«Damals weinte ich»

Für Sami Hyypiä ist der FC Zürich die dritte Station als Cheftrainer – nach Leverkusen und Brighton weiss er, was er an seiner Arbeit ändern muss.

«Es macht mich manchmal fast wahnsinnig, dass ich so wenig beeinflussen kann»: Sami Hyypiä ist innerlich nicht immer so ruhig, wie es scheint.

«Es macht mich manchmal fast wahnsinnig, dass ich so wenig beeinflussen kann»: Sami Hyypiä ist innerlich nicht immer so ruhig, wie es scheint.

(Bild: Keystone)

Ueli Kägi@ukaegi
Florian Raz@razinger

Als Liverpool-Spieler haben Sie nach einem Match gegen Leicester einst aus Ent­täuschung geweint. Kann Ihnen das jetzt auch als Trainer passieren? Ja. Ich glaube sogar, dass ich den Fussball als Trainer noch inten­siver spüre als damals als Spieler. Ich gehe emotional viel mehr mit. Ich kann mich nicht nur auf mich konzentrieren, sondern bin für alles verantwortlich. Ich werde viel ­häufiger wütend. Es macht mich manchmal fast wahnsinnig, dass ich so wenig beeinflussen kann, sobald das Spiel läuft. Ich würde dann am liebsten auf den Platz ­gehen, um an einem Spieler zu rütteln und ihm zurufen: Aufwachen!

Es ist ungewöhnlich, dass im Profifussball Tränen fliessen. Es bräuchte sehr viel, damit mir das als Trainer passiert. Damals weinte ich, weil ich fühlte, dass ich meine Aufgabe als Spieler auf dem Platz nicht erfüllt und die Teamkollegen im Stich gelassen hatte.

Die Geschichte zeigt vielleicht, wie viel Leidenschaft Sie für den Fussball haben. Ja …

Und nach Ihrem unmittelbaren Wechsel vom Rasen auf die Bank fragen wir uns: Sind Sie süchtig nach Profifussball? Fussball war immer ein ganz grosser Teil meines Lebens, den ich genossen habe. Ich weiss nicht, ob es bis zur Sucht geht. Ich weiss auch nicht, ob die Spieler heute so fussballinteressiert sind, dass sie auch in der Freizeit Spiele schauen. Bei mir war es so. Nach der Spielerkarriere fragte ich mich, was ich tun sollte. Es war nicht in meinem Kopf, dass ich unbedingt Trainer werden muss. Andere Leute waren überzeugter davon, dass meine Persönlichkeit zu diesem Beruf passen würde. Und es ging dann tatsächlich sehr schnell, dass ich in Leverkusen Trainer wurde (im Juni 2011 hatte er als Spieler beim Bundesliga-Club aufgehört, im April 2012 kehrte er als Trainer zurück).

Warum sind Sie gleich so hoch eingestiegen? Herausforderungen sind immer gut. Ich hatte keine Angst. Und ich würde die Entscheidung heute noch einmal genau so fällen. Aber natürlich: Wenn du unten startest, stehst du nicht so sehr im Fokus der Medien.

Sie hätten nach fast 20 Jahren als Profifussballer und Millionen­verträgen auch einmal die Beine hoch lagern können. Ich hatte zuletzt mehr als ein ­halbes Jahr Pause, das hat mir ­gereicht. Im Mai habe ich schon bemerkt, dass ich wieder das ­Kribbeln spüre.

Geben Sie es zu: Ihre Frau wollte Sie auch aus dem Haus haben. Ich weiss es nicht. Vielleicht.

Sie haben bei Ihrer Vorstellung beim FCZ gesagt, dass Sie in Ihrer arbeitslosen Zeit über Ihre Fehler nachgedacht haben. Was haben Sie festgestellt? Ich bin eine nette Person. Und vielleicht war ich zu nett für meinen Beruf. Früher.

Zu nett? Wenn jemand nicht das tut, was ich von ihm verlange, wird er es jetzt schwer haben. Ich schaute ­früher vielleicht nicht genau genug hin, ich wollte nicht genau genug hinschauen, sodass ich nicht sah, ob jemand gegen mich arbeitet. Jetzt weiss ich, dass ich aufmerk­samer sein und reagieren muss.

In der Mannschaft oder im ganzen Verein? Überall. Wenn die Resultate nicht stimmen, ist es egal, woran es liegt. Ich bin schuld. Darum muss ich streng sein.

Wo sehen Sie sich in Ihrer Trainerkarriere. Sind Sie noch Lehrling? Wenn ich jetzt sage, dass ich ein Lehrling bin, dann ist das die Schlagzeile dieses Interviews. Nein, ich habe Vertrauen in das, was ich tue. Aber ich will auch lernen. Ich möchte starke Leute um mich haben, die mir ihre Meinung sagen. Das bringt mich vorwärts.

