Streitfigur Sousa

Der FCB-Trainer irritiert mit seinen Entscheiden. Die Unruhe wächst.

Immer voll im Spiel, aber auch immer wieder unverstanden: Basel-Trainer Paulo Sousa. Foto: Keystone

Immer voll im Spiel, aber auch immer wieder unverstanden: Basel-Trainer Paulo Sousa. Foto: Keystone

Es gibt die Statistiken, und wer sich nur auf Zahlen stützt, kommt zum Schluss: Der FC Basel ist vor dem heutigen Heimspiel gegen GC in etwa so unterwegs, wie er das mit seinen Ansprüchen eben sein muss. Platz 2 in der Super League, mit allen Chancen auf die Titelverteidigung. Im Cup die Pflicht erfüllt mit dem Einzug in die Viertelfinals. Und in der Champions League einen nächsten Coup geschafft gegen Liverpool, die Aussichten auf Platz 3 oder gar 2 sind intakt.

Alles in bester Ordnung also? Nein, ganz und gar nicht. Um den Ist-Zustand zu beschreiben, reichen Resultate, Ranglisten und Aussichten nicht. Im Fussball geht es immer um mehr. Um Emotionen, um das Sichtbare auf dem Rasen, um das fast für alle Unsichtbare in der Garderobe. Und das Ganze sieht in Basel nicht gut aus, und das hat vor allem mit einem zu tun: mit Trainer Paulo Sousa.

Die fehlende Handschrift

Als die FCB-Führung um Präsident Heusler im Mai die Trennung von Murat Yakin bekannt gab, atmeten dessen Kritiker auf – und es gab viele von ihnen, auf den Rängen, in der Mannschaft, in der Clubleitung. Dem Trainer war vorgeworfen worden, dem Team einen unspektakulären, defensiven Stil vorzugeben. Schlüsselspieler klagten über Kommunikations­schwächen. Unter Yakin hatte der FCB zwar zweimal die Meisterschaft gewonnen und im Europacup wiederholt brilliert. Doch das genügte nicht, um die Trennung zu verhindern, die Unstimmigkeiten waren zu gross geworden.

Es übernahm Sousa, ein Mann mit bemerkenswerter Vergangenheit als Spieler, nicht aber als Trainer. Gleichwohl versprachen sich die Basler von ihm das, was sie unter Yakin trotz Erfolg vermisst hatten: aufbauenden Umgang mit dem Personal, Offensivfussball, begeistertes Publikum.

Jetzt herrscht nach knapp fünf Monaten mehr Verwirrung als Gewissheit, für welche Ausrichtung der Portugiese steht. Am Anfang sah es mit vier Siegen in Folge und 12:4 Toren nach Unterhaltung und Dominanz aus. Das Selbstverständnis aber verflog beim Serienmeister der letzten fünf Jahre mit der ersten Niederlage gegen St. Gallen. Seither zeigt die Mannschaft immer wieder eine verwundbare Seite – und Sousas Handschrift ist nicht erkennbar. Nach 13 Meisterschafts­runden ist der FCB punktemässig exakt gleich weit wie mit Yakin vor einem Jahr. Einen minimen Unterschied gibt es: Er hat 3 Tore mehr erzielt, allerdings auch 6 mehr erhalten.

Die ständige Rotation

Der 44-jährige Sousa geniesst Arbeitsbedingungen wie kein anderer Trainer der Liga. Er durfte seine Assistenten mitbringen und bekam allein vier neue Offensivspieler: den letztjährigen Super-League-Topskorer Gashi, den quirligen Paraguayer Gonzalez, den trickreichen Ägypter Hamoudi, den japanischen Wirbler Kakitani.

25 Spieler stehen im Kader, viele sind Nationalspieler. Sousa hat eine überraschende Wahl getroffen und einem Spieler am meisten Gewicht gegeben, der nicht mit technischen Feinheiten auffällt, sondern mit seiner hartnäckigen Art, den Gegner zu bearbeiten: Taulant Xhaka ist immer dabei, auf welcher Position auch immer. Das erstaunt nicht nur Beobachter, auch Mitspieler.

