Statisten in der Gute-Laune-Geschichte

Thun geht bei YB 1:5 unter. Die Young Boys können nun nächstes Wochenende aus eigener Kraft Meister werden.

Zwei Teams, zwei Gefühlswelten: Während die Young Boys einen grossen Sieg feiern, bleibt Thun nur der Frust . Fotos: Christian Pfander

Zwei Teams, zwei Gefühlswelten: Während die Young Boys einen grossen Sieg feiern, bleibt Thun nur der Frust . Fotos: Christian Pfander

Dominic Wuillemin

Es hätte die Story dieses Derbys werden können, das nicht wenigen Stoff für positiv konnotierte Geschichten bot: das Duell der ungleichen Torjäger Guillaume Hoarau und Dejan Sorgic.

Der Fussballkanton Bern blüht, auch das vierte Aufeinandertreffen in dieser Saison im fast vollen Stade de Suisse ist eines zweier Clubs, die mit sich im Reinen sind. Und so einen starken Kontrastpunkt zu Zürich setzen, wo das 1:1 im Stadtderby am Samstagabend im halb leeren Letzi­grund nur eines hinterlässt: Unzufriedene.

Was den Zürchern Clubs auch fehlt, das wissen die Berner Teams in ihren Reihen, einen Stürmer, der regelmässig trifft. Hier Hoarau, der 2014 scheinbar im Herbst seiner Karriere zu YB gekommen war und seither Jahr für Jahr wieder aufs Neue seinen zweiten Frühling erlebt. Da Sorgic, 2016 noch Stürmer in Kriens, dessen rapider Aufstieg von den Provinzplätzen bis rauf zur Spitze der Torschützenliste wie ein Märchen anmutet.

Doch als Sorgic in der 71. Minute eingewechselt wird, ist das Derby längst entschieden, hat Hoarau seine Saisontreffer 17. und 18. erzielt, den Vorsprung auf Sorgic auf drei Treffer ausgebaut. Der Thuner Stürmer kommt bei seinem Teileinsatz nicht einmal in die Nähe eines Tores.

Das Duell der Goalgetter ist ebenso einseitig, wie es das Derby ist. Thuns Trainer Marc Schneider spricht von einem Klasseunterschied. Und sagt: «Ein 1:5 sieht schlimm aus, aber wir müssen ehrlich sein: Es hätte noch schlimmer kommen können.»

Schneiders Plan

Schneider blickt auf einen Nachmittag, der Fragen aufwirft. Die erste, warum er seinen Torjäger nicht von Anfang an nominierte, kann er rasch beantworten. Weil Sorgic am Donnerstagabend bei der 1:2-Heimniederlage gegen Sion durchgespielt hatte, erachtete der Trainer das Verletzungsrisiko beim anfälligen Stürmer als zu hoch.

Die zweite Frage, wie es möglich ist, die desaströse erste Halbzeit gegen Sion noch zu toppen, dürfte ihn hingegen noch länger beschäftigen.

Ohne Sorgic stellte Schneider sein Team in einem 3-5-2-System auf. Die schnellen Stürmer Marvin Spielmann und Dennis Salanovic sollten in die Räume hinter der aufgerückten YB-Abwehr stossen, die Thuner Defensive, die im Spiel gegen den Ball zu einer Fünferkette wurde, ein Berner Übergewicht verhindern. So lautete der Plan.

Es vergehen 10 Minuten, dann hat sich diese Idee als untauglich erwiesen. Nach Toren von Djibril Sow und Hoarau führt der Meister 2:0, die Oberländer Defensive, unsortiert und orientierungslos, wirkt wie ein Hühnerhaufen. Zu Schneiders Entlastung muss festgehalten werden: Ein System kann nie etwas taugen, wenn die Spieler nicht imstande sind, es mit Einsatz und Willen auszuführen.

Seoanes Schwärmen

Ganz anders die Berner, denen eine beeindruckende Demons­tration ihrer Stärke gelingt. Von der ersten Sekunde an sind sie präsent und präzis, ein Rädchen greift in das andere, der Meisterexpress läuft erstmals seit Wochen wieder auf Hochtouren.

Rasch wird klar, einen Last-Minute-Treffer benötigen die Young Boys diesmal nicht. Sinnbildlich für den Auftritt der Stadtberner ist das 3:0 Sandro Laupers in der 22. Minute. Der Mittelfeldspieler, in Thun gross geworden, trifft herrlich von der Strafraumgrenze aus – mit links, seinem schwächeren Fuss notabene.

YB-Trainer Gerardo Seoane redet von einem tollen Nachmittag, die Stimmung sei beeindruckend gewesen. Er klingt ungewohnt schwärmerisch. Etwa, als er sagt: «Was für eine Wucht meine Mannschaft entwickeln kann, wenn sie mal Fahrt aufnimmt...»

Die Thuner haben dem nichts entgegenzusetzen, sie dürfen froh sein, nimmt der Gegner phasenweise den Fuss vom Gaspedal, gelingt ihm in der zweiten Halbzeit nicht mehr alles. Thorsten Schick ermöglicht mit einem nonchalanten Querpass Salanovics Ehrentreffer, einmal verzieht Christian Fassnacht aus guter Position, dann trifft Jean-Pierre Nsame die Latte.

Der Grossteil des Thuner Anhangs hat sich längst abgewandt, nach Spielende treten die Spieler den ungemütlichen Gang zum Gästesektor an, unterhalten sich an der Absperrung mit den Fans. Es sind Bilder wie aus dem Abstiegskampf, dabei liegen die Oberländer auch nach dem siebten sieglosen Spiel in Folge auf dem dritten Rang und empfangen nächstes Wochenende den Vierten St. Gallen.

Basels Ausrutscher

Die Gute-Laune-Geschichte schreiben am Sonntag nur die Young Boys, sie feiern wieder mal minutenlang mit ihren Fans. Und weil Basel gleichzeitig daheim gegen Lugano nur zu einem 1:1 kommt, können sie diese Woche aus eigener Kraft Meister werden – mit Erfolgen in Luzern und beim FC Zürich. Bei ihrer Bilanz von 23 Siegen aus 27 Partien ist dieses Szenario alles andere als unrealistisch.

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