YB holt im Schongang Schwung

Nach dem 4:0 gegen den FCZ stellt sich für YB-Trainer Gerardo Seoane vor dem Spiel in Belgrad die Frage nach dem System. Und wie viel Risiko er bereit ist einzugehen.

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Dominic Wuillemin

Die Szene spielt am Rande, als die Vorführung zu Ende, die Demontage des FC Zürich in Bern rechtskräftig ist. Doch sie sagt viel darüber aus, wie die Young Boys vor gut 24'000 Zuschauern zum 4:0 gekommen sind. Ja, überhaupt, wie sie es geschafft haben, trotz etlichen gewichtigen Absenzen an Schwung dazuzugewinnen und überzeugend ganz zuoberst in der Tabelle zu stehen.

Gianluca Gaudino läuft also nach dem Spiel Richtung Eckfahne neben dem Tunnel, dort wo die Fernsehinterviews absolviert werden. Der 22-Jährige, im Winter als Vereinsloser verpflichtet, hat sich bei den Young Boys keine Hauptrolle ergattern können. An diesem Abend aber steht er im Fokus. Er bereitete das 1:0 vor, erzielte in der Schlussphase das 4:0 mit einem Freistoss durch die Mauer hindurch und zeigte einige Müsterchen seiner technischen Fertigkeiten.

Bei der Eckfahne erwartet ihn schon Guillaume Hoarau, die grosse Figur der Young Boys, die angeschlagen fürs Rückspiel im Playoff zur Königsklasse bei Roter Stern Belgrad geschont wurde. Und herzt Gaudino, der ihm bis zur Schulter reicht. «Die Chemie bei uns stimmt einfach», sagt der Mittelfeldspieler. «Keiner ist beleidigt, wenn er nicht zum Zug kommt. Das ist der Schlüssel zu solchen Leistungen.»

Sörensen und das Debüt

Gaudino war einer von fünf Neuen im Vergleich zum 2:2 am Mittwoch gegen Belgrad. Auch Nicolas Bürgy, Christian Fassnacht und Saidy Janko rückten ins Team. Frederik Sörensen, letzte Woche aus Köln verpflichtet, feierte in der Abwehr sein Debüt. Die Rochaden waren das eine, das veränderte System das andere. Seoane stellte sein Team in einem 3-4-1-2-System auf. Es war eine Premiere in dieser Saison und eine Massnahme mit Roter Stern im Kopf.

Der FCZ verfügt mit dem kleinen, quirligen Spielmacher Antonio Marchesano über einen ähnlichen Typen wie Belgrads Captain Marko Marin. «Wir versuchten mögliche Herausforderungen zu simulieren. Auch wenn Roter Stern ein anderes Kaliber als der FCZ ist», sagt Seoane. Er schliesst aus dem 4:0, dass die Dreierkette in Belgrad eine Option sein kann. Wie auch Debütant Sörensen, dem der Trainer als rechter Innenverteidiger eine gute Leistung attestiert. Der kräftige Däne meldet: «Ich bin auf alle Fälle bereit.»

In der Offensive nahm der wiedergenesene Fassnacht die Position hinter den Spitzen ein. Ein weiterer Schachzug, der aufging: Der Nationalspieler nutzte die Räume zwischen den gegnerischen Linien, hatte bei fast jedem Angriff seinen Fuss im Spiel und stand mit seinem Kopfball nach einem Freistoss am Ursprung des 1:0 (29. Minute). Er fühle sich hinter den Spitzen enorm wohl, sagt Fassnacht. Es sei fast schade, habe er sich nicht schon in jungen Jahren in diese Position eingearbeitet. «Aber es ist schön, sieht der Trainer, dass ich die Rolle ausfüllen kann. Ich hoffe, dass es nicht das letzte Mal war.»

Seoane, der Angesprochene, war sichtlich zufrieden. Ihm habe gefallen, mit welcher Konzentration sein Team ans Werk gegangen sei. «Die Leistung war nicht selbstverständlich bei fünf Wechseln und einer Systemveränderung.» In der zweiten Halbzeit, in der Jean-Pierre Nsame, der eingewechselte Nicolas Ngamaleu sowie Gaudino erhöhten, habe sich sein Team in einen Rausch gespielt. «Die Leistung gibt Selbstvertrauen für Dienstag.»

Hoarau und das Risiko

Helfen würde in Belgrad auch, sollte die Absenzenliste bis dahin um prominente Namen kürzer werden. Miralem Sulejmani trainiert zwar mit dem Team, bei Flanken und Schüssen ist der serbische Flügel immer noch nicht beschwerdefrei. Christopher Martins wiederum war nach dem Mittwoch derart erschöpft, dass ein Einsatz am Samstag zu früh gekommen wäre. Und Hoarau spürte nach seinem wertvollen Kurzeinsatz gegen Roter Stern, als er das 2:2 erzielt hatte, leichte Verspannungen. Sein Training bestand am Donnerstag und Freitag aus Velofahren, am Wochenende durfte er immerhin Joggen. Das könne kein Zustand auf Dauer sein, sagt Seoane. «Einmal müssen die Spieler auch die Zeit erhalten, wieder hundertprozentig fit zu werden.»

Dass es jetzt nicht Zeit ist für dieses Einmal, lässt Seoane zumindest durchblicken. «Es ist bei allen dreien ein Abwägen, wie viel Risiko wir bereit sind, einzugehen», sagt der YB-Trainer. Der Einsatz Hoaraus letzten Mittwoch etwa sei riskant gewesen. «Was wir auf keinen Fall wollen, ist, dass ein Spieler länger ausfällt.» Aber die Partie am Dienstag ist ja keine gewöhnliche, sondern die bisher wichtigste in dieser Saison. Es locken die erneute Teilnahme an der Champions League mit Duellen gegen die Upperclass des Weltfussballs und zweistellige Millioneneinnahmen.

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