Vier Gründe für Real Madrids Krise

Coach Lopetegui ist weg. Doch andere Probleme lassen sich nicht so schnell lösen.

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Nach dem 5:1-Debakel im Clásico am Sonntag war die Zeit von Julen Lopetegui abgelaufen. Er ging bei Real genauso schnell und spektakulär, wie er gekommen war. Doch nicht alle Probleme können so einfach gelöst werden, nicht alle Fehler so einfach korrigiert werden. Das betrifft einerseits die Kaderplanung und andererseits den engen Terminplan. Und natürlich den Abgang von Cristiano Ronaldo.

Der ErsatzGareth Bale ist kein Ronaldo

101 Millionen Euro flossen 2013 aus Spaniens Hauptstadt in den Norden Londons, in die Kasse der Tottenham Hotspurs. So viel Geld waren Real die Dienste von Rechtsaussen Gareth Bale wert. Der Waliser kostete somit mehr als Cristiano Ronaldo vier Jahre zuvor. Damals überwies Real 94 Millionen nach England. Die ersten Jahre verliefen für Bale in Madrid nicht nach Wunsch. Immer wieder wurde der Offensivmann von Verletzungen gebremst.

In der Rückrunde der letzten Saison dann endlich der Durchbruch. Keine Verletzungen, regelmässig Treffer und Assists und als krönender Abschluss ein Champions-League-Final, in dem er dem grossen Ronaldo die Show stahl. Spätestens dieser Abend in Kiew schien die Real-Verantwortlichen glauben zu lassen, dass das der Mann sei, der in Ronaldos Fussstapfen treten könne.

Ein Trugschluss. Bale hat in der Liga letztmals am 1. September getroffen. Er kann sich nicht mehr im Schatten Ronaldos wegschleichen. Die Räume sind enger geworden, der Fokus der gegnerischen Abwehrreihen liegt auf ihm. Damit weiss der Waliser derzeit nicht umzugehen.

Das SturmzentrumDer Mittelstürmer, der keiner (mehr) ist

426 Spiele hat der Franzose Karim Benzema bisher für Real Madrid absolviert. Dabei erzielte er 198 Tore und bereitete weitere 114 vor. Die totalen Zahlen lassen sich sehen, sind einem königlichen Mittelstürmer würdig.

Doch seit 2016 sehen Benzemas Statistiken nicht mehr so berauschend aus. In der Saison 2016/17 traf der Mittelstürmer in 48 Spielen 19-mal, 8-mal war er als Vorbereiter erfolgreich. Letzte Saison kam er auf 12 Tore und 11 Assists in 47 Partien. Und wie Sturmpartner Bale hat auch der Franzose seit dem 1. September in der Liga nicht mehr getroffen.

Im Sommer verpasste Real die Chance, einen Ersatz für den schwächelnden Knipser zu holen. Bayerns Robert Lewandowski wurden Wechselabsichten nachgesagt, Edison Cavani soll in Paris unzufrieden gewesen sein. Beide wären Stürmer, die den Königlichen gut zu Gesicht gestanden hätten. Beide spielen immer noch in München und Paris.

Die SommertransfersDie Dringlichkeiten falsch eingeschätzt

Rund 117 Millionen Euro haben die Königlichen dank des Verkaufs von Cristiano Ronaldo eingenommen. Durch den Verkauf von Spielern aus der zweiten Reihe, wie beispielsweise Omar Mascarell an Schalke, wurden zusätzlich rund 16 Millionen generiert. Das macht Transfereinnahmen von 133 Millionen. Eigentlich genug Geld, um den Abgang des grossen Ronaldo abzufedern.

Doch Real dachte im Sommer zukunftsorientiert – oder anders gesagt, sie sahen keinen dringenden Handlungsbedarf. Für 45 Millionen kam aus Brasilien das 18-jährige Talent Vinicius Junior. Eine Menge Geld für einen jungen Fussballer, der in Europa erst einmal Fuss fassen muss. Derzeit spielt er noch in der zweiten Mannschaft der Hauptstädter. Mit Mariano Diaz stiess ein weiterer Angreifer zum dreifachen Champions-League-Sieger. Über 20 Millionen wurden für ihn nach Lyon überwiesen. Der 25-Jährige war im letzten Sommer den umgekehrten Weg gegangen. Damals wechselten 8 Millionen den Besitzer. In Madrid hatte man ihm den Durchbruch nicht mehr zugetraut. 21 Tore in 45 Spielen in Lyon überzeugten Real vom Gegenteil. Vertrauen schenkt man Diaz trotzdem nicht. Er kam bisher auf einen einzigen Einsatz über die volle Spielzeit.

In der Defensive entsprechen die Sommertransfers schon eher dem Niveau, das man sich in Madrid gewöhnt ist. Von Chelsea wurde der belgische Nationalkeeper Thibaut Courtois verpflichtet. Mit 26 Jahren ist er im besten Goalie-Alter und kann auch noch einige Jahre auf höchstem Niveau spielen. Für die rechte Verteidigerposition kam mit Alvaro Odriozola (22) ein junger spanischer Defensivmann, dem eine grosse Zukunft vorausgesagt wird. Doch auch Odriozola wird kein Vertrauen geschenkt – nur zwei Meisterschaftsspiele über 90 Minuten, fünfmal stand er erst gar nicht im Kader.

In Madrid wurde im Sommer die Chance verpasst, im Sturm nachzubessern. Es bringt nichts, in die Zukunft zu investieren, wenn man die Talente anschliessend auf der Bank, der Tribüne und in der zweiten Mannschaft versauern lässt. Ein abschreckendes Beispiel ist Martin Ödegaard (19): Im Januar 2015 als neue Hoffnung gekommen, ist der Däne seither nur in der zweiten Mannschaft oder einige Male bei seinen Leihstationen zum Zug gekommen. So eine Transferpolitik und solch ein Umgang mit Talenten ist alles andere als königlich.

Die WMFehlende Regeneration der Schaltstellen

Die grossen Vereine haben in einer Saison weit über 50 Spiele zu absolvieren. Da kommen auch gut besetzte Kader ans Limit, von den Spielern ganz zu schweigen. Hinzu kommen alle zwei Jahre im Sommer, während der gewohnten Regenerationszeit der Profis, Grossveranstaltungen der Fifa und Uefa. Die sonst schon strapazierten Vielspieler der Grossclubs haben so noch weniger Zeit, um die Akkus vor der neuen Saison zu füllen.

Diesen Sommer war der Fifa-Wanderzirkus in Russland zu Gast. 15 Spieler von Real Madrid waren dort für ihre Nationalteams im Einsatz. Die Müdigkeit ist derzeit bei den Gesandten der Königlichen zu spüren. So sind die beiden überragenden Strippenzieher der letzten Saisons, Toni Kroos und Luka Modric, momentan weit von ihrer Bestform entfernt. Es scheint ihnen immer noch die WM in den Knochen zu stecken.

thunertagblatt.ch/Newsnetz

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