Wo der Präsident in die Eistonne springen will

In Deutschland wird die Saison 2019/20 mit der 1. Cuprunde lanciert – es ist der grosse Festtag für kleine Vereine wie Delmenhorst, Uerdingen und Cottbus.

Der Jubel des Roberto Rodriguez: In Uerdingen hat er eine Führungsrolle übernommen. Foto: Imago

Der Jubel des Roberto Rodriguez: In Uerdingen hat er eine Führungsrolle übernommen. Foto: Imago

Peter M. Birrer@tagesanzeiger
Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Delmenhorst:Eine Maus ist aus dem Häuschen

Wer Element of Crime kennt, kennt auch Delmenhorst. In diesem Lied heisst es: «Ich bin jetzt da, wo ich mich haben will / Und das ist immer Delmenhorst / Erst wenn alles scheissegal ist / Macht das Leben wieder Spass.» Sven Regener ist der Kopf der Band und Bremer, er hat einmal gesagt: «Delmenhorst ist eine Stadt, die man nicht gross auf dem Zettel hat. Deshalb war es reizvoll, sie poesiefähig zu machen.»

Delmenhorst liegt gleich neben Bremen, und aus dieser Stadt mit 80'000 Einwohnern kommt der SV Atlas, Mitglied der Oberliga Nord, fünfthöchste Spielklasse. Bei Atlas gibt es viele Fans des SV Werder. Das macht dieses Spiel vom Samstagabend noch etwas spezieller: Atlas gegen Werder im Weserstadion, «ein Jahrhundertspiel», sagt Manfred Engelbart. Jahrhundertspiel halt, weil es diese Begegnung in einer Wettbewerbspartie noch nie gegeben hat.

Engelbart, 74 und erfolgreicher Autohändler, steht für diese Verbindung zwischen Atlas und Werder. Seit 40 Jahren besitzt er eine Dauerkarte bei Werder, seit 30 Jahren ist er Clubmitglied. Und dazu ist er Präsident von Atlas. Darum weiss er schon jetzt: «Am Samstag gewinnen alle.»

Flutlicht im Weserstadion: Darauf freut sich Delmenhorst. Foto: Imago

Atlas, benannt nach einer lokalen Baggerfabrik, gewann im Mai den Niedersachsen-Pokal gegen Bersenbrück 3:2 und qualifizierte sich damit erstmals für die 1. Hauptrunde des DFB-Pokals. Schlau, wie die Männer um Engelbart waren, gaben sie das Stadion von Werder als Heimstadion an – einfach für den Fall, dass das Los Bayern, Dortmund oder eben Werder als Gegner beschert. Die 42'000 Karten für das Spiel vom Samstag waren dann innert zwei Tagen vergriffen. «42'000, unter Flutlicht, zur Prime Time, live auf Sky, mit Starreporter Wolf Fuss am Mikrofon ...», sagt Engelbart. Auch durchs Telefon ist zu spüren, wie euphorisiert er ist.

Vor ein paar Tagen begleitete er die Spieler ins 16 Kilometer entfernte Weser-Stadion, damit sie sich da ein wenig umschauen konnten, «damit sie am Samstag keinen Kulturschock erleben», wie Engelbart erklärt. Als er die Eistonne sah, die zum Kabineninventar gehört, versprach er: «Da springe ich rein, wenn wir gewinnen.»

Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Fall eintritt, ist nicht eben gross. Selbst für Engelbart nicht. «Wir gegen Werder», sagt er, «das ist nicht Klein gegen Gross oder David gegen Goliath. Das ist graue Maus gegen grossen Elefanten.»

Werder Bremen setzt um die 120 Millionen Euro um, Atlas müssen für seinen Betrieb gerade mal 300'000 Euro reichen. Eine Million nehmen die Amateure dank der Eintrittskarten brutto ein. Nach ganz vielen Abzügen bleibt ein Gewinn von 100 000 Euro. Engelbart sagt: «Dieses Geld lässt uns zwei, drei Jahre ruhiger schlafen.»

Aber wie gross ist nun die Chance der Maus gegen den Elefanten? Engelbart antwortet kaufmännisch nüchtern: «Unsere Chancen gehen gegen null.»

Uerdingen:Das riesige Highlight für Rodriguez

Der KFC Uerdingen ist derzeit ein Verein ohne Heimat. Sein verwittertes Stadion in Krefeld wird für viel Geld runderneuert, auf 2.-Bundesliga-Standard gebracht und in einem Jahr bezugsbereit sein. Der KFC ist auch ein Verein mit einer von Höhen und Tiefen geprägten Geschichte. Aufenthalte in der Bundesliga gehören dazu, ein Cupsieg 1985 gegen den FC Bayern – aber eben auch Abstürze nach wirtschaftlichen Eskapaden.

Inzwischen ist der Club drittklassig, seine Heimspiele bestritt er vergangene Saison in Duisburg, nun weicht er ins benachbarte Düsseldorf aus. In die Merkur-Spiel-Arena mit 54600 Plätzen, in der sich bei den ersten zwei Partien knapp 3000 Zuschauer verloren. Am Freitag wird aber alles anders sein, weil der Gegner nicht aus Halle oder Unterhaching kommt, sondern aus Dortmund. Die Uerdinger rechnen mit über 30'000 Besuchern. «Ein riesiges Highlight», nennt Roberto Rodriguez dieses Cupspiel, «Dortmund ist eine Welt-Mannschaft.» Trotzdem meldet er: «Ich will gewinnen.»