Sousas Personalwahl ist so unberechenbar wie seine taktischen Dispositionen. Er rotiert System und Spieler, als funktioniere ein Fussballteam wie eine Teigknetmaschine. Für Gashi, den fünffachen Torschützen in der Liga, findet er in der Champions League keine Verwendung. Nationalverteidiger Schär hat er gegen GC mit der Auswechslung vor der Pause vorgeführt. Fabian Frei war unter Yakin Schlüsselspieler im Mittelfeld, er wäre eine Identifikationsfigur, von denen es beim globalisierten FCB nicht mehr viele gibt. Frei müsste Kraft seiner Qualitäten ein Leader sein, nur sitzt er unter Sousa zu oft auf der Bank.

Mit den andauernden Veränderungen hat es Sousa verpasst, hierarchische Strukturen zu schaffen, die für ein Team wichtig sind. Er hat der Mannschaft kein Gesicht gegeben, das von sechs, sieben Spielern geprägt wird. Das Team ist vom Niveau früherer Tage ein grösseres Stück entfernt. Augenfällig ist ausserdem, wie sehr der FCB von Streller abhängig ist. Der Stürmer fällt mit einer Diskushernie aus. Wann und in welcher Verfassung der 33-Jährige zurückkehrt, lässt sich nicht abschätzen.

Der Club musste in der Vergangenheit seine besten Spieler immer wieder ziehen lassen, seit Sommer 2012 etwa Shaqiri, Granit Xhaka, Abraham, Dragovic, Salah, Stocker, Sommer. Es ist ihm wiederholt gelungen, die Abgänge mit Transfers aufzufangen, die sich als klug erwiesen. Das hat mit ausgezeichnetem Scouting zu tun, auch mit den finanziellen Möglichkeiten. Und: mit Glück.

Weil der Schweizer Markt wenig hergab und das «Basler Modell» mit den aus der Bundesliga zurückgeholten Huggel, Alex Frei und Streller nicht einfach wiederholbar ist, suchten sich die Basler ihre Neuen dieses Mal vor allem im Ausland. Es lässt sich bis jetzt nicht behaupten, dass sie nur Glücksgriffe tätigten. Goalie Vaclik hat die Erwartungen erfüllt. Aber welche Rolle sieht Sousa für Gashi vor? Gonzalez, Hamoudi, Kakitani haben ihr Talent ­angedeutet, mehr nicht. Und worin bestand der Sinn, den 36-jährigen Verteidiger Samuel zu verpflichten?

Die Abschottungstaktik

In der englischen «Daily Mail» war Paulo Sousa als Kolumnist aktiv. Unter anderem schrieb er: «Als Trainer suche ich nach mittel- und langfristigen Projekten, weil es der beste Weg ist, um etwas zwischen mir, der Clubleitung und den Fans entwickeln und stärken zu können.» Dass er mit den Fans etwas entwickeln will, ist in Basel nicht zu spüren. Eher das Gegenteil. Die Medien­arbeit mit ihm ist schwierig. Sousa hält auch seine Spieler zu Zurückhaltung an. Und die tägliche Arbeit auf dem Platz verrichtet er hinter verschlossenen Türen. Sichtbar ist Sousa hingegen während der Spiele. Dann korrigiert er ständig, weist pausenlos an im Glauben, jeden Quadratmeter Rasen und jede Bewegung im Blickfeld zu haben. Dass sich einzelne Spieler an dieser theoretischen Kleinigkeit zu stören beginnen, ist Indiz dafür, wie gereizt die Stimmung ist.

Sousa hätte den FCB noch besser machen sollen, als er es schon war. Stattdessen ist der Trainer innert weniger Monate zur Streitfigur geworden. Die lokalen Medien machen Druck. Die Clubführung ist bei wachsender Unruhe nicht gewillt, Stellung zu nehmen. Es müssen auch diffizile Tage sein für Heusler und Sportchef Heitz. Sie wissen: Allein schneller und dauerhafter Erfolg, mit Spektakel garniert, schafft Ruhe. Für sie. Und ihren Trainer.

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