Sie betonen Ihr Selbst­vertrauen. Trotzdem mussten Sie in Leverkusen gehen und in Brighton traten Sie wegen Erfolglosigkeit zurück. Haben Sie nie an Trainer Sami Hyypiä gezweifelt? Natürlich hatte ich nach diesen zwei Episoden Zweifel. Ich habe analysiert, was ich getan hatte, versuchte, die Lehren aus möglichen Fehlern zu ziehen. Doch diese Phase des Zweifelns dauerte vielleicht zwei, drei Wochen – und dann ging es weiter. Entlassungen gibt es in jeder Saison. Viele! Ich habe keine Angst davor, es ist keine Schande, es gehört zum Geschäft. Herr ­Favre ist doch nicht plötzlich ein schlechterer Trainer, weil es nun in Mönchen­gladbach nicht mehr funktioniert hat.

War für Sie in Brighton nach nur drei Siegen in 23 Spielen klar, dass Sie hinstehen und sagen: Es geht nicht mehr? Ja, aber ich spreche nicht gern da­rüber, was passiert ist. Die Ergebnisse eines Fussballteams sind immer das Resultat einer Summe von Dingen. Die Arbeit des Trainers ist ein Teil, daneben gibt es viel anderes. Falls aber jemand kommt und sagt, dass meine Arbeit Mist ist, wenn alle sagen, dass ich sehr schlechte Arbeit abgeliefert habe, dann akzeptiere ich das.

Wie schwer fiel es Ihnen, ­zurückzutreten? Es war sehr schwer. Weil ich ­wusste, dass die Mannschaft ­weiter hinter mir stand.

Zuletzt sind einige Trainer von sich aus zurückgetreten: Klopp, Saibene, Favre. Ist das für Sie ein Zeichen von Stärke oder Schwäche? Ich glaube, es braucht Mut, um so etwas zu tun.

Auffällig ist, dass bei all Ihren ehemaligen Vereinen sehr gut über Sie gesprochen wird. Ich bin, wie ich bin. Und ich weiss, dass ich eine gute Person bin. Was meine Arbeit als Trainer angeht: Ich denke, dass die Leute auch dann positiv über mich reden, wenn es sportlich nicht gut läuft. Wenn ich als Spieler Trainings gehabt hätte, wie ich sie als Trainer gestalte, dann wäre ich sehr zufrieden gewesen. Ob du mit deinen Ideen Erfolg hast, hängt aber auch immer von den Spielern ab. Die einen brauchen dies, die anderen das. Ich muss nun sehr schnell he­rausfinden, was der FCZ braucht.

Sie passen also eher Ihren Fussball den vorhandenen Spielern an als umgekehrt? Hmmm … Natürlich muss ich einen Plan haben. Aber viele ­Dinge, die mir wichtig sind, sind generelle Sachen, unabhängig von System oder Spielern. Danach kommen wir zur Taktik. Es gibt Trainer, die vielleicht nur ein ­System haben. Wenn ein Spieler nicht passt, muss er weg. Ich schaue lieber zuerst, welche Spielertypen ich habe, und entscheide dann, was ich tun werde. Wir haben beim FCZ zum Beispiel nicht so viele Flügelspieler. Also spiele ich ohne Flügelspieler.

Welches sind Ihre ­angesprochenen Prinzipien? Dass die Spieler fit genug sind für 90 Minuten. Dass die Mannschaft mit Tempo und einfach spielt, dass sie kämpft. Wenn wir tiefer gingen, könnte ich viele Dinge erklären …

… was interessant wäre. Ich weiss. Aber ich möchte nicht zu viele Informationen preisgeben. Ich wundere mich immer, wenn ich an Pressekonferenzen gefragt werde, wie ich spielen werde. Da müsste der Gegner nur mitlesen.

Bei Finnen gilt das Klischee, dass sie nicht gern sprechen. Bei Ihnen stimmt das scheinbar nur, wenn es um die Finessen des Fussballs geht. Nein, ich bin nicht offen.

Bei diesem Gespräch doch schon. Nein, ich rede zum Beispiel nicht über mein Privatleben.

Wenn wir bei den Klischees bleiben: Es heisst, dass der Finne gern Heavy Metal hört. Ja, ich denke, das stimmt.

Und Sie? Ja, Heavy Metal ist okay. Nicht zu heavy.

Fischen, Sauna? Ja, geht.

Wodka? Ja, geht auch. Nicht zu oft aber.

Sind Sie also doch ein klassischer Finne? Klassischer Finne? Ich weiss nicht, was das ist. Ich habe mich in meiner Zeit im Ausland verändert, ich bin offener geworden. Ich kann besser mit Leuten umgehen.

Waren Sie seit Ihrem Arbeits­beginn beim FCZ noch einmal in Finnland bei Ihrer Familie? Nein.

