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Stunde null

Die Nicht­qualifikation der Squadra azzurra für die WM 2018 in Russland hat in Italien Katzenjammer und harsche Kritik ausgelöst. Ob die Schmach von San Siro im italienischen Fussball eine Wende zum Besseren einleiten wird, ist fraglich.

Ungläubiges Staunen - Italien befindet sich in Schockstarre (Archivbild).
Ungläubiges Staunen - Italien befindet sich in Schockstarre (Archivbild).
Heinz Diener

«Das Desaster hat ja auch etwas Gutes: Wir werden uns nächsten Sommer während der WM weniger aufregen müssen», erklärte der Römer Zeitungsverkäufer Paolo gestern Morgen nach dem fatalen 0:0 gegen Schweden. Er spielte damit auf die beiden letzten WM-Endrunden in Südafrika und Brasilien an, bei denen Italien jeweils sang- und klanglos schon in der Vorrunde ausgeschieden war. Diese Gefahr ist 2018 in der Tat gebannt: Der vierfache Weltmeister wird sich die Endrunde in Russland am TV ansehen. Den Schweden hat ein 1:0 aus dem Hinspiel gereicht, um die Azzurri ins Elend zu stürzen.

Wie Zeitungsverkäufer Paolo versuchten gestern viele italienische Tifosi, sich mit Galgenhumor über die Enttäuschung hinwegzuretten. Doch insgesamt sass der Schock über die erste Nichtqualifikation seit sechzig Jahren für eine WM-Endrunde tief, vor allem bei den Spielern. «In der Kabine herrschte eine Stimmung wie an einer Beerdigung», erklärte der Mittelfeldspieler Daniele De Rossi. Und der 39-jährige Mannschaftskapitän Gianluigi Buffon weinte nach dem Abpfiff im Mailänder San-Siro-Stadion bittere Tränen: Für die Torhüterlegende ist der Traum geplatzt, als Erster überhaupt an einer sechsten Weltmeisterschaft teilzunehmen.

«Jetzt sollen alle nach Hause»

Entsetzt waren auch die Autoren der Medien. Laut der «Gazzetta dello Sport» hat für Italiens Fussball «die Stunde null geschlagen». Das rosarote Zentralorgan der Tifosi forderte nicht nur den Kopf von Trainer Gian Piero Ventura, sondern auch von demjenigen, der ihn 2014 in sein Amt gehievt hatte: Verbandspräsident Carlo Tavecchio. Der gleichen Meinung ist «Tuttosport»: «Die Wahrheit ist, dass wir zu Recht nicht nach Russland fahren. Jetzt sollen alle nach Hause – tutti a casa! Das ist der beste Ort, um nachzudenken und vielleicht den Mut zu finden, etwas zu ändern – nicht nur den Trainer, sondern den ganzen Fussball, der Spiegel unserer Identitätskrise ist.»

Buffons Rücktritt

Ob die Verantwortlichen den Mut zur Veränderung aufbringen werden, bleibt abzuwarten. Zwar haben die letzten drei in der Squadra azzurra verbliebenen Weltmeister – Buffon, De Rossi und Barzagli – gesagt, dass das Spiel in Mailand ihr letztes in der Nationalmannschaft gewesen sei. Der 69-jährige Trainer Ventura aber, einer der Hauptverantwortlichen für die Nichtteilnahme an der WM, wollte seinerseits nichts von einem Rücktritt wissen. Verbandsboss Tavecchio schwieg sich derweil aus: Er benötige erst mal 24 oder 48 Stunden Zeit, das Vorgefallene zu analysieren.

Viel zu analysieren gibt es freilich nicht: Italiens Fussball befindet sich in einer schweren Krise, und das nicht erst seit dem 0:1 und dem 0:0 gegen Schweden. Italien hat seit dem letzten WM-Titel in Deutschland kaum Persönlichkeiten hervorgebracht: «Die Flamme ist 2006 erloschen, fünf Minuten nach dem Sieg im Final. Damals hatten wir Del Piero, Totti, Cannavaro, Pirlo. Das Problem ist, dass wir keine Klassespieler wie sie mehr haben», betont der «Corriere della Sera». Die Ursache dafür, darin sind sich die Experten einig, ist die Vernachlässigung des Nachwuchses.

Hinzu kommen chronische Finanzprobleme der Vereine: In den letzten fünf Jahren sind 30 Profiklubs pleitegegangen. Ein gravierendes Problem bleiben auch die Hooligans in den Stadien und der immer aggressivere Rassismus auf den Rängen. Vor wenigen Wochen sind Lazio-Fans so tief gesunken, dass sie das Andenken an Anne Frank verhöhnten.

Verbandsboss Tavecchio ist nicht Teil der Lösung: Er leistete sich homophobe und frauenfeindliche Ausfälle und musste von der Uefa bereits wegen rassistischer Äusserungen verwarnt werden. Tavecchio wird versuchen, sein Amt trotz der Blamage zu retten. Sollte ihm dies gelingen, wäre der Aufbruch zu neuen Ufern wohl erst einmal aufgeschoben.

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