«Talent wird überbewertet» 

Thuns Trainer Marc Schneider sagt, jungen Fussballern werde es heutzutage zu leicht gemacht. Und der 38-Jährige erzählt, wie seine Tochter unter den Erfolgen der Young Boys leiden muss. 

Thuner Eigengewächs: Marc Schneider lancierte beim FC Thun seine Karriere, spielte später auch für YB. Seit Sommer 2017 ist er Trainer beim FC Thun.

Thuner Eigengewächs: Marc Schneider lancierte beim FC Thun seine Karriere, spielte später auch für YB. Seit Sommer 2017 ist er Trainer beim FC Thun.

(Bild: Raphael Moser)

Ihr Finanzchef sagte kürzlich, beim FC Thun sei das Kostenbewusstsein derart ausgeprägt, dass sich jeder Mitarbeiter zweimal überlege, ob er ein neues Stromkabel benötige. Derweil erhält YB durch die Teilnahme an der Champions League über 30 Millionen Franken. Wie gehen Sie mit diesem Missverhältnis um?
Marc Schneider: Wir jammern nicht. Es ist einfach so: Beide Clubs spielen in der Super League und doch in zwei verschiedenen Ligen. Der Zuschauer neigt dazu, dies zu vergessen. Es ist schwer vorstellbar, dass in den nächsten Jahren der Meister nicht aus Bern oder Basel kommen wird.

Der FC Thun erhält dank der Teilnahme von YB an der Champions League Solidaritätszahlungen der Uefa von rund einer halben Millionen. Ist das Wort Solidarität nicht ein Hohn bei der Differenz der Beträge?
Wir sind dankbar für jeden Franken, den wir erhalten. In Bern wurde in letzter Zeit hervorragend gearbeitet, der Club hat sich die Champions-League-Einnahmen verdient. Und YB kauft ab und zu einen unserer Spieler. Insofern profitieren auch wir ein Stück weit.

Der letzte dieser Transfers ist Sandro Lauper. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie ihn in der Champions League gegen Juventus Turin und Valencia spielen sehen?
Es freut mich enorm. Sein Beispiel wie jenes von Christian Fassnacht und Sékou Sanogo, die auch eine Thuner Vergangenheit haben, zeigen meinen Spielern: Wer hart arbeitet, kann es weit bringen.

Fassnacht wurde mit 14 beim FCZ aussortiert, Lauper mit 18 bei YB. Wie ist es möglich, dass Spieler, die in der Champions League genügen, durchs Raster fallen?
Ich glaube, es wurden keine Fehler begangen. Sie waren klein und schmächtig. In diesem Alter kann sich die körperliche Entwicklung enorm unterscheiden.

Sollten Clubs nicht Aspekte wie Technik und Spielintelligenz höher gewichten?
Im Nachhinein ist man immer schlauer. Auf Nachwuchsstufe muss man regelmässig selektionieren, Entscheide treffen. Sowohl bei Fassnacht wie bei Lauper werden die Clubs ihre Gründe gegeben haben.

Als Lauper von YB zu Thun kam, durfte er mit der ersten Mannschaft trainieren. Das spricht dafür, dass sein Potenzial sofort erkannt wurde.
Wir merkten rasch, dass er Fussball spielen kann. Aber er war ein Bubi: Ich weiss noch genau, wie ihn Urs (Trainer Fischer, Anm. Red.) im ersten Training absichtlich schubste, Sandro fiel beinahe hin. Urs sagte zu ihm: Genau daran musst du arbeiten. Später verletzte er sich, in dieser Zeit merkte er, was er brauchte, um Profi zu werden. Danach ist er durchgestartet.

Sie meinten einmal, Sie würden beim FC Thun Spieler bevorzugen, die nie als grosses Talent galten. Warum?
Viele der U-Nationalspieler werden in ihren Vereinen wie Helden behandelt, verhätschelt, weil sie ja nicht auf den Gedanken kommen sollen, den Verein zu wechseln. Und auf dem Platz sind sie dank ihrem Talent überlegen. Dann kommen sie zu den Profis ...

… und?
Der Konkurrenzkampf ist viel grösser, sie spielen nicht oft, schiessen keine Tore. Plötzlich sind sie nicht mehr die Superheroes. Und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen.

«YB und Thun spielen in zwei verschiedenen Ligen.»

