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Von Kopf bis Kreuzband

Miguel Rodrigues warfen Verletzungen immer wieder zurück. Nun hat sich der 22-Jährige beim FC Thun etabliert.

Misst sich nun regelmässig mit den Besten: Miguel Rodrigues im Zweikampf mit Roger Assalé von YB.
Misst sich nun regelmässig mit den Besten: Miguel Rodrigues im Zweikampf mit Roger Assalé von YB.
Keystone

Es ist ein Moment, an den sich Miguel Rodrigues nicht gerne zurückerinnert. Letzten Samstag läuft die 84. Minute im Derby gegen YB. Die Thuner stehen kurz vor dem grossen Coup gegen den Meister, als Sékou Sanogo in den Strafraum flankt. Rodrigues trifft den Ball nicht wie gewollt, bezwingt den eigenen Torhüter Guillaume Faivre und leitet so die Niederlage gegen die Young Boys ein.

Hätte sich die Szene vor etwas mehr als einem halben Jahr zugetragen, hätten wohl nicht wenige von einem Sinnbild für den Thuner Saisonverlauf gesprochen. Der Club im Abstiegskampf, düpiert vom verletzungsgeplagten Pechvogel. Doch heute passt dieses Bild nicht. Thun spielt erfolgreich und attraktiv wie selten, und Rodrigues ist wichtige Teamstütze in der Innenverteidigung. Sein Weg dorthin war indes weit und beschwerlich.

Die vielen Fragen

Als 17-Jähriger unterschreibt Rodrigues im Juni 2014 seinen ersten Profivertrag bei Servette, seinem Club, bei dem er auch die Jugendabteilung durchlaufen hat. Er etabliert sich bei den Grenats gleich als Stammspieler. Nur sechsmal steht er in seiner ersten Profisaison nicht auf dem Platz. Beobachter sind sich einig, dass der Juniorennationalspieler nicht seine ganze Karriere bei Servette verbringen, vielmehr früher als später in die Super League oder gar ins Ausland wechseln wird. Doch dann, in einem Zweikampf am 9. August im Spiel gegen Chiasso – die Mannschaft, gegen die er ein halbes Jahr vorher für die erste Mannschaft Servettes debütiert hatte – erleidet Rodrigues’ hoffnungsvolle Karriere einen abrupten Einschnitt. Diagnose: Kreuzbandriss.

Neun Monate vergehen, ehe er wieder auf dem Platz steht. Bei der Rückkehr nimmt er sich vor, jetzt erst recht anzugreifen und sich schnell wieder dem vorherigen Niveau anzunähern. Das gelingt, er wird wieder zum Stammspieler und vier Monate später in den Kreis der Juniorennationalmannschaft berufen. Doch in der Karriere von Miguel Rodrigues gibt es noch ein zweites prägendes Negativerlebnis: 13.3.16, Heimspiel gegen Cham, 31. Minute, wieder ein Zweikampf, wieder ein Kreuzbandriss, wieder im linken Knie. «Das war eine sehr schwierige Phase», sagt der Genfer. Er stellt sich in diesem Moment viele Fragen: Wieso ich, wieso jetzt? Und vor allem: Wo wäre ich, wenn die Verletzungen nicht passiert wären? Auch nach dem zweiten Rückschlag bleibt er dran, kämpft sich zurück.

Nach fast einem Jahr steht er wieder auf dem Platz, in der Challenge League, in Chiasso, Schaffhausen, Aarau. Und er ist glücklich darüber. Sein ursprüngliches Ziel, als 21-Jähriger in der Super League zu spielen, ist da vorerst nur sekundär, das Wichtigste ist, überhaupt wieder zu spielen.

Spätestens jetzt ist die Akte Rodrigues bei Spielervermittlern und Clubs jedoch mit dem Stempel des Verletzungsanfälligen mit der Vergangenheit von zwei Kreuzbandrissen versehen. Ein Transfer auf höchste nationale Stufe scheint unwahrscheinlich. Zumal kein Super-League-Club das Risiko eingehen dürfte, Rodrigues bei einer weiteren schweren Verletzung in seinen Reihen zu haben. Keiner? Der FC Thun ist anders.

Die Verantwortlichen statten ihn mit einem Dreijahresvertrag aus und zeigen einmal mehr, dass die Fussballwelt im Oberland etwas anders funktioniert, dass auch scheinbar Abgeschriebene eine Bewährungschance erhalten. «Wir haben sein Potenzial sofort erkannt», sagt Trainer Marc Schneider, der den Genfer als fixen Bestandteil der jungen Innenverteidigung eingeplant hat.

Das neue Umfeld

Es hätte jedoch irgendwie nicht in seine Vita gepasst, wäre Rodrigues in Thun von Beginn weg beschwerdefrei. Das linke Knie bereitet ihm Mühe. Als potenzieller Stammspieler geholt, wird er vorerst nur zum Stammgast der Medizinabteilung. Rodrigues verbringt mehr Zeit mit den Physiotherapeuten als den Teamkollegen, was es fernab der Heimat in einem Umfeld, wo zum ersten Mal in seiner Karriere nicht Französisch die Verständigungssprache ist, zusätzlich erschwert, sich im Team zu integrieren und Beziehungen zu den Mitspielern aufzubauen.

«Das erste Jahr war nicht einfach», sagt Rodrigues. Seine Chance kommt im Oktober im Auswärtsspiel gegen Luzern. Er überzeugt an der Seite von Nicola Sutter, als er von Schneider erstmals von Beginn an nominiert wird. Seither hat er siebenmal in Folge durchgespielt. Das sei wirklich «top», sagt Rodrigues und fügt nicht ohne Stolz an: «Ich habe nie aufgegeben und gezeigt, dass man es auch nach zwei Kreuzbandrissen in die Super League schaffen kann.» Auch Schneider erwähnt den Willen als positives Attribut des portugiesisch-schweizerischen Doppelbürgers. Der Trainer sagt, dass sich der 22-Jährige physisch noch verbessern müsse, lobt aber sein «gutes Auge» und die «guten Füsse». Rodrigues sieht jedoch ein anderes Körperteil als entscheidend dafür an, dass er es nach all den Rückschlägen doch noch geschafft hat: «Es ist alles Kopfsache.»

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