gemütslage schliessen liessen.

Er sagt: «Zuerst müssen wir eine bessere Leistung zeigen als gegen Costa Rica. Wir brachten uns aus eigenem Verschulden in Schwierigkeiten. Wir wollten das Spiel zu wenig gewinnen. In einigen Situationen versuchten wir, es zu verlieren. Aber im Augenblick ist es für uns schwierig zu verlieren. Auch in Momenten, in denen wir nicht gut spielen, sind wir stark ­genug, zu reagieren und in Führung zu gehen.»

Aber was war los mit der Mannschaft? Wieso war sie nicht bereit? War sie blockiert? War sie überheblich?

Schwierig zu sagen, ob es dies oder das gewesen sei, sagt Petkovic, wahrscheinlich sei es eine Mischung aus allem gewesen. Aber zu tief will er das auch nicht analysieren, er will es einfach als Tatsache nehmen, dass es so nicht geht, und sagt: «Und im nächsten Spiel, da bin ich überzeugt, werden wir wieder viel, viel besser sein.»

Gegen Schweden muss er Umstellungen vornehmen, weil Stephan Lichtsteiner und Fabian Schär nach ihren zweiten Gelben Karten gesperrt sind. Als erste Ersatzleute für die Plätze in der Abwehr stehen Michael Lang und Johan Djourou bereit. Petkovic sagt: «Ich gebe allen Spielern gerne mein Vertrauen.»

Valon Behrami: Der Mahner

Eine Stunde lang steht Valon Behrami gegen Costa Rica auf dem Platz, dann wird er ausgewechselt wie später auch Xherdan Shaqiri. Nach Stephan Lichtsteiner will Petkovic nicht auch noch eine zweite oder gar dritte Führungskraft wegen einer zweiten Verwarnung gegen Schweden ersetzen müssen.

Behrami ist nicht unglücklich, dass er beim Stand von 1:1 ausgewechselt wird. Mit seinem aggressiven Stil muss er immer aufpassen, nicht bestraft zu werden, wie ihm das gegen Neymar passierte. In zwei, drei Szenen geht er nicht so in den Zweikampf, wie er das sonst tut. Er will nichts riskieren.

Behrami ist froh, dass dieses Spiel vorbei ist, das erste nach der Aufregung um den Jubel von Xhaka und Shaqiri. Während der schwierigen Phase denkt er einmal drei Sekunden lang daran: «Die Vorbereitung ist vielleicht doch nicht so optimal gewesen.» Er erzählt es mit einem feinen Lächeln.

In seiner Analyse beschäftigt er sich mit dem, was die Schweizer noch lernen müssen. Ihm gefällt nicht, dass sie in ­jedem Moment die spielerische Lösung suchen wollen, er verlangt, dass sie auch einmal den Ball lang spielen, um sich vom gegnerischen Druck zu befreien. «Wenn wir das machen, kommt es nicht zu dem Corner, der zum 1:1 führt.»

Seine Botschaft heisst nun: «Wir müssen wachsen. Wir müssen lernen, das Spiel zu lesen. Das macht den Unterschied zwischen einer grossen Mannschaft und einer Mannschaft, die gross sein will.»

Ihm ist nicht entgangen, dass das Team mit zu viel Vertrauen ins Spiel gegangen ist. «Wir sind ein wenig arrogant gewesen», bekennt er. «Aber besser passiert das jetzt als gegen Schweden.» Die Schweden kennt er von der Barrage, als sie Italien rauswarfen. Seine Stichworte, die ihm zu ihnen einfallen: physisch sehr stark, sehr solidarisch, konterstark, laufstark, sehr direkt in ihrem Spiel.

Behrami sagt in der Sportlersprache: «Schweden ist machbar. Wir haben eine grosse Chance, den nächsten Schritt zu machen. Nur müssen wir wissen: Mit zu viel Selbstvertrauen geht es auch nicht.»

Blerim Dzemaili: Der Erleichterte

Gegen Costa Rica bestreitet Blerim Dzemaili sein 68. Länderspiel. Er schiesst sein 11. Tor, eines seiner wichtigsten überhaupt. Es ist das 1:0 mitten in einer Phase, in der bei der Schweiz so gut wie nichts zusammengeht. Es fällt der Schweiz in den Schoss, allerdings nach einem wunderbaren Angriff über Shaqiri, Lichtsteiner und Embolo. Coach Petkovic sagt: «Jedes Mal, wenn wir spielten, was wir können, wurden wir gefährlich.»

Dzemaili wird zum Mann des Spiels ausgerufen. Das tut ihm gut, weil er nur sehr schwer in diese WM gefunden hat. In den ersten beiden Partien gelang ihm nicht viel. Gegen Costa Rica ist er eine halbe Stunde lang unsichtbar. Dann liegt der Ball nach Embolos Ablage perfekt für ihn da. Und als er ihn sieht, sechs Meter vor dem Tor, bricht alles aus ihm heraus. «Der ganze Frust der letzten Spiele lag in diesem Schuss», sagt er. Es ist vor allem der Frust über die vergebenen Chancen gegen Serbien, der sich entlädt. Als der Ball im Tor ist, fühlt er sich «sehr, sehr glücklich». Was banal tönt, bedeutet ihm viel.