Was sollte sich ändern?
Den Jungen wird zu viel abgenommen. Es gibt 16-Jährige, die leben wie Profis, haben schon Berater. Wie soll da ein Jugendlicher lernen, selbstständig Entscheide zu treffen? Wenn sie dann am Ende ihrer Karriere angelangt sind, sind sie im normalen Leben überfordert.

Daraus schliesse ich, dass Sie kein Fan von Nachwuchscampus sind.
Ich erachte es als vorteilhaft, wenn ein Talent in einem möglichst normalen Umfeld aufwachsen kann. Eine Lehre zu absolvieren, schadet bestimmt nicht. Früher sagten wir hier: Wenn wir einen U-21-Nationalspieler verpflichten können, tun wir das. Mittlerweile überlegen wir uns dies genau. Talent wird oft überbewertet, wichtiger sind Charakter, Biss, Wille.

Haben Sie Beispiele?
Von den Spielern, mit denen ich im U-18-Nationalteam war, setzten sich vier durch: Mario Raimondi, Remo Meyer, Reto Zanni und ich.

Mit Verlaub: Bis auf Raimondi gehörten Sie alle zur Kategorie Wadenbeisser.
Absolut. Von den Supertalenten, die in aller Munde waren, schaffte es hingegen keines nach oben. Wir müssen aufpassen, solche Spieler nicht zu früh zu hypen.

Ist das möglich, wenn Ihnen von den Beratern Honig um den Mund gestrichen wird?
Berater sind nicht nur Fluch, sondern auch Segen. Es gibt etliche gute Berater, die kritisch mit ihren Spielern sind, individuell mit ihnen arbeiten, sie weiterbringen. Ich bin aber der Meinung: Ein Jugendspieler braucht keinen Berater.

Hatten Sie einen Berater?
Als ich 2002 von Thun zum FC Zürich wechselte, wurde mir ein Berater empfohlen. Ich engagierte ihn, hörte dann erst wieder bei der Vertragsverlängerung von ihm. Da dachte ich: Das kann ich auch allein machen.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Nur Positive. Ich kann mich genau an die Verhandlungen mit dem FC St. Gallen erinnern. Ich auf der einen Seite des Tisches, auf der anderen Präsident, Sportchef, Finanzchef und Trainer. Man lernt aufzutreten, sich zu verkaufen, seinen Mann gegen ältere Menschen zu stehen. Man entwickelt sich als Person weiter.

Läuft man nicht Gefahr, sich unter Wert zu verkaufen?
Durch Gespräche mit Mitspielern kennt man seinen ungefähren Wert, weiss, wer wie viel verdient, welcher Club wie viel bezahlt. Ich glaube sogar, ich machte bei Lohnverhandlungen den Besseren. Weil die Provision für den Berater wegfiel.

Heutzutage haben auch Trainer Berater. Was halten Sie davon?
Ich kann mir vorstellen, dass ein Berater helfen kann, wenn man arbeitslos ist, einen Wechsel anstrebt, womöglich ins Ausland. Ich brauche keinen. Mein fünfjähriger Sohn ist mein Berater. (lacht)

«Mein fünfjähriger Sohn ist mein Berater.»

Dann wird er sich schon bestens auskennen.
Er stöbert mit Hingabe auf meinem Handy in einer App, in der sich alle Resultate checken lassen. Er kennt jeden Club, jede Abkürzung. Für ihn gibt es vom Morgen bis zum Abend nur Fussball.

Wie verhält es sich bei Ihrer 10-jährigen Tochter?
Sie ist vor allem ein riesengrosser Fan des FC Thun. Wir wohnen in Gerzensee, einer YB-Hochburg. Das ist für sie nicht immer einfach.

Weil sie sich Sprüche gefallen lassen muss?
Kinder können brutal sein. Als sich YB letzte Saison auf dem Weg zum Titel befand und wir zeitweise am Tabellenende lagen, bekam sie vieles zu hören. Es gab Tränen. Zumal meine Tochter die Zusammenhänge versteht. Sie weiss, mit jeder Niederlage steigt der Druck auf den Vater.

Sind die Erfolge der Young Boys denn eher Vor- oder Nachteil für den FC Thun?
Wir haben nichts davon, wenn es YB schlecht läuft. Ich glaube auch nicht, dass wir wegen des Meistertitels und der Champions League Zuschauer an YB verlieren. Im Gegenteil: Mit jedem Jahr in der Super League wächst unsere Fanbasis ein Stückchen.

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