Roberto Rodriguez gewann an Bedeutung im Team von Uerdingen. (Bild: Getty Images)

Rodriguez ist 29, im Januar unterschrieb er in Uerdingen einen Vertrag bis 2021 mit Option auf eine weitere Saison. Er wäre gerne beim FC Zürich geblieben, aber ihm wurde signalisiert, dass er im Sommer keinen neuen Vertrag erhalten würde. Da kam Uerdingen wie gerufen, ein Club mit Ambitionen und geführt von einem russischen Präsidenten, der zwar einen umstrittenen Ruf hat, aber offenbar auch viel Geld. Rodriguez gewann in den ersten Monaten einen positiven Eindruck – und selber an Bedeutung innerhalb des Teams. Vom Flügel ist er ins offensive Zentrum gerückt, auf die Position des Zehners, und er übernimmt Verantwortung. Am vergangenen Samstag verwertete er gegen Sonnenhof Grossaspach (2:2) einen Elfmeter souverän.

Seit Anfang Mai ist Heiko Vogel sein Trainer, einst Meister mit dem FC Basel. Mit ihm unterhält er sich regelmässig über Aktuelles aus der Schweizer Super League. Einer der Teamkollegen ist Kevin Grosskreutz, 2014 im deutschen Weltmeister-Kader, ein anderer ist der Däne Andreas Maxsö, der 2018/19 beim FCZ verteidigte. Rodriguez sieht viel Substanz im Team, aber vom Aufstieg reden, das will er nicht: «Wir sollten zuerst einmal auf dem Platz forsch auftreten.»

Cottbus:Pele, die Euphorie und Bayern

Der Mann heisst Claus-Dieter mit Vornamen, aber wer ruft ihn schon so? Als «Pele» ist er in Deutschland bekannt, als Pele Wollitz, ehemaliger Profi, heute Trainer von Energie Cottbus in der Regionalliga. Wollitz versichert, er sei schon mit fünf Jahren so gerufen worden. Eine andere Version der Namensgebung geht so: Wollitz habe sich 1987 als junger Profi bei Schalke so vorgestellt: «Ihr könnt Pele zu mir sagen ...»

Aus dem vorzüglichen Techniker Wollitz ist ein Trainer geworden, der von sich sagt: «In den 90 Minuten bin ich sehr emotional, impulsiv – und wahrscheinlich auch cholerisch.» Direkt ist er auch neben dem Platz. Neulich übte der 54-Jährige Kritik, weil es beim früheren Bundesligisten mit den Neuverpflichtungen nicht wie gewünscht voranging: «Der Verein muss die Mission Wiederaufstieg zurücknehmen.»

Und nun wartet als nächster Gegner der FC Bayern, der Meister der vergangenen sieben Saisons. Das garantiert zwar ein volles Stadion und willkommene Einnahmen für einen Club mit finanziellen Sorgen. Nach dem jüngsten 5:3 gegen Rot-Weiss Erfurt sangen die Cottbuser euphorisiert: «Bayern kann man auch mal schlagen!» Und Pele? Wünschte «allen ein Spektakel und ein super Fest – und uns die richtigen Entscheidungen».

Chemnitz:Der Captain und die Neonazis

Die Fans feierten Daniel Frahn als «Fussballgott». Als er vor wenigen Tagen zum Captain des Chemnitzer FC befördert wurde, fragte ihn der Pressesprecher des Vereins gleich selbst: «Bist du jetzt die Mutter der Kompanie?» Frahn sagte: «Zum Teil schon.» Jetzt ist Frahn der gestürzte Held, der den CFC mit seinem Verhalten erneut in arge Turbulenzen gerissen hat.

Am letzten Samstag verfolgte er das Spiel seiner Kollegen in Halle im Fanblock und demonstrierte dabei eine folgenschwere Nähe zu führenden Köpfen der rechtsradikalen Gruppe «Kaotic Chemnitz». Der Club warf ihm vor, «grossen Schaden» angerichtet zu haben, und löste den Vertrag mit ihm per sofort auf.

Statt Fussballgott nun entlassen: Daniel Frahn. (Bild: Getty Images)

Chemnitz ist ein guter Nährboden für die Rechtspopulisten der AfD, und die Fanszene des CFC ist von Nazi-Hooligans unterwandert. Im März fand vor einem Spiel im Chemnitzer Stadion eine Trauerkundgebung für den Gründer der Gruppierung HooNaRa (Hooligans, Nazis, Rassisten) statt. Ein Chemnitzer Spieler feierte dabei sein Tor, indem er ein Leibchen hochhielt, auf dem aus dem Englischen übersetzt stand: «Unterstützt die lokalen Hooligans.» Der Spieler war Frahn. Er wurde damals vom regionalen Verband für vier Spiele gesperrt und mit 3000 Euro gebüsst.

Die AfD stellt sich nun hinter Frahn. Einer ihrer Landtagsabgeordneten sagt jedenfalls, der Entscheid gegen den Spieler sei rein politisch, der Club solle sich nicht in die Politik einmischen. Auch Fans reagieren laut Lokalpresse aufgebracht. Frahn ist bei ihnen beliebt, weil er vor gut einem Jahr trotz des Abstiegs in die Regionalliga den Vertrag verlängerte. Damals ging der CFC in die Insolvenz, ein Kölner Rechtsanwalt übernahm das Verfahren, welches das Verhältnis zwischen Club und Fans seither belastet. Der Insolvenzverwalter wird als «Chemnitzer Fussballmörder» bezeichnet. Er hat sich in der Szene auch deshalb nicht beliebt gemacht, weil er regelmässig vor der «Krake des Rechtsradikalismus» warnt.

Am Sonntag kommt der Hamburger SV zum Cupspiel ins Stadion An der Gellertstrasse. Der HSV ist auch ein Club, in dessen Schlepptau sich zweifelhafte Kräfte bewegen. Die Polizei stellt sich schon einmal auf «mehrere Eventualitäten» ein.

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