Ist das nicht hart? Doch. Aber so muss es sein, die Kinder sind in Finnland in der Schule. Und das wird vorerst auch so bleiben.

Haben Sie inzwischen eine Wohnung? Und was machen Sie abends? Kochen Sie für sich? Ja, ich habe eine Wohnung. Kochen kann ich ein wenig. Meistens gehe ich aber einfach über die Strasse hier und esse etwas (gleich neben dem FCZ-Trainingszentrum steht das Sihlcity).

Essen im Einkaufszentrum? Das hört sich etwas trist an. Ich bin hier, um zu arbeiten. Ob ich andere Dinge in meinem Leben geniessen kann, ist zweitrangig.

Stimmt es, dass sie zum Lachen in den Keller gehen, wie es der frühere Liverpooler Teamkollege und aktuelle Luzern-Trainer Markus Babbel gesagt hat? Vielleicht ja. Ich bin immer eher Beobachter denn Mittelpunkt der Gesellschaft. Ich zeigte als Spieler auf dem Platz Emotionen, da­neben war ich ruhig. Ich bin auch jetzt ruhig, wenn kein Spiel läuft. Ich würde eigentlich auch während der Partie gern ruhig auf der Bank sitzen, weil die Spieler sowieso selber wissen, was sie zu tun haben – das wäre zumindest die ideale Situation. Aber in der Anfangsphase fühle ich, dass ich die Spieler etwas organisieren muss. Ich will allerdings keine Show veranstalten, das ­finde ich blöd.

Stört es die Spieler, wenn ein Trainer den Showman gibt? Als ich Spieler war, bekam ich vom Trainer nicht allzu viel mit. Manchmal schaute ich zu ihm hin, und er zeigte irgendetwas mit den ­Händen. Dann hiess es für mich: Daumen hoch und weiterspielen wie bisher.

Die Einflussnahme der Trainer in der Schweiz dürfte einfacher sein als in den vollen englischen oder deutschen Stadien. Man hört die Anweisungen besser. Als ich in England gespielt habe, hat man gar nichts gehört. Trotzdem bleibt es schwierig. Als Innenverteidiger war es einfacher, Einfluss zu nehmen. Als Trainer fühlst du dich in vielen Situationen während des Spiels hilflos.

Sie haben in den grössten Stadien gespielt. Jetzt stehen Sie in Lugano vor 3000 Zuschauern an der Seitenlinie, Zürich hat auch kein Fussballstadion, es kommen vielleicht 7000 Zuschauer. Ist das traurig? Nein. Es ist einfach anders. Ich wusste das, es war kein Schock. Auch unsere Trainingsinfrastruktur hier ist nicht so, wie ich es gewohnt bin (der FCZ hat seine Trainingsbasis im Untergeschoss der 1972 gebauten Saalsporthalle). Aber ich finde es gut, dass die Spieler nicht alles auf dem Silbertablett erhalten. Es ist psychologisch schwieriger, wenn alles perfekt ist.

Wieso? Wenn schon alles perfekt wäre, gäbe es für die Spieler nicht den unbedingten Anreiz, besser zu werden. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, meine Eltern mussten hart arbeiten, um etwas zu haben. Diese Mentalität habe auch ich.

Sie gewannen 2005 mit Liverpool den Final der Champions League gegen Milan nach 0:3-Rückstand zur Pause noch. Was passierte damals in Istanbul in der Halbzeit? Die Stimmung in der Kabine war miserabel. Da war zuerst nichts von: Jetzt gehen wir raus und … (Er macht eine furchterregende Grimasse.) Doch draussen sangen die Liverpool-Fans während der Pause durch. Wir konnten das gut hören, es hatte ja keiner geredet. Rafael Benítez (der damalige Trainer) sagte dann bloss, dass viele Leute aus Liverpool angereist sind und dass wir ihnen in der zweiten Halbzeit etwas zurückgeben müssen. Und wenn es bloss ein Tor ist, dann ist es wenigstens ein Tor.

Es waren dann gleich drei Treffer und der Sieg im Penaltyschiessen dazu. Natürlich glaubten wir nicht zu 100 Prozent, dass wir tatsächlich noch zurückkommen in dieses Spiel. Aber nach dem ersten Tor spürten wir etwas mehr Energie. Nach dem zweiten dachten wir: Hey, wir können es wirklich schaffen! Wir erzielten drei Tore in siebeneinhalb Minuten (genau waren es drei in 6:39 Minuten). Gut, Robert Lewandowski war jetzt noch etwas besser.

Wie ist es, Teil der Fussball­geschichte zu sein? Ich glaube, es wird nie mehr einen solchen Final geben. Jeder, der es gesehen hat, wird dieses Spiel nie vergessen.

SonntagsZeitung

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