Wenn Krise auf Krise trifft

Am Montagabend empfing Katalonien Venezuela zu einem Freundschaftsspiel. Es war aber vor allem eine Partie mit vielen Nebenschauplätzen.

Kataloniens Star: Gerard Piqué. Bild: Getty Images.

Kataloniens Star: Gerard Piqué. Bild: Getty Images.

Sie hatten sich herausgeputzt, gelb-rot gestreift das Trikot, wie die Flagge von Katalonien. Auf der Brust das Logo des Verbands, daneben die Begegnung: Catalunya - Veneçuela. Eine Krisen-Region, die sich von Spanien lösen will. Gegen eine Krisen-Nation, deren Präsident umstritten ist und die von Ausschreitungen geprägt ist. Spielort: Girona, im Norden Kataloniens. Sogar einen Pokal gab es am Montagabend zu gewinnen.

Dabei war es nur ein Freundschaftsspiel. Eines, das für die Beteiligten eine unterschiedliche Bedeutung hatte. Die Katalanen nannten es eine historische Begegnung und präsentierten ihr Trikot schon vor Tagen. Ihr letztes Länderspiel liegt über zwei Jahre zurück. Und das Aufgebot erst, das hatte es in sich. Der Barcelona-Verteidiger Gerard Piqué, 2010 Weltmeister mit Spanien, war dabei. Der einst als der neue Messi gepriesene Bojan Krkic ebenfalls und Marc Bartra, der bis im Sommer 2017 noch für Dortmund verteidigte. Auch der 38-jährige Xavi Hernandez sollte Katalonien vertreten.

Die Gäste aus Venezuela haben unter dem Regime von Nicolás Maduro Mühe, Gegner für solche Freundschaftsspiele zu finden. Und weil dieser Maduro sich in Katalonien beliebt gemacht hatte, indem er die Unabhängigkeitsbestrebungen der Region guthiess, kam die Einladung aus dem Nordosten Spaniens. Maduro bezeichnete das Spiel dann auch als «Zeichen der Freundschaft und der Solidarität». Und Venezuela ist ja nicht irgendein Gegner, das Team hatte noch am Freitag in Madrid Argentinien 3:1 geschlagen.

«Es lebe Katalonien!»

Anderen war die Partie egal. Der Fifa zum Beispiel, Katalonien ist schliesslich kein anerkannter Verband. Somit war es für Xavis Verein Al-Sadd ein Leichtes, seinem Aushängeschild und Star zu befehlen, er müsse zu Hause bleiben. Bei nicht offiziellen Länderspielen haben Vereine nicht die Pflicht, ihre Spieler freizustellen, auch wenn sie – wie in diesem Fall – im vom Weltverband vorgegebenen Zeitraum stattfinden. «Ich werde hier in Katar euer glühendster Fan sein», schrieb Xavi auf Instagram, «es lebe Katalonien!» Auch die spanischen Clubs Rayo Vallecano, Valladolid und Huesca verhinderten einen Einsatz ihrer katalanischen Spieler, diese sollten sich auf den Abstiegskampf in Spanien konzentrieren. Und die spanische Presse hielt sich mit der Berichterstattung über dieses Spiel ohnehin zurück.

Venezuela seinerseits hatte mit ganz anderen Problemen zu kämpfen. Die Mannschaft ist in den Machtkampf zwischen Opposition und Regierung geraten. Sie wurde in Madrid vor dem Spiel gegen Argentinien von Antonio Ecarri besucht, einem Gesandten des selbsternannten Präsidenten Juan Guaidó, dem Gegenspieler von Maduro. Ecarri also hielt beim gemeinsamen Essen eine Ansprache und erntete Applaus der Spieler. Aus Höflichkeit, wie Trainer Rafael Dudamel danach sagte.

Trikots aus dem Laden

Ihm sei versprochen worden, dass alle Film- und Bildaufnahmen dieses Essens für den internen Gebrauch seien. Ecarri aber veröffentlichte sie auf Twitter, was den Anschein erweckte, dass das Nationalteam Guaidó-nahe sei. Dieser Besuch sei politisiert worden, schimpfte Dudamel danach, «das war erniedrigend und jämmerlich». Seine Mannschaft repräsentiere ganz Venezuela, nicht nur einen Teil davon. Kurzerhand erklärte der ehemalige Goalie mit 59 Länderspielen für Venezuela, er biete seinen Rücktritt an. Gegen Katalonien stand er noch an der Seitenlinie. Ob und wann er tatsächlich zurücktritt, ist noch offen.

Für noch mehr Durcheinander bei Venezuela sorgte der Ausrüster Givova. Mittelfeldspieler Tomás Rincón sprach von einer Schande, als er auf Twitter zu einer Tirade gegen die Italiener ansetzte. Givova hatte die Trikots nicht rechtzeitig geliefert, worauf das Team ohne Ausrüstung nach Spanien reisen musste. Die Shirts für das Spiel soll Givova dann in einem Sportgeschäft besorgt und mit Namen, Nummern und Logos bedruckt haben. Rincón schrieb: «Wir fordern absoluten Respekt gegenüber unserem Nationaltrikot und dem Team.»

Fussball gespielt wurde am Montagabend in Girona dann trotz allem noch. Katalonien gewann 2:1.

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