Dzemaili und das Nationalteam, das ist oft eine komplizierte Geschichte gewesen. Als er im März 2006 debütierte, fürchtete er sich noch vor den gestandenen Spielern, vor Zuberbühler, Vogel, Cabanas, Wicky, Frei. Er verletzte sich schwer am Kreuzband und verlor den Anschluss. Die WM 2010 verpasste er wegen eines Innenbandrisses. Als er im März 2013 gegen Zypern wieder einmal nur Ersatz war, war er derart verärgert, dass sein Berater ihm gut zureden musste, nicht gleich zurückzutreten. An der WM in Brasilien vergab er in der 121. Minute des Achtelfinals gegen Argentinien den Ausgleich.

Die Wende in seinem Kampf um Anerkennung und Einsätze kommt zwei Jahre später. Vor der EM in Frankreich stellt Petkovic ihn als Nummer 10 auf. Dzemaili spürt, was ihm zuvor so oft ­gefehlt hat: Vertrauen. Seither hat er noch 4 von 26 Länderspielen verpasst.

In Nischni Nowgorod sagt er: «Diese WM ist voller Überraschungen. Und wir können die Überraschungsmannschaft sein.»

Yann Sommer und Josip Drmic: Die Fünfeinhalber

Der eine steht ganz hinten, und der andere wirbelt ganz vorne. Viele Meter trennen sie auf dem Platz. Was sie gegen Costa Rica eint, ist die Note: Beide kriegen eine 5–6.

Yann Sommer ist der Mann im Tor, einer der Sonderklasse. Das hat er oft schon bewiesen. An dieser WM gelingt ihm das zum dritten Mal im dritten Spiel. Es ist wieder ein Kopfball, der ihn zu einer Glanzparade zwingt. Nach jenen von Neymar, Firmino und Mitrovic ist es diesmal der von Borges. Sommer sagt: «Ich muss mir die Parade nochmals anschauen, aber sie ist eine der schöneren in meiner Karriere.»

Josip Drmic ist der Mann ganz vorne, einer mit bewegter Geschichte. Wegen seiner zwei schweren Knorpeloperationen fiel er zwischen März 2016 und November 2017 insgesamt 16 Monate aus. Über Monate bereitete er sich intensiv darauf vor, an der WM auf höchstem Niveau mithalten zu können, jetzt weiss er: «Ich kann es.»

Nach Haris Seferovic und Mario Gavranovic ist er der dritte Spieler, der als Sturmspitze zum Einsatz kommt. Seferovic enttäuschte eineinhalb Spiele. Gavranovic glänzte gegen Serbien und bekam gegen Costa Rica kaum einen Ball. Drmic müssen 21 Minuten reichen, um Werbung in eigener Sache zu machen. Und es gelingt ihm: zuerst mit einem wuchtigen Kopfball an den Pfosten, dann mit seinem Tor zum 2:1, das die Klasse verrät, die in ihm steckt. Schon die Vorarbeit ist hervorragend.

Danach sagt Drmic: «Der Trainer weiss, was er an mir hat. Wir wissen aber auch, dass wir eine Riesenqualität in der Mannschaft haben. Und Schweden weiss, wer wir sind.»

Granit Xhaka: Der Bissige

Gegen Brasilien enttäuschte Granit Xhaka. Er spielte nur 59 Pässe und war wirkungslos. Er sagte: «Ob wir Glück hatten, ist mir scheissegal.»

Gegen Serbien überragte er. Er spielte 90 Pässe, davon 80 erfolgreich. Er machte den Doppeladler und sagte: «Das war keine Mitteilung an den Gegner. Der war mir scheissegal.»

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Gegen Costa Rica ist er 102-mal am Ball. Das ist ein Zeichen dafür, dass er immer anspielbar ist. Ihm unterläuft nur ein Fehlpass. In Erinnerung ist trotzdem kein Glanzstück aus seinem Spiel. Er sagt: «Wir sind sehr souverän durch unsere Gruppe gekommen. Vielleicht seht ihr das anders. Aber das ist mir scheissegal.»

Xhaka ist schon gesprächiger gewesen. Viele Posts, die im Zusammenhang mit dem Serbien-Spiel unter seinem ­Namen in Umlauf gebracht wurden, sollen ihm untergejubelt worden sein. Er lässt keinen Zweifel daran: Das Thema ist für ihn erledigt. Nachfragen mag er darum nicht. Lieber sagt er: «Wir haben unser erstes Ziel erreicht. Über das zweite ­haben wir noch nicht geredet. Jetzt müssen wir uns auf Schweden gut vorbereiten.»

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