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Seine letzte Chance

José Mourinho provoziert und polarisiert. Nach enttäuschenden Jahren muss er bei Tottenham liefern – sonst gehen ihm die Argumente aus.

Seit Ende November ist Mourinho Trainer bei Tottenham Hotspur. Seit er das Zepter bei Tottenham Hotspur in der Hand hält, geht es aufwärts für die Londoner.
Seit Ende November ist Mourinho Trainer bei Tottenham Hotspur. Seit er das Zepter bei Tottenham Hotspur in der Hand hält, geht es aufwärts für die Londoner.
Matt Dunham, Keystone
Begonnen hat aber alles mit dem FC Porto. Mit dem damals erst 41-jährigen Trainer gewann der Club überraschend die Champions League.
Begonnen hat aber alles mit dem FC Porto. Mit dem damals erst 41-jährigen Trainer gewann der Club überraschend die Champions League.
Keystone
Im letzten Jahr arbeitete er als TV-Experte – und genoss bei einem Auftritt in Manchester eine freundliche Begrüssung der Fans.
Im letzten Jahr arbeitete er als TV-Experte – und genoss bei einem Auftritt in Manchester eine freundliche Begrüssung der Fans.
Martin Rickett, Keystone
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Es gab Tage, da hätten sie ihn mit offenen Armen empfangen. Ja, es hätte wohl eine mediale Kampagne gegeben, ihn doch bitte, bitte zu verpflichten. Aber nein, jetzt, wo bereits über mögliche Nachfolger von Lucien Favre in Dortmund spekuliert wird, schreibt beispielsweise «Bild»: «Mit José Mourinho würde sich Borussia Dortmund keinen Gefallen tun.» Und Bayern München macht bis zur Winterpause lieber mit Interimslösung Hansi Flick weiter, als den Portugiesen an die Säbener Strasse zu locken.

Das sagt viel über den neuen Stand des einstigen Erfolgstrainers.

Als Mourinho 2010 mit Inter Mailand die Champions League gewann (nach 2004 mit Porto zum zweiten Mal in seiner Karriere), da war er noch die ganz grosse Nummer im Weltfussball. Sein Name verspreche Erfolg; so zumindest lautete die öffentliche Wahrnehmung von dem Mann, der sich selber als «The Special One» vorstellte. Dabei spielte es keine Rolle, dass der Fussball seiner Teams so aufregend war wie Steuererklärungen auszufüllen. Nein, der Unterhaltungsfaktor sass auf der Bank. Besonders nach Siegen konnte er so ausgelassen und provozierend feiern, dass die eigenen Anhänger ihn noch mehr verehrten, seine Kritiker allerdings zahlreicher wurden. Doch diese wurden nicht zu laut, solange die Resultate stimmten. Doch das taten sie zuletzt nicht mehr.

«Mourinho blamiert den Verein!»

2015 gewann er seinen letzten Ligatitel, das war ein halbes Jahr, bevor er bei Chelsea trotz Vertrags bis 2019 entlassen wurde. Als die Chelsea-Bosse keinen anderen Ausweg als die Trennung sahen, lag der damalige Titelverteidiger mit 15 Punkten aus 16 Spielen auf dem 16. Rang – einem Abstiegsplatz. Und auch die nächste Station, Manchester United, war alles andere als von Erfolg gekrönt. Zwar gewann er 2017 Ligacup und Europa League; beide Titel passen aber so gar nicht zu den grossen Tönen, die der 56-Jährige spuckt. Stimmen die Resultate nicht, fehlen dem Exzentriker, der für destruktiven Fussball steht, schnell die Argumente. Kurz vor seiner Entlassung schimpfte Man-United-Legende Paul Scholes: «Mourinho blamiert den Verein!»

«Wenn ich einen einfachen Job gewollt hätte, wäre ich in Porto geblieben: Wunderschöner, blauer Stuhl, die Champions-League-Trophäe, Gott und nach Gott ich!»(bei seiner Vorstellung als neuer Trainer beim FC Chelsea 2004)
«Wenn ich einen einfachen Job gewollt hätte, wäre ich in Porto geblieben: Wunderschöner, blauer Stuhl, die Champions-League-Trophäe, Gott und nach Gott ich!»(bei seiner Vorstellung als neuer Trainer beim FC Chelsea 2004)
Facundo Arrizabalaga, Keystone
«Bitte nennen Sie mich nicht arrogant, ich habe die Champions League gewonnen. Ich glaube, ich bin The Special One.»
«Bitte nennen Sie mich nicht arrogant, ich habe die Champions League gewonnen. Ich glaube, ich bin The Special One.»
Jasper Juinen, Keystone
«Manchmal siehst du schöne Menschen ohne Hirn, manchmal hässliche, die intelligent sind wie Wissenschaftler. Auf dem Spielfeld ist es ähnlich. Von oben ist es eine Schande, aber der Ball rollt.» (mit Wayne Rooney 2016 bei Manchester United).
«Manchmal siehst du schöne Menschen ohne Hirn, manchmal hässliche, die intelligent sind wie Wissenschaftler. Auf dem Spielfeld ist es ähnlich. Von oben ist es eine Schande, aber der Ball rollt.» (mit Wayne Rooney 2016 bei Manchester United).
Rui Vieira, AFP
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Dabei half nicht, dass Mourinho sich in Manchester, wie zuvor schon bei Real Madrid und Chelsea, mit seinen grossen Stars anlegte. In Madrid rasierte er Goalie-Ikone Iker Casillas, bei United hiess sein teaminternes Lieblingsopfer Paul Pogba – mit 105 Millionen Euro Ablöse der teuerste Spieler der Vereinsgeschichte.

Sogar Klopp und Lampard kritisiert

Jetzt ist Mourinho also zurück in der Premier League. Und die grosse Frage lautet: Kann er es noch? Nicht die Sprüche, da zeigte er als Dazn-Experte, dass er die noch draufhat. Kurz vor Liverpools Champions-League-Sieg ätzte er gegen Jürgen Klopp («Er gewinnt absolut nichts») und kritisierte die Aufstellung seines früheren Lieblingsspielers Frank Lampard, mittlerweile Chelsea-Coach.

War er schon zuvor bei ausbleibenden Resultaten angreifbar, so ist Mourinho nach seiner zwischenzeitlichen Rolle als besonders kritischer Kritiker noch mehr zum Siegen verdammt. Liefert er nicht, dürfte er künftig für die europäischen Grossclubs kein Thema mehr sein. Und zwar nicht nur für Bayern und Dortmund.

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Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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